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| 19:10 Uhr

Naturschutz
Nur die Weißkeißeler Jungstörche leben noch

Ein Storch alleinb unterwegs. Wo der Partnervogel fehlt, können keine Jungstörche aufgezogen werden. Nicht der einzige Grund, warum es in diesem Jahr mit dem Nachwuchs schlecht aussieht. Foto: T. Richter-Zippack
Ein Storch alleinb unterwegs. Wo der Partnervogel fehlt, können keine Jungstörche aufgezogen werden. Nicht der einzige Grund, warum es in diesem Jahr mit dem Nachwuchs schlecht aussieht. Foto: T. Richter-Zippack FOTO: Torsten Richter-Zippack
Weißwasser. 2018 wird als katastrophales Storchenjahr in die Geschichtsbücher eingehen. In keinem Horst in der Region Weißwasser ist Nachwuchs groß geworden. Großes Glück hatten aber die Rotstrümpfe aus Weißkeißel. Von Torsten Richter-Zippack

Den Weißkeißeler Jungstörchen geht es bestens. Derzeit wagen die Tiere ihre ersten Flugversuche. Schließlich soll es bald in die Überwinterungsquartiere nach Afrika gehen. In Weißkeißel leben die Tiere indes schon lange nicht mehr. Denn bereits am 21. Mai wurden vier Eier aus dem dortigen Horst, der sich über dem Gemeindeamt befindet, entnommen. „Ein Altstorch war verunglückt“, erklärt Gemeindearbeiter Henri Hänchen. So wurden die Eier geborgen und in den Tierpark nach Görlitz gebracht. Denn ein Elterntier allein kann keinen Nachwuchs aufziehen. „Bei uns kamen die Eier in den Brutapparat. Ende Mai schlüpften alle vier Küken“, erinnert sich Catrin Hammer vom Tierpark. Mit Eintagsküken, Fischen, Mäusen und Mineralpräparaten wurden die jungen Adebare aufgepäppelt. Demnächst sollen die nunmehr fast erwachsenen Störche im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft ausgewildert werden. Insgesamt wurden dieses Jahr im Görlitzer Tierpark sieben externe Jungstörche groß gezogen. Hinzu gesellen sich drei weitere Küken bei den hauseigenen Weißstörchen, sagt Catrin Hammer.

Weit weniger Glück hatte der Rotstrumpf-Nachwuchs in den weiteren Horsten der Region um Weißwasser. Beispielsweise bei Familie Gotzmann in Gablenz: „Alle vier Jungstörche sind gestorben. Am 7. und 8. Juni wurden sie aus dem Nest geworfen“, sagt Monika Gotzmann traurig. Nur rund zwei Wochen durften die Küken leben. „Ich denke, die Altvögel hatten für ihren Nachwuchs nicht genügend Futter“, vermutet die Gablenzerin. „Vögel haben da so einen gewissen Instinkt.“ Jetzt hoffen die Gotzmanns aufs nächste Storchenjahr. Immerhin: Anno 2017 wurden bei ihnen zwei Jungvögel erwachsen.

Auch im Schleifer Horst von Petra König gibt es keinen Nachwuchs. „Zwar kamen die Alttiere Anfang April pünktlich an und paarten sich. Doch wahrscheinlich haben sie keine Eier gelegt“, hat König beobachtet. Stattdessen sei es rund um den Horst gegenüber dem Sorbischen Kulturzentrum öfter zu Rangeleien mit fremden Störchen gekommen. „Zudem haben unsere Vögel dieses Jahr nicht so intensiv an ihrem Nest gebaut wie sonst üblich“, sagt Petra König.

In Halbendorf gibt es 2018 ebenfalls keine Jungstörche zu vermelden. Horst Scholta, der gleich gegenüber wohnt, hat eine Theorie: „Am Mast, auf dem sich der Horst befindet, war lange Zeit ein Werbeplakat befestigt. Das hat bei Wind und Wetter immer gegen den Mast geschlagen. Vielleicht hat darunter die Brut gelitten.“ Zwölf Monate zuvor hatte es in Halbendorf noch zwei gesunde Jungvögel gegeben.

Auch im benachbarten Groß Düben sind dieses Jahr keine Jungstörche aufgewachsen. Die Störche hatten den Horst am Westrand des Dorfes nur für kurze Zeit besucht.

Nach Angaben der Klittener Ortsvorsteherin Annemarie Bahlo blieb auch der Kascheler Storchenhorst diesmal leer. Im gesamten Biosphärenreservat gab es 2018 lediglich vier Brutpaare, so wenige wie noch nie seit Bestehen des Schutzgebietes, rechnet Dirk Weis, Sachbearbeiter für Arten- und Biotopschutz, vor. Bruterfolge habe es in Steinitz, Wessel, Commerau bei Klix und Guttau gegeben. „Außer an diesen Brutplätzen konnten 2018 noch an fünf Standorten Horstbesuche festgestellt werden. Vielleicht finden sich im nächsten Jahr hier auch wieder Weißstörche ein. Dies und der überdurchschnittlich hohe Bruterfolg mit 14 Jungen lässt auf eine positive Entwicklung hoffen“, resümiert Dirk Weis.

Die genauen Nachwuchszahlen für die gesamte Oberlausitz liegen nach Angaben von Klaus-Henry Tauchert von der Sächsischen Vogelwarte Neschwitz erst im Herbst vor. Der Experte spricht von einem durchwachsenen Jahr. Durch die seit April anhaltende Trockenheit gebe es kaum Regenwürmer und Frösche. Dafür seien aber Grashüpfer und Heuschrecken reichlich vertreten. „Diese Arten können einen gewissen Nahrungsausgleich bilden“, mutmaßt Tauchert.

Die Störche werden sich im Laufe des Augusts auf ihre mehrere Tausend Kilometer lange Reise in die Überwinterungsquartiere nach Afrika begeben. Wenn alles gut geht, treffen sich im kommenden März/April wieder wohlbehalten in der Lausitz ein.