Der Görlitzer Kreisvorsitzende der AfD und Gablenzer Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla wehrt sich gegen die Kritik zweier ehemaliger Mitglieder des Verbandes und der Partei. Die RUNDSCHAU hatte vom Austritt der Wahlkampf-Expertin Sylvia Littke-Hennersdorf berichtet. Sie begründete ihren Austritt so: „Im Vordergrund stehen nur noch Posten, Posten und Macht. Jedwede kritische Stimmen werden mundtot gemacht. Damit sind für mich rote Linien mehrfach deutlich überschritten.“

Was der AfD-Politiker Tino Chrupalla zu den Vorwürfen sagt

Tino Chrupalla bezieht zu dem Vorwurf von Littke-Hennersdorf auf Nachfrage schriftlich Stellung: „Natürlich geht es in der Politik um Macht. Worum denn sonst? Ohne Macht kann man schließlich nicht die Veränderungen herbei führen, die sich unsere Wähler wünschen. Wer mir daraus einen Strick drehen will, der muss eigentlich die parlamentarische Demokratie an sich in Frage stellen.“

Die AfD sei nämlich, wie alle Parteien, an ihre Rahmenbedingungen gebunden. Allerdings stehe die Macht nicht im Vordergrund, so Tino Chrupalla, sondern sie sei „lediglich ein Mittel zum Zweck, das der Umsetzung des Wählerwillens dient“. Den Bundestagsabgeordneten wundert nach eigenen Angaben zudem, dass Sylvia Littke-Hennersdorf diese Aussagen tätigt, „obwohl sie noch bis zum 31. Mai bei mir angestellt ist“.

Den Vorwurf, dass kritische Stimmen mundtot gemacht würden, weist Chrupalla vehement zurück. „Wir sind viel demokratischer als die etablierten Parteien, unser Meinungsspektrum ist sehr breit gefächert.“

Das bezweifelt Frank Großmann, einstiger Mitbegründer des Kreisverbandes. Auch er ist im März diesen Jahres aus der Partei ausgetreten. Er erklärte, wie Sylvia Littke-Hennersdorf, seinen Austritt bei Facebook.

Über den Kreisvorsitzenden schreibt Großmann: „Unter Tino Chrupalla wurde aus dem Kreisverband eine privat geführte Sekte, die einen Führerkult pflegt.“

Der Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete sagt dazu, das sei „eine diffamierende Interpretation von Herrn Großmann, dem offenbar missfällt, dass ich eine gewisse Position im Kreisverband und darüber hinaus erlangt habe“. Großmann selbst sei in mehreren Wahldurchgängen von einer großen Mehrheit der Mitglieder im Kreisverband nicht gewählt worden, „und ist vermutlich deshalb enttäuscht“, sagt Tino Chrupalla.

Sektenähnliche Strukturen könne er im Verband nun nicht erkennen, erklärt er der RUNDSCHAU: „Die Wortwahl von Herrn Großmann erscheint mir deshalb ausgesprochen unzutreffend.“

AfD: Leitfaden für den Umgang mit der Presse

Ein AfD-Insider berichtet dennoch der RUNDSCHAU, dass die Meinung von Frank Großmann keine Einzelmeinung sei. „Man versucht mit allen Mitteln, an die Macht zu kommen“, so der Insider. „Störer und Kritiker“ in den eigenen Reihen würden nach und nach aussortiert. Den politischen Gegner wolle man „bekämpfen“.

Der Ortsgruppenvorsitzende der AfD aus Weißwasser, Roberto Kuhnert, hat via Facebook mitgeteilt: „Auch Grün muss massiv bekämpft werden!“ Er bezeichnet Sylvia Littke-Hennersdorf gegenüber der RUNDSCHAU zudem als „Hochstaplerin“. Schließlich habe hinter Tino Chrupallas Bundestagswahlkampf 2017 ein Team gestanden, dem auch er angehörte, „und nicht nur sie“.

Anfang 2019 hatte Tino Chrupalla mit einem Schreiben an seinen Kreisverband bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Darin wirft er der Presse „Spaltungs- und Zersetzungsstrategien“ vor. In enger Abstimmung mit dem Landesverband Sachsen habe er deshalb einen Leitfaden für den Umgang mit der Presse entwickelt, an den sich jedes Mitglied halten solle.

Einer der Punkte darin: „Journalisten, die voreingenommen sind und eindeutig gegen uns arbeiten, werden aus unserem Verteiler gelöscht. Wir … verweigern in Zukunft die Weitergabe jeglicher Informationen“, heißt es in dem Schreiben. Chrupalla ruft die AfD-Mitglieder auch zur Denunziation auf: „Hintergrundinformationen über als Journalisten getarnte Zersetzungsagenten sind natürlich immer willkommen.“

Fragen der RUNDSCHAU zur Authentizität des Schreibens und zum Inhalt ließ Chrupalla bislang unbeantwortet.