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Pflaster und Wunde

Unser Küchentisch ist nicht nur ein Essenstisch, er ist ein Tisch für alles. Die verleimte, lackierte Holzplatte trägt die Spuren jahrelangen Essens, Backens, Spielens, Schnitzens.

Es wäre an der Zeit, etwas dagegen zu tun. Vielleicht schleifen und lackieren? Oder einen neuen Tisch kaufen? Unsere Pläne stießen auf Widerstand. Unsere Kinder sagten aufgebracht: "Niemals! Dieser Tisch ist heilig!" Sie waren der Ansicht, dass gerade die Verschleißspuren ihn erst hübsch machten. Dass er mit den vielen Kratzern und Dellen Erinnerungen verbinde.

Neben mir liegen zwei Zeitungen. Auf dem einen Titelblatt ist eins dieser Fotomodelle zu sehen. Jung, glatte Haut, schlanker Körper, gemäß der Vorgaben, die heutzutage als perfekt gelten. Auf der anderen Titelseite eine Frau in den 50ern, Großaufnahme des Gesichts. Die leichten Falten um die Augen, auf der Stirn und die Lachgrübchen um den Mund herum zeugen von einem Leben, was sowohl Freude als auch Bekümmernis kennt. Das erste Gesicht weckt vielleicht Bewunderung, das zweite weckt Interesse. Möglicherweise deshalb, weil es etwas zu berichten hat.

Ich habe in meinem gut fünfzigjährigen Leben eine Reihe Theorien über Gott gehört, Predigten und theologische Auslegungen. Ich habe Artikel und Bücher gelesen, die das, was wir christlichen Glauben nennen, in den prächtigsten Bildern ausmalten. Aber ich fange an zu verstehen, dass es nicht diese Ausarbeitungen sind, die mir den christlichen Glauben in mein Leben vermittelt haben.

Es waren die Menschen, deren Glauben voller Schrammen und Beulen vom Kampf des Lebens ist und die mir zeigten, wie der Weg zu gehen ist. Menschen, deren Leben von einem Glauben erzählt, der nicht immer stark, aber dennoch tragfähig ist. Ein Glaube, der nicht nur Pflaster, sondern auch Wunde war. Ein Glaube mit Kratzern, ein Glaube mit Falten, ein gebrauchter Glaube. Einer der durchs Leben trägt.