Von Regina Weiß
und Christian Köhler

Kurz vor Mitternacht fällt im Weißwasseraner Rathaus die Entscheidung, wer das Direktmandat für die Altkreise Weißwasser und Niesky innehat: Roberto Kuhnert (AfD) hat mit 36,6 Prozent den CDU-Kandidaten Tilmann Havenstein (34,3 Prozent) geschlagen und zieht direkt in den Sächsischen Landtag. „Man hat uns in Weißwasser ganz schön auf die Folter gespannt“, gibt der Wahlsieger der RUNDSCHAU am Montag zu verstehen. Da ist Roberto Kuhnert schon auf dem Weg nach Dresden, trifft sich mit den neugewählten AfD-Abgeordneten, um über die nächsten Schritte zu beraten. Ihm sei klar gewesen, dass es ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Havenstein werden würde. Deshalb dankt er umso mehr seinen Mitstreitern – „auch für die finanzielle Unterstützung“.

Kuhnert freue sich darüber, die „Menschen erreicht zu haben“. Allein die Veranstaltung in Weißwasser mit Alice Weidel (AfD) sei „ein voller Erfolg“ gewesen und die anderen Parteien „haben uns nicht das Wasser reichen können“. Nun gehe es für den neuen AfD-Abgeordneten darum, „den Schalter von Wahlkampf auf Sacharbeit umzulegen“, erklärt Roberto Kuhnert. Als wichtigste Aufgabe sieht er es an, den anstehenden Strukturwandel aktiv zu begleiten. „Dass der Wähler taktisch gewählt hat, hat mir nicht geschadet“, sagt Kuhnert. Denn: Im Wahlkreis 57 hat die CDU mit 14 030 zwar die meisten Zweitstimmen eingefahren – die AfD kommt auf 13 570. Aber trotzdem gehen die meisten Erststimmen an Roberto Kuhnert (13 986) und nicht an CDU-Kandidaten Tilmann Havenstein (13 083).

Der Daubitzer wollte erstmals in den Landtag einziehen, in die Fußstapfen von Lothar Bienst (CDU) treten, der 2019 nicht mehr zur Wahl gestanden hat. Dafür habe er gekämpft, sagt Havenstein. Auch mit Hilfe von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die in Weißwasser weilte und vor einer Handvoll Leuten gesprochen hat. Doch geholfen hat die Tilmann Havenstein nicht – auch wie die Rietschener nicht. In seiner Heimatgemeinde hat Havenstein gerade einmal 17 Stimmen mehr als Roberto Kuhnert. Der CDU als Partei schenkten die Rietschener nicht die meisten Stimmen  (371 für die CDU, 418 für die AfD).

Jetzt geht Tilmann Havenstein die Aufarbeitung an, sehr pragmatisch, wie er sagt: „Es müssen die Wahlplakate abgenommen werden. Da ist man zwei, drei Tage an der frischen Luft und kann sich Gedanken machen.“ Dazu gehöre auch, sich arbeitsmäßig umzustellen. „Ich bin auf dem Weg zum Arbeitsamt“, so Havenstein am Montag. Sein Arbeitsvertrag bei Lothar Bienst endet zum 30. September.

Die Arbeit als Landtagsabgeordneter endet auch für Thomas Baum (SPD). „Es ist sehr enttäuschend“, sagt er. Es wird kein Schnellschuss, doch Baum will sein gesamtes politisches Engagement, auch das als Bad Muskauer Stadtrat, jetzt überdenken. Thomas Baum hat mit acht Prozent der Direktstimmen 3,6 Prozent weniger geholt als 2015. Alles auf den Prüfstand zu stellen, habe mit der beruflichen Neuorientierung zu tun, erklärt Baum. Da er im neuen Landtag nicht mehr dabei sein wird, bleibt die Frage, wie geht es weiter.

Das ist für Antonia Mertsching (Linke), die jüngst nach Weißwasser gezogen ist, anders. Sie ist über den letzten Listenplatz ihrer Partei in den Landtag eingezogen – obwohl sie nur 9,5 Prozent der Direktstimmen erhielt. „Es ist für uns schlimmer gekommen, als befürchtet“, sagt die Genossin. Das müsse sie und die Partei erst noch verdauen. „Dabei haben wir alles versucht, Gesprächsangebote gemacht, zu denen die Leute aber nicht einmal zum Meckern gekommen sind“, konstatiert sie. Eine Antwort auf die Frage, ob sie und die Linke die Leute nicht mehr erreichen, hat sie nicht. „Jemand der nichts tut, überall blaue Plakate mit markigen Sprüchen aufhängt, erreicht die Menschen. Das ist frustrierend.“

Insgesamt vertreten neuen Abgeordnete den Landkreis Görlitz. Das sind Michael Kretschmer, Stephan Meyer (beide CDU), Roberto Kuhnert, Mario Kumpf, Sebastian Wippel, Jens Oberhoffner (alle AfD), Mirko Schultze, Antonia Mertsching (beide Linke) und Franziska Schubert (Grüne).

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