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| 16:00 Uhr

Naturschutz
Ornithologen erforschen den Muskauer Park

Die Ornithologen verfolgen im Bergpark Gesang und Flugbild des Mittelspechtes.
Die Ornithologen verfolgen im Bergpark Gesang und Flugbild des Mittelspechtes. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Bad Muskau. Obwohl der Muskauer Park weltweite Bekanntheit genießt, ist über seine Vogelwelt bislang nur wenig bekannt. Das wollen die heimischen Ornithologen jetzt ändern. Von Torsten Richter-Zippack

Es ist schon ein Stück weit verrückt: Eigentlich kennt jeder Lausitzer den Muskauer Park. Ebenso, so erklärt der Rietschener Naturforscher Dr. Fritz Brozio, ahnen wohl viele, dass es im UNESCO-Weltkulturerbe-Ensemble auch eine reichhaltige Vogelwelt geben müsse. Doch welche Arten dort genau leben, könne derzeit niemand mit Bestimmtheit sagen. „Ich jedenfalls kann keine Zahl nennen“, gibt Brozio unumwunden zu. Das wurmt die Naturschützer der Weißwasseraner Nabu-Gruppe natürlich. „Deshalb versuchen wir jetzt, über die Parkexkursionen möglichst viele Arten sehen und hören zu können“, erklärt der Rietschener. Nicht zuletzt sei auch die Literatur über die Muskauer Vogelwelt sehr übersichtlich. Daher müsse selbst Hand angelegt werden. Seit Beginn dieses Jahres gebe es eine Exkursionskooperation zwischen den hiesigen Nabu-Leuten und der Stiftung Fürst-Pückler-Park. Neben den Vögeln werden nach Angaben von Parkmeister Bernd Witzmann weitere naturkundliche Themen angegangen, unter anderem die Pflanzenwelt sowie das Reich der Pilze.

Als die gut ein Dutzend Vogelfreunde an diesem Aprilmorgen zu ihrer Tour am Besucherparkplatz an der Neiße aufbrechen, steigt wie im Bilderbuch ein Kranich aus dem Fluss empor, trompetet kurz und verschwindet im Nebel. „Da hätten wir schon mal die Nummer eins“, sagt Fritz Brozio zufrieden, notiert die Beobachtung in sein Büchlein und hat Sekunden später die nächsten Wasservögel vor seinem Fernglas. Diesmal handelt es sich um ein Pärchen Schellenten. Das Weibchen präsentiert sich mit seinem dunkelbraunen Kopf, beim Männchen strahlen dagegen die goldenen Augen. Und gleich nebenan entdeckt einer der Vogelfreunde einen Gänsesäger, ähnlich wie die Schellente ebenfalls ein Höhlenbrüter. „Diese Art ist in unserer Region erst ein Brutvogel geworden“, erklärt Fritz Brozio. „Vor 40 bis 50 Jahren war es noch ein Höhepunkt, wenn mal ein Gänsesäger gesichtet worden ist.“

Angekommen im Bergpark sind die Eichelhäher zu hören, wenn auch schon merklich leiser als noch vor ein paar Wochen. Kein Wunder, beginnen sie jetzt mit der Brut. Hannelore Mätzke, die direkt im Park wohnt, hat eine gewisse Abneigung gegen diese Art: „Ich musste einmal mit ansehen, wie sich ein Häher eine junge Meise aus unserem Vogelkasten geholt hat. Das war schon bitter.“

Mätzke bezeichnet sich selbst als ausgemachte Vogelfreundin. „Über den Winter habe ich immer die Piepmätze gefüttert. Besonders schön waren die vielen Stieglitze anzusehen.“

Nebenbei spürten die Naturfreunde im Bergpark mehrere Exemplare des Gefingerten Lerchensporns auf. Er ist in Mitteleuropa sehr selten.
Nebenbei spürten die Naturfreunde im Bergpark mehrere Exemplare des Gefingerten Lerchensporns auf. Er ist in Mitteleuropa sehr selten. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Der Bergpark wird indes von uralten Baumriesen, meist Buchen und Eichen, geprägt. „Wir lassen die Gehölze solange stehen, wie es nur geht“, erklärt Parkmeister Witzmann. So profitieren neben vielen Vogelarten, beispielsweise den Spechten, auch zahlreiche Insekten vom vergehenden Holz. Fritz Brozio berichtet, dass bei einer Untersuchung im Naturschutzgebiet Niederspree an einem abgestorbenen Stamm 270 Käferarten nachgewiesen wurden.

Immer wieder ist das Trommeln im Park zu vernehmen. Die Verursacher sind gefiedert und markieren mittels dieser Geräusche ihre Reviere. Es handelt sich laut Fritz Brozio um mehrere Spechtarten, die manchmal nicht einfach voneinander zu unterscheiden seien. Da sei ein aufmerksames Ohr sehr vorteilhaft. An diesem Morgen gelingt akustisch und sogar optisch der Nachweis eines Mittelspechtes, der eine auffällige rote Kopfplatte besitzt. Im dichten Gebüsch zeigen sich ebenfalls Zaunkönig und Rotkehlchen. Bis die Vogelwelt im Muskauer Park wieder komplett ist, dürften allerdings noch zwei, drei Wochen ins Land gehen. Derzeit sei der Vogelzug aus den Überwinterungsquartieren in vollem Gange.

Immerhin: An diesem nebeligen Aprilmorgen verhören die Ornithologen genau 28 Vogelarten. „Ich denke, dass ist für diese Jahreszeit völlig normal“, kommentiert Fritz Brozio. Er habe noch auf den Eisvogel gehofft, der regelmäßig vor dem Muskauer Schloss auftauchen soll. Doch an diesem Tag will sich der fliegende Edelstein nicht zeigen. Nach der ersten ornithologischen Exkursion im Februar und der jetzigen zweiten im April werde Ende Mai eine dritte Parktour stattfinden. Ob die Ergebnisse mal in einer Publikation zusammengefasst werden, lässt Brozio derzeit offen. Die Nachfrage sei jedenfalls vorhanden, weiß Bernd Witzmann. „Wir haben immer mehr Gäste, die den Park auch aus naturkundlicher Sicht erkunden möchten. Denen wollen wir entgegenkommen.“