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Namen wechselten, die Besitzer auch

Weißwasser.. Als Heinrich Lausberg, der Leiter der Adler-Apotheke, Anfang der siebziger Jahre sein Ruhestandsalter erreicht hatte, übergab er die Einrichtung im Jahr 1972 an Dr. Manfred Schüßler. Zu dieser Zeit wurde die Einrichtung mit einem besonderen Status versehen. Von Lutz Stucka

Es wurde der Apotheke erlaubt, besonders hochwertige, zumeist aus dem westlichen Ausland eingeführte Präparate, über spezielle Genehmigungen der Bezirksapotheke, an Patienten, die diese Medikamente wirklich brauchten, auszugeben. Diese besonders kostenintensiven Importe wurden dann nur in abgezählten Mengen verabreicht. Als Heinrich Lausberg, der die Apothekerwohnung in der oberen Etage bewohnte, auszog und Dr. Schüßler diese nicht nutzen wollte, kam hier die Zentrale Kreisapothekenverwaltung mit ihren Dienstzimmern unter. Insgesamt waren hier fünfzehn Mitarbeiter tätig, die auch kleine Aufgaben für das Krankenhaus in der Stadt ausführten. Im Jahre 1990 kamen die Apotheken, die sich in Staatsbesitz befanden, in das Treuhandvermögen. Die derzeit tätigen Leiter erhielten das Vorkaufsrecht. Die Adler-Apotheke als besonders gut ausgestattete ehemalige Kreis-Apotheke hatte während der DDR-Zeit etwa 2200 medizinische Artikel im Vorrat. Nach der Wende war plötzlich unter Siebzigtausend auszuwählen. Dr. Schüßler und sein Team entschieden sich, etwa zehntausend Arzneimittel bereitzuhalten.
Dafür war natürlich ein rascher Umbau noch im Jahre 1991 nötig. Unkomplizierte Baugenehmigungen erfolgten und während der Betriebszeit konnten die nötigen Erweiterungsarbeiten schnell ausgeführt werden. Auch die Besitzer des Hauses, Nachkommen des Gründers Max Kulka, unterstützten diese Maßnahme. Im Jahr 2003 hatte das Apothekerehepaar das Ruhestandsalter erreicht und nach längerem Suchen eine Nachfolgerin, Sylke Melcher, gefunden.

Löwen-Apotheke
Obwohl die Einwohnerzahl seit 1912 annähernd konstant blieb, wurde eine zweite Apotheke nötig. Die gesundheitlichen Leiden, die sich viele aktive Teilnehmer während des ersten Weltkrieges zuzogen, aber auch die Hungerjahre ab 1916 in Deutschland zeigten jetzt ihre Nachwirkungen. Sie mussten medizinisch behandelt werden. So eröffnete in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre Apotheker Georg Smiatek an der Hauptstraße, heute ist es die Berliner Straße, eine zweite Apotheke, die Löwen-Apotheke. Sie befand sich im Eckhaus der Fleischerei Exner an der Einmündung der Ziegel- in die Berliner Straße. Ende des Jahres 1931 verstarb Georg Smiatek und seine Witwe Käthe führte als Inhaberin die Einrichtung kaufmännisch weiter. Als Fachkraft handelte Apotheker Schmidt an ihrer Seite. Ab Dezember 1934 wurde das Haus an Apotheker Paul Juretzka weiter gegeben. Juretzka leitete die Apotheke bis Juni 1959, wo e r sie an seine Mitarbeiterin Magdalena Jaschik übergab und selbst in den Ruhestand ging. Frau Jaschik kam Mitte der fünfziger Jahre nach Weißwasser, arbeitete kurzzeitig in der Adler-Apotheke und wechselte anschließend in die kleinere Löwen-Apotheke über. Auch Schwester Cecilia Jaschik kam auf Anraten Magdalenas in die Glasstadt und begann ihre Arbeit in der Adler-Apotheke. Nach erfolgreichem Fernstudium zur Apothekerin übernahm Cäcilie Ende der sechziger Jahre die Löwen-Apotheke und löste ihre Schwester in den Ruhestand ab. Das Unternehmen wurde einige Zeit nach der Adler-Apotheke, Anfang der fünfziger Jahre, verstaatlicht. Der Besitzer Paul Juretzka erhielt wegen des desolaten Zustandes der Einrichtung keine Entschädigung dafür. Die ursprünglich in einer Erdgeschosswohnung eingerichtete Ausgabestelle war total verschlissen und musste dringend renoviert werden. Ein grö& szlig;erer Umbau, wobei die Räume um den Eckladen erweitert wurden, erfolgte Mitte der sechziger Jahre. Die Apotheke nutzte in dieser Zeit die leer stehende Verkaufseinrichtung des ehemaligen Geschäftes „Hut-Schulze“ , heute Modegeschäfte an der Muskauer Straße, für ihre Tätigkeit. Anfang der siebziger Jahre, Cäcilia Jaschik hatte ebenfalls ihr Ruhestandsalter erreicht, wurde nach einem Nachfolger gesucht. Das Apothekerehepaar Groß, das erst vor einem Jahr nach Boxberg in die dortige Ausgabestelle übersiedelte, konnte gewonnen werden. Rainer Groß übernahm im September 1971 die Löwen-Apotheke und seine Ehefrau blieb allein in Boxberg. Im Jahr 1978 wechselte auch sie nach Weißwasser in die Adler-Apotheke und übergab die jetzt als Vollapotheke geltende Einrichtung an Pharmazie-Ingenieur Eckner. Nach der Wende 1990 übernahmen beide Eheleute das Unternehmen des Mannes in Privatbesitz. Im März 1999 eröffneten sie im neu errichteten Wohngeschäftshaus Berliner Straße 1 ihre Löwen-Apotheke erneut.

