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Patient "Pflege" kränkelt ganz schön

Die Pflegereform, die seit diesem Jahr stufenweise in Deutschland erfolgt, soll verschiedene Verbesserungen bringen.
Die Pflegereform, die seit diesem Jahr stufenweise in Deutschland erfolgt, soll verschiedene Verbesserungen bringen. FOTO: Fotolia
Bad Muskau. 13 000 Pflegebedürftige im Kreis Görlitz – in Deutschland 2,6 Millionen – bekommen jetzt mehr Geld. Auch die Betreuung soll sich im Zuge der Pflegereform schrittweise verbessern. Bei einem Forum mit SPD-Expertin Mechthild Rawert in Bad Muskau zeigte sich aber: Der Patient "Pflege" hat noch einen weiten Weg vor sich. Gabi Nitsche

Wenn der Arzt die richtige Diagnose stellt und die passende Medizin verordnet, sind wichtige Voraussetzungen geschaffen, gesund zu werden. In der Altenpflege braucht es dafür veränderte Rahmenbedingungen, wie sich in dem Forum unter dem Titel "Für eine gute und menschenwürdige Pflege" erwies.

SPD-Bundestagsabgeordneter Thomas Jurk hatte sich seine Fraktionskollegin Mechthild Rawert an die Seite geholt, um mit Beschäftigten der Pflegebranche über das hoch sensible Thema und die veränderte Gesetzgebung zu diskutieren und diese zu erläutern. Die Anwesenden scheuten sich nicht, das Wort zu ergreifen.

Die Pflegedienstleiterin einer stationären Einrichtung in Zittau hielt den Finger gleich in mehrere Wunden. Die Reform sei gut und schön. Aber: "Es fehlen Fachärzte, bei uns vor allem ein Neurologe. Die Kosten für Transporte zu Ärzten in andere Städte sind sehr teuer. Termine bekommen wir oft erst für ein halbes Jahr später. Das zu organisieren, raubt einem die Kraft."

Auch fehlende Pflegestützpunkte, wie es sie in anderen Bundesländern ja gebe, seien ein Dilemma. "Doch der Beratungsbedarf ist hoch. Wer berät dann die Leute? Wir, die in der Pflegeeinrichtung arbeiten. Das ist aber Zeit, die ich prinzipiell eigentlich nicht habe." Eine Görlitzerin kritisierte den Personalschlüssel für Pflegeeinrichtungen. Der Krankenstand sei bei den meisten Pflegediensten hoch, die Mitarbeiter würden immer an der äußersten Grenze arbeiten und Enormes leisten. Diese ständige Belastung sei ein wesentlicher Grund für die hohe Fluktuation, die deutschlandweit beklagt werde. "Keiner kann langfristig Familiäres planen, denn wir können ja nicht einfach schließen, wenn uns die Mitarbeiter krank werden." Viele würden in eine ganz andere Branche wechseln, weil sie es gesundheitlich nicht verkraften, was ihnen aufgebürdet wird. "Ich frage mich oft, ob ich es noch verantworten kann", gestand eine der anwesenden Pflegedienstleiterinnen.

"Ich darf keine Medikamente geben, die vom Arzt nicht verordnet wurden. Und finden Sie mal Freitagnachmittag einen Arzt, wenn ein Bewohner bei uns eine Schmerztablette braucht, weil er Zahnschmerzen hat", berichtete eine der rund 50 Anwesenden.

Mit erschreckenden Beispielen aus dem Alltag wartete auch Alexander Porges auf, der einer von insgesamt fünf Pflegeanbietern in Bad Muskau ist. Stichwort Fachärztemangel: "Eine Augenärztin in Weißwasser, und das war's dann." Weil einer seiner Klienten dringend spezielle Augentropfen brauchte, die der Hausarzt nicht verschreiben darf, musste er mit dem Mann nach Görlitz fahren. "Das geht aber nicht, weil ich die Kosten nicht bekomme. Ich bin aber kein Transport-, sondern ein Pflegeunternehmen", beklagte der Bad Muskauer entrüstet. Einem Pflegebedürftigen bei hohem Fieber mit einem Wadenwickel womöglich Linderung verschaffen - selbst das dürfe er nicht ohne ärztliche Anordnung. Doch deswegen von weit her den Bereitschaftsarzt zu rufen, funktioniere auch nicht. Allgemeinmediziner Dr. med. Karl-Heinz Dreier aus Weißwasser gab den kritischen Frauen recht: "Wir haben eines der besten Gesundheitswesen der Welt. Aber auch ich muss Ewigkeiten auf Facharzt-Termine für meine Patienten warten." Die geschilderte Bürokratie im stationären Pflegebereich kotze ihn an, sagte er wörtlich. "Das gehört geändert" fordert Dreier. "Gesundheitswesen besteht aus Selbstverwaltung", unterstrich Mechthild Rawert und ergänzte: "Wir können als Politiker nicht für alles verantwortlich gemacht werden." Eine der anwesenden Pflegedienstleiterinnen bat den Hausarzt, doch mal seine Kollegen zusammenzunehmen und dagegen vorzugehen.

Zwischen Alten- und Krankenpflege klaffe ein großes Loch, was die Bezahlung angeht. Regina Rißler, Betriebsrätin im Krankenhaus Weißwasser, griff das auf, denn die Pflegereform sieht auch vor, die Ausbildung künftig zu vereinheitlichen: "Ich habe Bedenken, dass dann nicht Altenpfleger an die Krankenpflege angepasst, sondern Letztere finanziell abgewertet werden."

Eine anwesende Ergotherapeutin, die auf Demenzkranke spezialisiert ist, wie sie sagte, berichtete von dem Kampf um Hilfsmittel für Senioren. Es sei traurig, in welchem begrenzten Umfang Hausärzte Physiotherapie-Rezepte ausstellen dürfen. Es sei furchtbar, wie auch Rehabilitationen für diese Menschen eingestampft wurden, beklagte sie.

Ein Umdenken müsse auch erfolgen, was Pflegesätze in Sachsen angeht, forderte Thomas Jurk. Der Freistaat zahle weniger als andere Bundesländer, gehöre aber zu denen mit den meisten Pflegebedürftigen.

Zum Thema:
Pflegereform: Am 1. Januar sind das Pflegestärkungsgesetz I mit mehr und besseren Leistungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sowie das Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf in Kraft getreten. Was das bedeutet, erfuhren die Forum-Teilnehmer aus erster Hand von Mechthild Rawert. Bei dem für 2017 angekündigten zweiten Pflegestärkungsgesetz geht es um bedarfsgerechte Pflege. Psychisch und an Demenz erkrankte Menschen sollen gleichermaßen von allen Leistungen profitieren. Zurzeit trifft das nicht zu.In Sachsen beträgt das Durchschnittsalter laut SPD-Bundestagsabgeordneten Thomas Jurk 47 Jahre. Mehr als 145 000 Einwohner von rund vier Millionen gelten derzeit als pflegebedürftig. Der demografische Wandel lässt diese Zahl weiter ansteigen. "Ich hoffe, dass die Verbesserungen durch das neue Gesetz bei den Menschen ankommen", so Jurk in Bad Muskau.