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Nun doch: Zukunft ist Opfer schnellen Gewinns

Fast 400 Siemens-Beschäftigte demonstrierten in Görlitz für den Erhalt des Ausbildungszentrums.
Fast 400 Siemens-Beschäftigte demonstrierten in Görlitz für den Erhalt des Ausbildungszentrums. FOTO: Uwe Menschner/ume1
Görlitz. Beschäftigte des Görlitzer Standortes protestieren gegen die Schließung der betrieblichen Ausbildungsstätte, und Jan Otto von der IG Metall erlebt ein Deja vú. Uwe Hegewald / ume1

"Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht", hat Werner von Siemens im Jahre 1884 gesagt. Derselbe Spruch stand auch auf einem Banner, das junge Beschäftigte des Görlitzer Siemens-Werkes am Dienstagmittag auf der Melanchthonstraße, unweit ihres Betriebes, präsentiert haben. Die Abkehr von dem durch den Firmengründer geprägten Grundsatz werfen die Auszubildenden und jungen Beschäftigten der heutigen Konzernführung vor: "Für eine kurzfristige Steigerung der Rendite will sie die Ausbildung an unserem Standort, also dessen Zukunft, verkaufen", erklärte der Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung am Siemens-Standort Görlitz, Lukas Nitsche.

Die Ankündigung dieses Schrittes durch die Konzernspitze bildete den Anlass für eine Kundgebung, an der sich fast 400 Beschäftigte beteiligten.

"Das ist schon ganz gut, wir müssen aber noch mehr werden", schleuderte Jan Otto der Menge entgegen.

Der Bevollmächtigte der IG Metall für Ostsachsen erlebte eine Deja vú, hatte er doch in diesem Jahr bereits mehrfach vor Görlitzer Industriebeschäftigten gesprochen. Bislang galten die Proteste allerdings den Plänen der Bombardier AG, die Bedeutung ihres Görlitzer Standortes drastisch zu verringern. Zuletzt hatten sich in diesem Zusammenhang 3000 Menschen an einem Protestmarsch durch Görlitz beteiligt. Nicht ganz erfolglos, wie man heute weiß: Schließlich sind die schlimmsten Befürchtungen zunächst vom Tisch, von einer Schließung oder auch einer Reduzierung auf die bloße Fertigung von Wagenkästen aus Aluminium ist keine Rede mehr. Und doch muss Bombardier Görlitz die bittere Pille eines drastischen Personalabbaus schlucken.

Nun also Siemens. "Es ist zum Kotzen", nahm Jan Otto kein Blatt vor den Mund, "dass Görlitz immer so behandelt wird, es läge es am Rande der Welt. Dabei ist dies eine tolle und lebenswerte Stadt, die ihre großen, tarifgebundenen Industrieunternehmen braucht." Immerhin hatten die Bombardier-Arbeitnehmer eine Abordnung zur Siemens-Kundgebung entsandt, so, wie auch schon die Siemens-Beschäftigten ihre Solidarität mit den Kollegen bei Bombardier bekundeten.

Von einer Werksschließung ist bei Siemens zwar keine Rede, wohl aber von einer Schließung der erst 2014 eröffneten betrieblichen Ausbildungsstätte. "Die Konzernspitze hat das angekündigt, es ist also schon sehr konkret und anders, als öffentlich behauptet, nicht nur Spekulation", wie der Betriebsratsvorsitzende Christian Heinke betont.

Und Annette Engelfried vom Siemens-Team der IG Metall weiß, dass die Pläne zum Abbau der Ausbildungskapazitäten nicht nur Görlitz betreffen: "Das steht auch für andere Standorte im Raum. Deshalb müssen wir zusammenstehen."

Ein Wegfall der Ausbildung am Siemens-Standort Görlitz hätte Folgen, die weit über das Werk hinausreichen: "Betroffen wäre die Hochschule Zittau/Görlitz, mit der wir bei der Bachelorausbildung kooperieren, aber auch das Berufsschulzentrum Weißwasser", unterstreicht Christian Heinke. Derzeit gebe es am Standort Görlitz etwa 100 Ausbildungsplätze. Die jungen Leute kämen teilweise aus Familien mit "Siemens-Erfahrung" seit mehreren Generationen, sie wollten in Görlitz bleiben und arbeiten. "Doch wer zur Ausbildung nach Chemnitz oder Leipzig muss, der kommt nicht nach Görlitz zurück." Die Zukunft für Siemens Görlitz - sie würde fehlen.