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| 01:36 Uhr

Paul Petow war eben nicht da

Das Rathaus in Weißwasser mit dem Marktplatz. Aufnahme aus dem Jahr 1935. Foto: privat
Das Rathaus in Weißwasser mit dem Marktplatz. Aufnahme aus dem Jahr 1935. Foto: privat
Weißwasser. Am 28. August 2010 begeht Weißwasser das 75. Stadtjubiläum. Es ist kaum zu glauben, wenn man weiß, dass der Ort älter ist als 458 Jahre. Historische Erscheinungen lassen sogar ein doppelt so hohes Alter berechtigt vermuten, was sich aber nicht exakt beweisen lässt. Von Lutz Stucka


Dieser hohe Altersunterschied zum Stadtwerdungsdatum ist in der Tat apart und liegt in der außerordentlichen historischen Entwicklung Weißwassers begründet, die möglicherweise sogar einmalig im Lande ist.

Hartnäckiger KampfDiese Abnormität verlangte einen dreißig Jahre hartnäckigen Kampf. Am Ende gab es nicht einmal einen Sieg, sondern nur ein Zugeständnis, auch dann, wenn gar kein Bedarf an Stadtrechten bestanden hätte. Ein banaler Amtsakt war es dann, wofür man kaum hätte etwas tun müssen. Für Weißwasser war das zwar sehr erfreulich, endlich am Ziel zu sein, andererseits aber auch sehr betrüblich, für die jahrelangen vergeblichen Mühen.

Am Vormittag des 5. September 1935 ging ein Telefonanruf in Weißwassers Rathaus ein. Der Gemeindesekretär nahm den Hörer ab und gewahrte am anderen Ende der Telefonleitung den Landrat persönlich. Er habe eine äußerst wichtige Botschaft und möchte Herrn Petow sprechen. Der Sekretär bedauerte, der Chef sei derzeit nicht zugegen. Bürgermeister Paul Petow hatte sein Amt nicht offiziell inne, er war nur kommissarisch eingesetzt. Der letzte Bürgermeister musste wegen Unfähigkeit gehen und mit einem neuen tat man sich schwer. Dieser sollte erst Mitte Dezember des Jahres kommen. Petow war hauptberuflich Revierförster und in diesem Moment nicht anzutreffen. So musste der Landrat eben mit dem Sekretär vorlieb nehmen. Dieser teilte ihm feierlich mit, der Oberpräsident für die preußische Provinz Schlesien in Breslau habe verfügt, der Ort Weißwasser in der Oberlausitz erhalte mit Wirkung vom 28. August 1935 die Stadtrechte. Das war eine Überraschung, oder war das nur ein Scherz? Nein, betonte der Sekretär, morgen käme ein Bote nach Weißwasser, welcher die Urkunde dem Bürgermeister übergeben werde, gab er den ungläubigen Rathausmitarbeitern zu verstehen.

Dreißig Jahre hatte Weißwasser auf diesen Moment gewartet. Man versuchte alles Mögliche aufgrund der Größe und wirtschaftlichen Stärke der Kommune, die Stadtrechte zu erhalten, aber immer vergebens. Es fehlte stets das eine oder andere städtische Merkmal, eine für dieses Prädikat übliche Einrichtung oder eine ansässige Behörde, die den Rahmen auszufüllen hatten. Es gab auch zahlreiche Ausflüchte der oberen Behörden, die Stadtrechte gab es jedenfalls nicht.

Neues Gesetz Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wurde fast alles verändert, auch die Gemeindegesetze. Um der politischen Umstrukturierung schnell gerecht zu werden, verabschiedeten die Länder, so auch Preußen, ein eigenes neues Gemeindeverfassungsgesetz. Dieses regelte unter anderem, dass der Bürgermeister nicht mehr demokratisch gewählt werden dürfe, sondern dass er vom politischen Machtregime, der NSDAP und dessen Kreisleiter, berufen werde und auch nur von der Partei abgesetzt werden könne. Neu regelte das Gesetz auch, welchen Status die Ortschaften künftig einzunehmen hatten. So wurde festgelegt, dass nur noch Orte “...in denen der überwiegende Teil der Volksgenossen dem Reichsnährstand (landwirtschaftliche Produktion - d. Verf.) angehören, die Bezeichnung Bauerdörfer führen sollen...„. Alle anderen haben den Anspruch auf die Bezeichnung ,,Stadt''. Die früheren Anforderungen an die Infrastruktur einer Kommune, um den Titel ,,Stadt'' zu erhalten, gab es nicht mehr.

Braune MachthaberNun war aber das Bestreben der neuen Machthaber, nicht mehr verschiedene Ländergesetze zu dulden, sondern sie strebten über die Gleichschaltung ein einheitliches Reichsgesetz an. Das neue Gemeindeverfassungsgesetz vom 15. Dezember 1933 vereinheitlichte zum Beispiel das bisher zersplitterte preußische Kommunalrecht. Nach neuen nationalsozialistischen Grundsätzen sollte es aber bald mit den anderen Ländergesetzen vereinheitlicht werden. Länderspezifische Unterschiede in der Grundordnung sollte es wie bisher im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr geben. “Bis das Reichsgesetz eine grundlegende Reform der Gemeindeverfassung für das ganze Land durchführt, müsse es eben so unvollendet und vorübergehend gültig sein„, lautete die Festlegung. Man tat es zur Seite - und wartete ab.