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| 16:45 Uhr

Parkrundgang
Muskauer Park gilt als Insektenparadies

 Experten in Aktion: Entomologe Wolf-Harald Liebig (l.) und Dr. Fritz Brozio von der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz begutachten hier die Ergebnisse des Kescher-Fangs.
Experten in Aktion: Entomologe Wolf-Harald Liebig (l.) und Dr. Fritz Brozio von der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz begutachten hier die Ergebnisse des Kescher-Fangs. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Bad Muskau . Fachmann Wolf-Harald Liebig findet an der Neiße eine Wildbienenart, die anderswo in Sachsen kaum mehr vorkommt. Von Torsten Richter-Zippack

Es sei schon ein wenig kurios, findet Wolf-Harald Liebig. „Der Muskauer Park ist weltberühmt. Aber wir können bis heute nicht abschätzen, wie viele Insektenarten dort leben. Bislang hat noch niemand gezählt. Die entsprechende Forschung steckt erst in den Kinderschuhen“, erklärt der Bad Muskauer Insektenkundler (Entomologe). Liebig muss es wissen, schließlich befasst er sich bereits seit vier Jahrzehnten mit dieser artenreichsten Tierklasse überhaupt. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz sind rund 70 Prozent aller Tierarten Insekten. Wissenschaftler haben weltweit fast eine Million Insektenarten beschrieben. Knapp 33 500 sollen es in Deutschland sein, geschätzte 25 000 in Sachsen.

Den Muskauer Park bezeichnet Entomologe Liebig als Paradies für Insekten. Und als Raritätentempel: Denn eine Art kommt sachsenweit fast ausschließlich im Pückler-Ensemble vor, und zwar reichlich. Die Furchenbiene mit dem wissenschaftlichen Namen Lasioglossum majus benötigt extensiv genutzte Mähwiesen. Und diese sind im Muskauer Park reichlich vorhanden. Insgesamt gibt es dort rund 40 Hektar Wiesen, rechnet Parkmeister Bernd Witzmann vor. Diese bieten neben mehreren Wildbienenarten auch für zahlreiche weitere Insekten wertvolle Lebensräume. Während einer Exkursion an einem sonnig-warmen Juni-Tag entdecken die Naturfreunde weitere Raritäten. Beispielsweise den Bläuling, einen hellblau schimmernden Schmetterling, von dem drei Sorten im Park beheimatet sind.

Neben den Wiesen tummeln sich verschiedenste Insekten auch im äußerst strukturierten Gehölzbestand. Insbesondere bereits abgestorbene Bäume bieten optimale Lebensbedingungen. An einer geschätzt 200-jährigen Eiche, die bereits seit vielen Jahren tot ist und noch immer inmitten einer größeren Wiese in Sichtweite des Neuen Schlosses steht, fangen die Exkursionsteilnehmer via Kescher unter anderem Grabwespen. „Die fressen reichlich Blattläuse“, weiß Wolf-Harald Liebig. Darüber hinaus gibt es viele Käferarten, ebenso diverse Ameisen. Es ist ein einziges Laufen, Krabbeln, Fliegen und Summen.

„Wir lassen solche Baumrudimente möglichst lange stehen“, erklärt Bernd Witzmann. So lange von den abgestorbenen Riesen keine Gefahr ausgeht, sei ihr Erhalt gesichert. Schließlich habe bereits Parkbegründer Pückler dem Werden und Vergehen in seinem Muskauer Ensemble große Beachtung geschenkt.

Auch bei der Pflege der Parkwiesen komme die Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau den Belangen des Insekten- und Naturschutzes entgegen. Allerdings, das stellt Parkmeister Witzmann klar, besitze der Denkmalschutz oberste Priorität. Doch wo immer es funktioniert, kooperieren Parkgärtner und Naturschützer. Beispielsweise erfolge die Mahd der Wiesen wesentlich später als bei landwirtschaftlich genutztem Grünland. „Als Faustregel gilt: Wenn die Rhododendrenblüte vorüber ist, rücken die Mäher an“, sagt Bernd Witzmann. Das sei in der Regel Anfang bis Mitte Juni der Fall. So hätten die Insekten und weitere Tierarten mehr Zeit, sich entsprechend zu entwickeln. Die Bauern hingegen mähten ihre Flächen zwecks der Heugewinnung meist schon im Mai.

 Hier ist eine Eintagsfliege zu sehen. In Mitteleuropa sind über 100 Arten bekannt. Diese Insekten leben nur wenige Tage, manchmal auch nur mehrere Stunden.
Hier ist eine Eintagsfliege zu sehen. In Mitteleuropa sind über 100 Arten bekannt. Diese Insekten leben nur wenige Tage, manchmal auch nur mehrere Stunden. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Christian Hoffmann von der Nabu-Regionalgruppe Weißwasser wünscht sich, dass innerhalb der Wiesen diverse Inseln noch später gemäht werden. „Erst dann können sich alle Blühpflanzen, die für unsere Insekten so bedeutsam sind, vollständig entwickeln“, begründet der Fachmann. Teilweise verfahren die Parkgärtner punktuell bereits nach diesem Prinzip. So verweist Bernd Witzmann auf eine Wiese an der Hermannsneiße, die größere Kleebestände aufweist. „Um diese machen wir vorerst einen Bogen.“ Es sei sagenhaft, wie viele Insekten sich während der Blüte der Pflanzen dort zeigen.

Wolf-Harald Liebig weist darauf hin, welche tragende Rolle die Muskauer Parkwiesen für die kleinen Krabbler und Flieger besitzen. „Der Bestand an Mähwiesen in Europa ist in den vergangenen Jahren um 98 Prozent zurückgegangen. Dadurch sind sehr viele Insekten verschwunden“, hat der Fachmann recherchiert. Aus diesem Grund sei es zwingend notwendig, die Freiflächen im Muskauer Park gemeinsam mit den Pflegern der Stiftung zu erhalten. Oder anders ausgedrückt: „Das Landschaftsensemble bietet nicht nur einen ästhetisch wunderbaren Anblick, sondern dient auch dem Erhalt unserer Insektenwelt“, fasst Entomologe Liebig zusammen.

 Foto: Protasov AN/shutterstock.com
Foto: Protasov AN/shutterstock.com FOTO: Protasov AN/shutterstock.com
 Experten in Aktion: Entomologe Wolf-Harald Liebig (l.) und Dr. Fritz Brozio von der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz begutachten hier die Ergebnisse des Kescher-Fangs.
Experten in Aktion: Entomologe Wolf-Harald Liebig (l.) und Dr. Fritz Brozio von der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz begutachten hier die Ergebnisse des Kescher-Fangs. FOTO: Torsten Richter-Zippack