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| 13:12 Uhr

Auf den Spuren des Vorfahren
Nachfahren von Josef Schweig besuchen Weißwasser

Yehudit Schweig (l.) und Noa Segev haben auch den jüdischen Friedhof in Weißwasser besucht. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich das Grab von Josef Schweig.
Yehudit Schweig (l.) und Noa Segev haben auch den jüdischen Friedhof in Weißwasser besucht. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich das Grab von Josef Schweig. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Weißwasser. In der Stadt erinnert noch manches an den einstigen Kohle- und Glasunternehmer. Von Torsten Richter-Zippack

Seltener Besuch in Weißwasser: Die Urenkelin des Kohle- und Glasunternehmers Josef Schweig (1850 – 1923), Yehudit Schweig, und ihre Tochter Noa Segev haben der Glasmacherstadt einen Besuch abgestattet. Gemeinsam mit den Heimathistorikern Werner Schubert und Uwe Mühle begeben sich die beiden Frauen, die in Israel sowie in London leben, auf die Spuren ihres bekannten Vorfahren. Während einer Stadtrundfahrt besichtigen die Schweig-Erben diverse Wirkungsstätten ihres Ur- beziehungsweise Ururgroßvaters, der im April 1881 nach Weißwasser kam und dort über 40 Jahre wirken sollte. Stationen sind unter anderem das Glasmuseum und der Bahnhof mit dem Glasmacherbrunnen auf dem Vorplatz. Diesen hatte Josef Schweig im Jahr 1922 im Andenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges gestiftet. Vor genau 40 Jahren wurde der Brunnen entfernt und erst 2002 neu erschaffen. Natürlich fehlen auch diverse Glashütten nicht im Ausflugsprogramm der beiden Frauen. Schließlich hatte Josef Schweig laut Werner Schubert ein knappes halbes Dutzend Hütten selbst gegründet. Yehudit Schweig berichtet, dass ihr Urgroßvater Tausende Arbeiter in seinen Fabriken beschäftigte. Darüber hinaus ließ Schweig zahlreiche Häuser für seine Belegschaft errichten. „Und zwar mit Innentoiletten“, sagt die Urenkelin. Solch ein Komfort sei in der Zeit der vorvorigen Jahrhundertwende eher die Ausnahme als die Regel gewesen.

Auf die Frage, was denn ihre Eltern und Großeltern über Josef Schweig berichtet haben, antwortet Yehudit Schweig, dass der Glasfabrikant ein sozial eingestellter Kapitalist gewesen sei. Natürlich hatte er stets das Wohlergehen der Betriebe im Auge, aber ebenso das Wohlergehen seiner Arbeiter. Nicht zuletzt fungierte Josef Schweig als Gründer von zehn Vereinen in Weißwasser, ebenso der Feuerwehr, deren Brandmeister er war. „Er verfolgte damit das Ziel, die vielen Arbeiter, die aus aller Herren Länder nach Weißwasser strömten, zu integrieren“, ergänzt Werner Schubert, der inzwischen 94 Jahre alt ist.

Yehudit Schweig weiß von antisemitischen Anfeindungen zu berichten, denen ihr Urgroßvater ausgesetzt war. „Er war Jude und ziemlich erfolgreich. Das reichte bereits, um ihn zu diskreditieren.“ Allerdings hatte der Glasunternehmer auch mächtige Fürsprecher. Beispielsweise Kaiser Wilhelm I. Der Monarch, so hat Werner Schubert recherchiert, war bei den Juden sehr beliebt. Sie erhofften sich weitere Verbesserungen für ihre Unternehmungen. Übrigens befand sich auf dem Weißwasseraner Markt ein Denkmal für Kaiser Wilhelm I. und seinen Sohn Friedrich III., der seinen Vater nur um ein halbes Jahr überlebte (1888). Ein Fundamentstein befindet sich laut Schubert bis heute am Rathauseingang. Nicht zuletzt pflegte Wilhelm I. freundschaftliche Kontakte zu den Muskauer Standesherren. Die Anreise per Bahn erfolgte dabei über den Bahnhof Weißwasser.

Während der Stadtbesichtigung von Yehudit Schweig und Noa Segev bleibt auch der Friedhof nicht außen vor. Dort befindet sich das Ehrengrab des Ur- beziehungsweise Ururgroßvaters. Zudem war es Josef Schweig, der im Jahr 1903 ein gut 0,5 Hektar großes Areal für den künftigen jüdischen Friedhof erwarb. In der jüdischen Religion haben Gräber ewigen Bestand. Sie werden auch nicht mit Blumen geschmückt, sondern mit Steinen, in Weißwasser mit Glassteinen.

Noa Segev, die Kunst studiert hat und sich im Rahmen eines Projektes mit der Bauhaus-Epoche befasst, die auch in Weißwasser Spuren hinterlassen hat, zeichnet von der Glasmacherstadt im Jahr 2018 folgendes Bild: „Ich glaube, dass die Stadt mehr in ihrer Vergangenheit lebt als in der Zukunft. Das ist ein wenig schade.“ Ausdrücklich danken Noa Segev und Yehudit Schweig dem Heimathistoriker und Buchautoren Werner Schubert, ohne den, so heißt es, kaum jemand in der Stadt so viel über Josef Schweig wüsste.