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„Nebenbei gründete er noch ein Dorf“

weißwasser.. Joseph Schweig hatte sieben Fabriken in Weißwasser gegründet, zahlreiche Wohnhäuser gebaut, mehrere Vereine ins Leben gerufen sowie etliche Stiftungen – besonders für soziale und kommunale Einrichtungen – initiiert. Eine seiner zahlreichen Verwandten aus Israel, die ihn persönlich nicht einmal kannte, schrieb später: „. . . er brachte Industrie in dieses Gebiet und gründete nebenbei ein Dorf.“ Von lutz stucka

Joseph SchweigBlick auf die Villa des Unternehmers und Kommunalpolitikers Joseph Schweig in Weißwasser.Dies hört sich oberflächlich betrachtet sehr hochtrabend an, ist es aber nicht. Schweig war in der Tat namhaft an der Gründung und Entstehung der Industriegemeinde Weißwasser beteiligt. Man könnte ihn durchaus den Gründer dieser Stadt nennen. Joseph Schweig war auf dem Gipfel seiner Karriere angelangt. Er war seit 1885 Mitglied der Gemeindevertretung, seit 1900 zählte er zum Gemeindevorstand. Dieser rasche Aufstieg eines Ortsfremden war sicher nicht jedem der Alteingesessenen angenehm, denn bei der Gemeindeschöffenwahl im Jahr 1892 erzielte Joseph nur eine von 16 Stimmen. Erst im März 1900 konnte er dritter Schöffe werden und ersetzte Hermann Malky, Mitinhaber der Glashütte Hirsch, Janke.
Kommunalpolitisch war Schweig sehr aktiv. Er unterstützte mit zahlreichen Spenden und Hilfeleistungen das Wachstum des Ortes Weißwasser. Eine bedeutende gesellschaftliche Einrichtung war der Turn- und Rettungsverein, den Schweig am 13. Oktober 1885 mit gründete und dessen Vorsitzender er anschließend wurde. Aus diesem Verein ging die Freiwillige Feuerwehr Weißwasser hervor, deren erster Brandmeister er bis 1904 war. Abgearbeitete Bergbauflächen rund um den späteren Jahnteich schenkte Schweig dem Verein zur Nutzung für einen Turnplatz, eine Turnhalle und einen Feuerwehrturm. Im Jahr 1898 wurde auf Schweigs Initiative der Haus- und Grundbesitzer Verein, dessen Vorsitz er ebenfalls hatte, gegründet. Zur Jahrhundertwende war er Begründer und Vorsitzender des Invaliden-Vereins, dessen Vereinslokal, das erste Altersheim in Weißwasser, durch ihn gestiftet wurde. Dieses Gebäude ist noch heute an der Teichstraße gegen über der Einmündung des Jahndamms zu finden.
Als in Neu-Weißwasser, Ortsteil am Bahnhof, ein zweites evangelisches Schulsystem eingeführt werden musste, hielt Schweig in seinem 1893 gebauten Wohnhaus an der heutigen Dr.-Altmann-Straße, Ecke Karl-Marx-Straße, Unterrichtsräume bereit. Ein Jahr später stellte das evangelische Kirchen- und Schuloberhaupt, Pastor Froboeß fest, dass Schweig als der begütertste Mann im Ort kein Schulgeld zahlt. Aufgrund seiner hohen Gebäude- und Einkommensteuer hatten sich für die Jahre 1891 bis 1894 stattliche 1130 Mark angesammelt, auf die der evangelische Schulvorstand nicht verzichten wollte. Schweig begründete seine Ablehnung damit, „. . . dass ich als Bekenner der jüdischen Religion zur genannten Abgabe nicht verpflichtet bin.“ Er hatte damit sicher Recht, aber den Landrat von Lucke, Gemeindevorsteher Kiesewetter und den Schulvorstand Friedrich Froboeß gegen sich. Allem Ärger aus dem Wege gehend, als auch noch der Rechtsweg gewählt werden sollte, zahlte Schweig die geforderte Summe. Vier Jahre später war alles vergessen. Schweig zeigte sich dem Bildungswesen gegenüber wieder wohltätig. Der 1898 gegründeten „Höhere Privatschule“ , kurze Zeit später Mittelschule, stellte er wegen Unterkunftsmangels 1901 ein schönes Fachwerkwohnhaus an der Bautzener Straße, Ecke Gutenbergstraße zur Verfügung.