Apotheke am Eisstadion
Der Bau der Südstadt Weißwasser forderte auch eine Apotheke für die vielen hier lebenden Einwohner. Im Jahr 1972 wurde eine solche Einrichtung am Eisstadion eröffnet. Sie befand sich in dem der Kaufhalle „Minute“ benachbarten Wohnhaus Wilhelm-Pieck-Straße 79. Hier waren zwei aneinander liegende Wohnungen verbunden und als Betriebsräume eingerichtet worden. Leiterin wurde Maria Schüßler, Ehefrau des Leiters der Adler-Apotheke Dr. Manfred Schüler. Einige Jahre später sollte ein neues Bautypenprojekt erprobt werden, welches zwölf Arztpraxen und eine Apotheke beinhaltete. An der Lutherstraße entstand schließlich dieses Gebäude. Die Einrichtung wurde 1977 eröffnet und da hinein wechselte die „Apotheke am Eisstadion“ . Der Musterbau sollte eine Stadtambulanz werden, die künftig im ganzen Land so zu bauen war. Im Jahr 1990 übernahm die bisherige Apothekerin Maria Hermann das Unternehmen aus dem Treuhand- in Privatbesitz. Als 1998 das Ambulanzgebäude ausgemustert wurde, siedelte die Einrichtung in das gegenüberliegende neu errichtete Ärztehaus.
Am 31. August 2001 übergab Maria Hermann das Unternehmen mit zehn Mitarbeitern an ihren Sohn.

Drogerien
Neben der Adler-Drogerie von Ernst Grosch an der Bismarckstraße, heute Straße der Glasmacher, existierten ab Ende der zwanziger Jahre die Medizinal-Drogerie Arthur Schulz im früheren Wohngeschäftshaus Muskauer Straße/Ecke Karl-Marx-Straße und die Bahnhofsdrogerie Alfred Herrmenz, heute Kosmetiksalon Günther.
Da die beiden erstgenannten Häuser während des Beschusses der Stadt Weißwasser am 18. April 1945 durch schwere Artillerie der Roten Armee vollständig zerstört und auch nicht wieder aufgebaut wurden, übernahm der Händler Erwin Neugebauer die Adler-Drogerie, ersetzte damit die Einrichtung von Ernst Grosch. Erwin Neugebauer führte dieses Geschäft der Gebrüder Reinhold als Reformhaus ab Ende der dreißiger Jahre weiter.
Kleinere Einrichtungen dieser Branche waren die Drogerie Georg Pallmann und das Sanitätshaus Schmidt-Klimt.

