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| 01:25 Uhr

Musik gegen die Schmerzen

Heinz Roy bei seiner Lieblingsbeschäftigung – dem Komponieren am Klavier in der guten Stube.
Heinz Roy bei seiner Lieblingsbeschäftigung – dem Komponieren am Klavier in der guten Stube. FOTO: Ingolf Tschätsch
Es gibt kaum einen Tag im Hause Roy, an dem das Klavier schweigt. Ohne das Instrument und ohne die Musik könnte sich der Klittener Komponist Heinz Roy sein Leben nicht vorstellen. Die Musik gibt ihm Kraft und hilft ihm, die schweren Stunden zu ertragen, wenn die Schmerzen ihn auffressen wollen. Von Ingolf Tschätsch


 „Damit will ich meine Hoffnung ausdrücken, dass ich Sieger über den Krebs geblieben bin.“
 Komponist Heinz Roy


Beide sind sie zusammen 150 Jahre alt, Heinz Roy und sein Klavier. Er wurde am 6. Dezember 80 Jahre alt, sein Klavier ist nur zehn Jahre jünger.
Wenn der kleine Mann seine Finger über die Tasten gleiten lässt, dann ist für ihn die Welt in Ordnung, dann ist er ganz in seinem Element, das für ihn Musik heißt. Das Spielen und Komponieren gibt ihm Kraft und Zuversicht, wie er sagt, die Folgen seiner schweren Krankheit zu überwinden.

In die Arbeit gestürzt
„2004 musste ich mich einer Darmkrebsoperation und in der Folge 26 Chemotherapien und 31 Bestrahlungen unterziehen. Auch heute noch habe ich damit zu kämpfen, nehme Schmerzmittel“ , erzählt Heinz Roy der RUNSCHAU, als sie ihn in seinem Haus an der Halbendorfer Straße 210 besucht, in dem er mit seiner Frau Elisabeth wohnt. Der 80-Jährige hat sich trotz seiner angegriffenen Gesundheit nie unterkriegen lassen, sich verbissen in die Arbeit gestürzt, die ihm über vieles hinweghilft, wie er selbst sagt.
Das Ergebnis sind drei neue sinfonische Werke, die im Zeitraum von 2000 bis 2007 entstanden. Drei Uraufführungen, die im Rahmen des 19. sorbischen Porträtkonzertes von Heinz Roy am Sonnabend im Saal des Sorbischen Nationalensembles in Bautzen und gestern in der Kirche seiner Heimatgemeinde erklangen und ein großer Erfolg wurden.