Am 18. Mai 1893 hielt Kaiser Wilhelm II. Zwischenstopp bei seiner Reise nach Görlitz auf dem Bahnhof Weißwasser. Die uniformierten Vereine und die Gendarmen hatten auf dem Bahnhof entlang des Eisenbahngleises Aufstellung genommen. Schweig als Vorsitzender des Militärvereins begrüßte den Kaiser mit einer kleinen Parade. Obwohl Schweig sich mit dem Monarchen nicht im politischen Gleichklang befand, war er von Seiner Majestät sehr beeindruckt.
Schnell lief er in sein gegenüber dem Bahnhof befindliches Wohnhaus, streifte sich vorsichtig die weißen Handschuhe ab, mit denen er des Kaisers Hand drücken durfte und verstaute diese in seinem Tresor. Hier sollen sie dann unberührt bis zu seinem Tod verwahrt gewesen sein.
Den Händedruck des Kaisers konnte Schweig noch spüren, als er in der Ortspresse als Kaisergegner dargestellt wurde. Er war Anhänger einer freisinnigen politischen Richtung, deren Ziele nicht in Übereinstimmung mit denen des Herrschers standen. Der Monarch wünschte nachhaltig, das deutsche Heer bedeutend zu verstärken und war auf der Suche nach politischer Unterstützung. Schweig wiederum favorisierte eine Partei, die dem allerhöchsten Wunsch nicht zustimmte. Die Presse stellte der Öffentlichkeit nun die Frage, ob ein Mann wie Schweig der Richtige für den Vorsitz eines Militärvereins sei und wie man es überhaupt zulassen konnte, dass solch ein politischer Gegner dem Kaiser die Hand reichen durfte? Man forderte den sofortigen Rücktritt. Schweigs Anhänger in Weißwasser verteidigen ihn, ein Militärverein sei keine politische Gruppierung und jegliche persönliche A nsicht spiele hier keine Rolle. Das gegnerische Lager holte aber erneut aus, indem Schweig vorgeworfen wurde, dass er sich in Weißwasser maßlos bereichert hätte. Er habe unter dem Vorwand der späteren Auskohlung billig Bauernland erworben und verkaufte es später als teures Bauland rund um den entstehenden Marktplatz. Schweig war sehr betroffen. Um aus dieser Antipathie wieder herauszukommen, bot er am 17. Juli 1893 das Gelände des künftigen Marktplatzes der Gemeinde Weißwasser als Geschenk an. Dieses Terrain war tatsächlich zur Auskohlung bestimmt gewesen, aber später, als man feststellte, dass eine Ausdehnung der Gruben in dieser Richtung dem künftigen kommunalen Wachstum Weißwassers entgegenstünde, wieder verworfen worden. Auf dem freien Sandplatz, der bisher als Glassandgrube diente und vorerst nicht bebaut werden konnte, standen hin und wieder einige Händlerbuden. Hier entwickelte sich zaghaft ein kleiner Wochenmarkt. Schweig überließ der Gemeinde diesen Flecken mit der Bedingung „. . . , dass das Standgeld von Händlern solange gesammelt wird, bis es zur Pflasterung des Platzes ausreichend ist. Anschließend sollen davon 50 Prozent des Standgeldes für die Instandsetzung verwendet und der Rest zur Sparkasse gebracht, um für einen Krankenhausbau angespart zu werden.“
Zu guter Letzt schenkte Schweig der Gemeinde Weißwasser noch das "Zwei-Kaiser-Denkmal". „Da ich heute zur Versammlung nicht erscheinen kann, so teile ich Ihnen ergebenst mit, dass ich für alle Unkosten für das Denkmal aufkomme, so dass die Gemeinde Weißwasser für das Denkmal nichts zu zahlen hat.“ Einige Zeit später ließ der Stifter ebenfalls auf seine Kosten die Platzrandbepflanzung und die floristische Gestaltung des Zentrums um das Denkmal vornehmen.