Zeittafel Medizin an der Zapfsäule
1912. Der Chauffeur eines Selbstfahrers, welcher auf der Muskau-Bautzener Landstraße den Ort Weißwasser passiert, erhält Automobil-Treibstoff bis zu dieser Zeit nur beim Apotheker- und Drogeriehändler Ernst Grosch in der heutigen Straße der Glasmacher in Flaschen angeboten. Otto Breitenfeld eröffnet in diesem Jahr neben seinem Fahrradgeschäft vor seinem Laden an der Muskauer Straße, heute Grünfläche mit Denkmal Opfer des Faschismus, erstmals eine Tankzapfsäule der Firma „Olex-Deutsche Petroleum Verkaufsgesellschaft mbH“ .
Juli 1921. Im Hotel „Deutscher Kaiser“ findet eine Hygieneausstellung statt. Sie wird der Einwohnerschaft zum Besuch wärmstens empfohlen. „Alle, die es mit der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ernst nehmen, sollten diese Ausstellung besichtigen, die diese in etwa 400 Abbildungen und Präparaten vor Augen führen“ , kann der Interessent erfahren.
1931. In Gegenden wo die Kreuzotter besonders häufig vorkommt, wie um Weißwasser, hat der preußische Minister für Volkswohlfahrt angeordnet, das erfolgreich eingesetzte Heilserum in Krankenhäusern und auch Apotheken vorrätig zu halten. Von 91 gebissenen Personen im Land erlagen vier der Vergiftung.
24. März 1945. In der Löwen-Apotheke werden letztmals Arzneimittel durch den Militärarzt Dr. Maeltzn abgeholt. Anschließend, Paul Juretzka hatte das Glück nicht wie sein Kollege in der Adler-Apotheke zum Militärdienst gerufen zu werden, schließt er sein Haus, denn mit dem Angriff der Roten Armee jenseits der Neiße wird jederzeit gerechnet. Die meisten Einwohner haben Weißwasser bereits verlassen.
18. April 1945. Während des Kampfes um die Stadt werden durch Artilleriebeschuss die Wohngeschäftshäuser mit der Adler- und der Medizinal-Drogerie vollständig zerstört. Die beiden Apotheken hingegen bleiben unbeschädigt.
26. Juni 1945. Die Löwenapotheke wird durch Paul Juretzka wieder eröffnet.
1946. Bis etwa Mitte des Jahres war es üblich, da das Geld mit dem Hakenkreuz darauf keinen Wert mehr hatte, ohne Bezahlung Leistungen entgegen zunehmen. Bei Friseur Knobloch zum Beispiel oder beim Arzt bedankte man sich für die erhaltene Leistung und verließ die Einrichtung. Doch nach einiger Zeit begann der Apotheker, der seine Arzneimittel selbst aus Görlitz holen musste, Geld dafür zu verlangen. Er müsse diese dort auch bezahlen, rechtfertigte er sich. Beim nächsten Mal hatten sich die Leute die gewünschten wertlosen Geldscheine besorgt und „bezahlten“ dann eben damit, berichtete Zeitzeuge Werner Pabel aus Weißwasser.
Februar 1949. Letztmalig zu dieser Zeit bestehen die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) Görlitz und Weißwasser getrennt. Ab jetzt ist die Sozialversicherungskasse (SVK) Görlitz Träger der Sozialleistungen der Einrichtungen beider Städte.
November 1952 . Die Arzneimittel für Patienten des Kreises Weißwasser werden jetzt über die SVK Spremberg abgerechnet.
1961 bis heute . Sicher nicht alltäglich ist dieser Berufslebenslauf: Angelika Trinks erlernte ab dem 1. September diesen Jahres den Beruf des Apothekenfacharbeiters in der Löwen-Apotheke und ist noch heut in diesem Haus tätig.
3. Februar 1968. Der Balkon an der Vorderfront der Adler-Apotheke wurde in eine Verkaufsraumerweiterung einbezogen und an seine Stelle trat ein weiträumig verglaster Eingangsbereich. Während der Umbauarbeiten zog die Apotheke mit all ihren Sachen in die leer stehende Schulbaracke an der Erzberger Straße und bediente hier ihre Kunden. Am 25. Februar des folgenden Jahres fand die Wiedereröffnung der renovierten Adler-Apotheke statt.
1995 . In Weißwasser gibt es sechs Apotheken: Adler-Apotheke (S. Melcher), Flamingo-Apotheke (T. Schuhmann), Apotheke am Bahnhof (M. Schuhmann), Löwen-Apotheke (R. Groß), Apotheke am Eisstadion (Dr. M. Schüßler), Flora-Apotheke (B. Michlenz)
1998. Das Gebäude der Stadtambulanz an der Lutherstraße wird abgerissen. Der Abbruch war notwendig geworden, da sich die meisten hier praktizierenden Ärzte mit eigener Ausrüstung privatisiert, also eigene Praxen eröffnet hatten. Die Bausubstanz des Gebäudes befand sich in einem stark renovierungsbedürftigen Zustand, der einen unrentablen Aufwand bedurft hätte. Die Räume wurden zuletzt von verschiedenen Einrichtungen genutzt, zum Beispiel unterhielten hier Vereine Beratungsstellen und anderes mehr.