Schon 1965 begonnen
„Das dritte Werk ist die Sinfonie Nr. 4 in D-Dur. Ich habe sie 1965 begonnen zu komponieren. Da ich es mit drei D-Trompeten versuchen wollte, sagte man mir, dass es schwierig sein wird, ein Orchester zu finden, das über drei D-Trompeten verfügt. Aus diesem Grund habe ich vorerst das Werk liegen lassen. Erst nach meiner Krebsoperation 2004 habe ich das Thema in meiner Sinfonie wieder aufgegriffen“ , blickt der Klittener auf sein Schaffen zurück. Er habe ganz einfach nur zwei Trompeten verwendet und so das Problem geschickt gelöst, erklärt Roy.
In dieser Sinfonie Nr. 4 hat der 80-Jährige einenTeil seines Lebens - seine schwere Krankheit - künstlerisch verarbeitet.
„Im Mittelteil des ersten Satzes habe ich das musikalische Motiv ,Krebs' verwendet. Das bedeutet, für die beiden Buchstaben K und R habe ich die Note C genommen, da es ja keine Noten K und R gibt. Für die anderen drei Buchstaben brauchte ich mir nichts einfallen zu lassen, da es ja die gleichnamigen Noten gibt. Diese Töne wurden dann von mir variabel gestaltet“ , erklärt der Komponist und verweist auf den optimistischen Schluss.
„Damit will ich meine Hoffnung ausdrücken, dass ich Sieger über den Krebs geblieben bin“ , fügt Heinz Roy leise hinzu.
Im ersten sinfonischen Werk seiner drei Uraufführungen hat der Klittener Arbeiten des italienischen Komponisten Boccherini als Grundlage für eigene Variationen genommen. Werk zwei ist ein Konzert für Streichertrio und Orchester. „Es handelt sich um eine Art musikalischer Wettstreit, bei dem drei Geigen gegen das Orchester antreten. Er gliedert sich in drei Teile, der erste ist sehr dramatisch, der zweite lyrisch, an manchen Stellen tragisch, und der dritte mit optimistischem Ausklang angelegt“ , erklärt der Komponist.
Roy, der bis auf zwölf Jahre in Weißwasser, immer in Klitten gelebt hat, ist ein waschechter Sorbe, wie er im Gespräch mit der RUNDSCHAU deutlich macht.
Auf seine Herkunft ist der 80-Jährige stolz. Sie prägt auch sein künstlerisches Wirken. So greift er in seinen Arbeiten immer wieder Motive und Themen aus dem Leben der Sorben auf.
Gerade das macht sein Schaffen unverwechselbar. Roy darf somit als ein typischer sorbischer Komponist gelten. „Ich habe beispielsweise zwei Streichquartette komponiert, indem ,Der Wassermann', ein Lied aus Lohsa, vorkommt. In meinem 3. Klavierkonzert findet sich das Lied ,Lubka lilia', ebenfalls aus Lohsa, von An dreas Seiler wieder“ , erzählt Roy.
Die Musik liege ihm im gewissermaßen im Blut, erklärt er. „Man kann sich viel aneignen, aber die Gabe dazu muss man einfach haben“ , so der Klittener.
Sein Talent sei von seinem damaligen Musiklehrer Heinrich Schreiber an der Oberschule in Weißwasser sozusagen entdeckt und gefördert worden. „Er legte uns ein Gedicht vor, zu dem wir eine Melodie schreiben sollten. Das war ein richtiger Schulwettbewerb, bei dem ich als Sieger hervorging“ , erinnert sich der kleine Mann mit der großen Energie an jene Zeit. Mit zehn Jahren habe er Klavierunterricht genommen, weiß er noch wie heute, und im Schulorchester das Baritonhorn geblasen. So wie bei vielen Vertretern seiner Generation ist auch bei ihm der Zweite Weltkrieg mit brutaler Gewalt in sein Leben eingebrochen. „An meinem 17. Geburtstag wurde ich zur Wehrmacht eingezogen. Meine erste Station war das Panzergrenadierregiment 110 im heutigen polnischen Gliwice“ , erzählt Roy. Er geriet am 8. Mai in amerikanische Gefangenschaft, kam dann zu den Russen, türmte in Brandenburg an der Havel und erreichte schließlich wieder heimatliche Gefilde.

Bis zum Ruhestand Lehrer
Mit dem 1. Oktober 1945 begann für den Klittener ein neuer Lebensabschnitt - er wurde Neulehrer in Klitten. 1992 ging er in den Ruhestand. Sein letzte berufliche Station war die Funktion des Direktors an der damaligen Mittelschule seines Heimatortes.
Roys Wirken - er ist Mitglied im Sächsischen Künstlerbund, den er mitbegründet hat, und im Deutschen Komponistenverband - blieb nicht auf die Region beschränkt. „Werke von mir sind beispielsweise auch in der Hauptstadt Berlin aufgeführt worden“ , erfährt die RUNDSCHAU von ihm. Der 80-Jährige bleibt auch nach den beiden erfolgreichen Porträtkonzerten am Sonnabend in Bautzen und gestern in Klitten rastlos. Das Klavier steht bei ihm nicht still - trotz oder gerade wegen der Schmerzen, die ihn an manchen Tagen so zusetzen.