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| 01:44 Uhr

Obstbaum-Studium am Tagebaurand Rietschen

Rietschen. Das Rietschener Obstbaum-Projekt kommt voran. Mit Hilfe des Experten Werner Schuricht aus Jena konnte die Daubitzer Biologin Grit Striese auch die letzten Sorten im Vorfeld des Tagebaus Reichwalde für die Nachzucht bestimmen. Im Herbst sollen die ersten Jungbäume gepflanzt werden. Die Standorte stehen schon weitgehend fest. Von Daniel Preikschat

Werner Schuricht kann kaum glauben, dass er gerade durch ein ehemaliges Dorf fährt. Kein Haus steht mehr in Viereichen. Keine Straßenkreuzung, kein Zaun lässt die Siedlungsstruktur erkennen. In der Ferne sieht der 75-Jährige schweres Braunkohleabbau-Gerät. Doch sein Blick wird von den totgeweihten Obstbäumen angezogen. "Goldparmäne", sagt er und "Herrnhuter" oder "Muskat-Renette".

Der Doktor der Pomologie (von lat. pomum Baumfrucht, bzw. Pomona, die Göttin der Gartenfrüchte) erkennt Obstsorten oft schon aus der Ferne. Aus dem Auto heraus, in dem ihn die Daubitzer Biologin Grit Striese gerade mit Sondergenehmigung des Energiekonzerns Vattenfall durch das Vorfeld des Tagebaus Reichwalde fährt. Neben einem Apfelbaum hält die Daubitzerin an. Biologin und Pomologe gehen um den Baum herum. Mit einem Kescher pflückt Grit Striese zwei Äpfel von den Zweigen. Als Schuricht sie in Händen hält, kommt er ins Grübeln. Der eine sieht aus wie ein "Rheinischer Bohnapfel", der andere jedoch wie eine "Doberaner Renette". Was ist das nun für ein Baum?

Die innere Offenbarung

Die Sorte eines Baums sicher bestimmen kann Schuricht nur, wenn er den Apfel aufschneidet, sein Kerngehäuse betrachtet und ihn probiert. Farbe, Form und Größe geben ihm nur eine grobe Orientierung. Er sagt aber selbst in seinem breiten Thüringisch: "Manchmal erkenne ich eine Sorte auch einfach nicht." Schließlich gebe es in Deutschland nahezu 2000. "Interessant, aber unbekannt", sage er sich dann.

Seit Jahrzehnten hat sich der Jenaer mit Obstbäumen befasst. Er hat das Exotenfach studiert, war Mitbegründer des einzigen Pomologenvereins in Deutschland. Nun soll er die letzten Wissenslücken der Biologin aus Daubitz füllen. Sie hat für Schurichs Rietschener Einsatz gut vorgearbeitet und 370 Obstbaum-Proben in den Umsiedler-Dörfern Viereichen, Mocholz, Linda und Altliebel eingesammelt. Größtenteils Äpfel und Birnen, aber auch Pflaumen und Kirschen. Je drei Früchte pro Baum.

Von vielen Bäumen hat die Biologin, unterstützt von einer Baumschule in Weißenberg, auch schon starke Triebe für die Nachzucht genommen. Aufgepfropft auf junge Bäume sind sie mittlerweile so weit herangewachsen, dass sie im Herbst eingepflanzt werden können. 150 dieser Neupflanzungen bezahlt der Tagebaubetreiber Vattenfall. Damit können zwar nicht alle Obstbäume über die Abbaukante gerettet werden. Es reiche aber, sagt Grit Striese, um die vorherrschenden Sorten in dem Abbaugebiet zu erhalten.

Graben wird schwierig

Grit Striese und Werner Schuricht halten in Rietschen neben einem Backsteinbau, in dem früher die Arbeiter des Glaswerks gearbeitet haben. Striese und Schuricht gehen um das Gebäude herum und erreichen eine Wiese am Schöps. Hier sollen die nachgezüchteten Bäume eine Streuobstwiese bilden. Striese interessiert Schurichts Meinung. Der Pomologe schaut skeptisch. Einen Graben, sagt er, müsste man über die Wiese ziehen, zum Entwässern. "Das wird schwierig", sagt Grit Striese. Schurichts zweiter Vorschlag: Auf die ganze Wiese Mutterboden geben. "Davon müsste doch beim Abbaggern genug anfallen." Das wiederum hält Grit Striese für machbar.

Arbeitsplatz in der Scheune

Gemeinsam fahren beide weiter in den Erlichthof. In einer der hinteren Scheunen ist Schurichts Arbeitsplatz. In Kisten sind die nummerierten Proben von den Obstbäumen abgepackt. Der Pomologe richtet an einem Tisch seinen Arbeitsplatz ein. Gleichzeitig steht die Scheune am nächsten Tag Besuchern des Natur- und Fischerfestes offen. Sie sollen sich schlau machen können über den aktuellen Stand des Obstbaum-Projektes.

Grit Striese bringt zwei Plakate an. Das eine zeigt die alten Standorte der Bäume im Tagebauvorfeld. Auf dem anderen ist zu sehen, wo die Nachzüchtungen gepflanzt werden sollen, verteilt auf die Rietschener Ortsteile. Die eben besuchte Wiese im Gemeindebesitz ist schon mit berücksichtigt. Ein wenig müssten sich die Rietschener schon gedulden, bis die Nachpflanzungen die Größe ihrer Vorfahren erreicht haben. Zehn Jahre könne das dauern.

"Dafür aber", sagt Grit Striese, "haben sie bei guter Pflege eine Lebenserwartung von 80 Jahren."