Nach dem frühzeitigen Tod seiner Frau lebte er allein mit seinen vielseitigen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Aufgaben.
Am 1. September 1923, er saß am frühen Abend plaudernd mit einem früheren Mitarbeiter im Garten hinter seiner Villa, als ein plötzliches Herzversagen sein Leben beendete.
Joseph Schweig wurde auf seinem jüdischen Privatfriedhof, heutiger Parkteil um das Ehrenmal der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges, unter hoher Anteilnahme der Weißwasseraner Einwohner beigesetzt.

zeittafel Henriette und viele „braune Lappen“
1. April 1881. Eine Legende? Als Joseph Schweig mit seiner Gattin auf dem Bahnhof Weißwasser am 1. April 1881 ankam, soll Henriette ein Vermögen bei sich getragen haben, womit man zu jener Zeit ein ganzes Land hätte kaufen können, weiß der Volksmund zu berichten. Es soll sich um ein Päckchen mit Tausendmarkscheinen gehandelt haben, die wegen ihrer Farbe und Größe „braune Lappen“ genannt wurden. Da zu jener Zeit hinter jeder Mark Golddeckung stand, entsprach dieses Päckchen einem Gewicht von neun Pfund Feingold. Entsprechend der damals geltenden Reichsmünzordnung kostete ein Kilogramm Gold 2790 Mark. Frau Schweig trug demnach 12 555 Mark bei sich, was nach dem heutigen Goldwert etwa 45 000 Euro entsprach.
1883.
Schweig ist mit nur vierjähriger Unterbrechung bis zu seinem Tod Vorsitzender des ältesten und auch bedeutendsten Vereins Weißwassers, dem Militärverein. Hier erlebt er politische Höhen und Tiefen. Seiner intensiven Beteiligung zufolge wird im Jahr 1895 ein Leichenwagen angeschafft, den auch die Gemeinde gegen eine Leihgebühr benutzen kann. Seiner Initiative ist es weiterhin zu verdanken, dass eine „Kaiser-Wilhelm-der-Große-Stiftung“ gebildet wird. Schweig bewirkt, dass 3000 Mark beschafft werden, die den Grundstock dieser Stiftung bilden. Von den jährlich anfallenden Zinsen werden Witwen und Waisen von Vereinsmitgliedern regelmäßig am Kaisergeburtstag bedacht. Seine fürsorglichen Bestrebungen bringen ihm viel Sympathie bei den Einwohnern Weißwassers ein.
1885. Der große Unternehmer hat nicht nur ein Herz für seine älteren Mitbürger. Es ist zu dieser Zeit üblich, dass Weißwassers Jugend Schulausflüge zu Fuß nach Kromlau und zum Kinderfest auf Försters Wiese, hinter dem heutigen Kino gelegen, unternehmen. Zur besseren Ausgestaltung dieser Festzüge stiftet Schweig der Schule eine Fahne mit der Aufschrift: „Schule zu Weißwasser 1885“ und lässt auch einige Knaben als Marschmusiker ausbilden. Die Instrumente stellt er dem Trommler- und Pfeiferkorps zur Verfügung, der fortan den Schülerzug anführt.
1904. Schweig stellt seinen Privatfriedhof, der zu einer allgemeinen jüdischen Beisetzungsstätte werden soll, der Gemeinde zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung.
10. Oktober 1908. Die Gemeindeverwaltung beschließt, das ehemalige Hotelgrundstück des abgebrannten und bis heute größten Hotelbaus im Ort, des „Hohenzollernhofs“ , zu kaufen. Dieser Schritt wird durch ansehnliche Spenden der Fabrikbesitzer Josef Schweig und Carl Janke ermöglicht. Der Bau des Amtsgerichtsgebäudes mit Gefängnis beginnt. Auch der anschließend erfolgte Rathausanbau ist finanziell ohne Kreditaufnahme abgesichert.