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| 16:29 Uhr

Heimatgeschichte
Nur ein paar Obstbäume sind geblieben

Auf der Landkarte des Kreises Rothenburg aus den 1920er-Jahren sind die östlichen Neißedörfer, die damals noch zum Kreis Sagan gehörten, erkennbar.
Auf der Landkarte des Kreises Rothenburg aus den 1920er-Jahren sind die östlichen Neißedörfer, die damals noch zum Kreis Sagan gehörten, erkennbar. FOTO: Richter Torsten
Skerbersdorf. Östlich der Neiße erinnern mehrere Wüstungen an gewesene Dörfer.

Krauschwitz, Sagar, Skerbersdorf, Pechern, Werdeck, Podrosche und Klein Priebus: Wie an einer Perlenschnur reihen sich diese Dörfer entlang des Westufers der Lausitzer Neiße auf. Anders dagegen östlich des Grenzflusses. Bis auf die ehemalige Stadt Priebus (Przewóz) sowie die winzigen Orte Buchwalde (Busze) und Pattag (Potok) herrscht dort bezüglich von Ortschaften mehr oder weniger gähnende Leere.
Größere Wiesen, feuchte Ödländer und auch Wälder prägen diesen Landstrich. Hier und dort sind auch ein paar uralte, knorrige Obstbäume zu finden. Diese Gehölze zeugen von Dörfern, die es seit gut 70 Jahren nicht mehr gibt. Denn im Frühjahr 1945 bildete die Lausitzer Neiße die Hauptkampflinie zwischen den deutschen und den sowjetischen Truppen. Dementsprechend groß waren die Zerstörungen in den dortigen Siedlungen. Nach Kriegsende wurde das Land östlich der Neiße polnisch. Und mehrere Dörfer wurden nicht mehr aufgebaut.

Beispielsweise Wendisch Musta. Einst gegenüber von Skerbersdorf gelegen, zu dem es auch eine Fährverbindung gab, künden heute nur noch ein paar Apfel- und Birnbäume vom gewesenen Ort. Selbst Ruinen sind so gut wie keine mehr zu finden. Schließlich war Baumaterial nach dem Krieg knapp. Im Jahr 1934 lebten in Wendisch Musta 252 Einwohner, wie es Rektor Robert Pohl in seinem Werk „Priebus und die Dörfer des ehemals Saganer Westteils“ niedergeschrieben hat. Eingepfarrt waren die Einwohner nach Priebus. Es gab ein Rittergut mit Schloss, Park und Brennerei. Selbst eine Brauerei fehlte im Dorf nicht. Zu Wendisch Musta, das während der späteren NS-Zeit aufgrund seines slawischen Namens in „Birkfähre“ umbenannt worden war, gehörten die Vorwerke Kutschig, Lichtenberg und Schrot­hammer. Auch von diesen beiden Siedlungen ist heute kaum mehr etwas zu sehen.

Gäbe es Wendisch Musta heute noch, hätten die Bewohner anno 2014 die 550-Jahr-Feier ihres Ortes feiern können. Denn das Dorf taucht im Jahr 1464 erstmals aus dem Dunkel der Geschichte auf. Vor 85 Jahren wurde Wendisch Musta dem Kreis Rothenburg (OL) zugeteilt. Der Anlass: Der vorherige Kreis Sagan erfuhr seine Auflösung. Am 20. Februar 1945 schlug das letzte Stündlein des Dorfes. An jenem Tag wurde es von Wehrmachtssoldaten angezündet. Rund zwei Jahre zuvor soll der Berliner Schauspieler Harald Juhnke im Zuge von Ausgebombten einige Zeit in Wendisch Musta gelebt haben.

Auch Jamnitz existiert nicht mehr. Die einstige Gemeinde Jamnitz-Pattag befand sich ein paar Kilometer flussaufwärts von Wendisch Musta. In beiden Orten lebten laut Robert Pohl Mitte der 1930er-Jahre 106 Einwohner. Der Ortsname deutet auf Ton- und Wassergruben hin. Pohls Gasthaus in Jamnitz soll bereits über 200 Jahre Bestand gehabt haben.

Direkt gegenüber der früheren Kreisstadt Rothenburg liegt die Wüstung von Tormersdorf. Neben dem Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkrieges existieren nur noch ganz wenige Ruinen.
Traurige Berühmtheit erlangte der Ort mit einstmals rund 700 Einwohnern durch das jüdische Wohn- und Arbeitslager. Daran erinnert in Rothenburg ein Gedenkstein an der Tormersdorfer Allee. Im kommenden Jahr jährt sich die Umbenennung des einstigen Weges zur Neißebrücke in Tormersdorfer Allee zum 20. Mal. Den Gedenkstein wird es dann seit genau anderthalb Jahrzehnten geben.

Manche Orte an und nahe der Neiße an diesem Abschnitt sind auch auf polnischer Seite erhalten geblieben. Erwähnenswert ist beispielsweise Sanice, das frühere Sänitz. Ebenso Buchwalde (Busze). Doch im Großen und Ganzen präsentiert sich diese Gegend als weltabgeschieden, was allerdings nicht unbedingt ein Nachteil sein muss.

(amz)