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| 14:32 Uhr

LR Vor Ort
Mühlroser leben Alltag und neue Zukunft

 Til auf dem Spielplatz im Mühlroser Freibad, das in diesem Sommer nach einigen personellen Anlaufschwierigkeiten auch wieder zum Wasserspaß einladen wird: Der Junge freut sich schon auf Schleife, denn nach dem Umzug wird sein Schulweg viel kürzer sein.
Til auf dem Spielplatz im Mühlroser Freibad, das in diesem Sommer nach einigen personellen Anlaufschwierigkeiten auch wieder zum Wasserspaß einladen wird: Der Junge freut sich schon auf Schleife, denn nach dem Umzug wird sein Schulweg viel kürzer sein. FOTO: Joachim Rehle
Mühlrose. Am RUNDSCHAU-Stammtisch reden „entspannt glückliche“ Bürger über Lebenspläne, die endlich wieder sicher sind. Von Kathleen Weser und Regina Weiß

Turbulente Tage liegen hinter den Einwohnern von Mühlrose. Der Segen und der Fluch der Kohle haben das Leben im Dorf seit den 60er-Jahren maßgeblich mitbestimmt. Bis heute – und auch für die Zukunft.  Allgemeine Erleichterung – und bei deutlich weniger von der nunmehr besiegelten Umsiedlung des Dorfes betroffenen Bürgern – auch der Schock sind zu spüren. Im Ort und am Stammtisch bei „LR vor Ort“ am Donnerstagabend in der gemütlichen Gaststube „Zur Erholung“. Aber Mühlrose ist in den Alltag zurückgekehrt.

Die Mühlroser, die jetzt „glücklich entspannt“ in die persönliche Zukunft schauen, wie es Elisa Marusch (24) beschreibt, planen ihr Leben im neuen Heim. Die Leute, die auch vor der nahenden Abraumförderbrücke und dem Kohlebagger nicht weichen und unbedingt bleiben wollen, haben keine Lust auf den Austausch mit RUNDSCHAU-Reportern  – sind aber trotz Abwesenheit auch präsent.

„Wir sind natürlich noch hier, aber im Kopf auch schon weg“, versucht Wolfgang Martin, das Lebensgefühl zu beschreiben. Wirtin Reinhild Martin, ganz die mütterliche Frohnatur, sagt: „Unser Lebensrhytmus geht weiter. Wir feiern unsere Feste wie in jedem Jahr.“ Die Leute wollen ihre persönliche Lebensplanung nicht weiter erklären müssen. Mit dem vertraglich besiegelten Versprechen der bergbautreibenden Lausitz Energie Bergbau Aktiengesellschaft (Leag) gegenüber der Gemeinde und den Einwohnern herrschen Klarheit und finanzielle Sicherheit zum künftigen Wohnstandort. Für die meisten in der Stammtisch-Runde wird das das neu aufzubauende Mühlrose im benachbarten Schleife sein.

Aus Proschim (Spree-Neiße) ist Herribert Gosdschan gekommen. Familiäre Wurzeln in Mühlrose, im schon in den 70er-Jahren abgebaggerten Teil Tschellner Ausbau, und die Neugier haben den Mann in Warteposition den Weg auf sich nehmen lassen. „Wir wünschen uns diese Umsiedlung auch“, sagt er. Zum weiteren Aufschluss des Tagebaus Welzow-Süd in der brandenburgischen Lausitz ist das Machtwort nun für das nächste Jahr angekündigt. Herribert Gosdschan kann es kaum erwarten: „Ich hoffe, dass 2020 auch für uns noch die Entscheidung zur Umsiedlung kommt“, sagt er.

Elisa Marusch ist „voller Tatendrang“. Mit Kind und Lebenspartner, Mutter und der geliebten Oma wird sie umziehen. Der Gutachter, der noch den Garten in Mühlrose bewerten soll, wird erwartet. Auf Baumessen ist die Familie jetzt Dauergast. An der Planung des neuen Dorfes Mühlrose nimmt sie großen Anteil. Die archäologischen Untersuchungen des Baugrundes des neuen zentralen Wohnstandortes sind begonnen und sollen in wenigen Wochen abgeschlossen werden. Auch die drei Fledermausarten, die hier heimisch sind, sind erfasst und auf dem Schirm der Planer. Den Lebensplan wieder selbst in den Händen zu haben, setzt Aktivität frei. „Wir nehmen unsere individuellen Angelegenheiten nach dem Hin und Her und Jahren des Wartens intensiv in Angriff“, bestätigt auch Wolfgang Martin.

Heinz Lohr, der im August in Trebendorf mit dem Hausbau zu beginnen hofft, erzählt: Schon als Zehnjähriger, vor mehr als 60 Jahren, hat er sich mit seinen Eltern in der Region Häuser angeschaut. „Schon damals sollten wir wegen des Tagebaus weg“, sagt er. Die psychische Belastung sei über viele, zu viele Jahre groß gewesen. Das langsame Sterben von Mühlrose durch den Bergbau habe mit dem Verfall und späteren Abriss des Jagdschlosses und dem Tiergarten begonnen. Heinz Lohr hat von der dortigen alten Rotbuche sechs Ableger gezogen. „Die sind jetzt 1,50 Meter hoch und kommen mit nach Trebendorf“, sagt er.

Aus den Samen alter Mühlroser Baume haben zwei Baumschulen mehr als 10 000 Pflanzen gezogen, die beim Aufforsten der Rekultivierungsflächen des Tagebaus Nochten eingesetzt werden.

Manfred Kranz ist wegen des Tagebauaufschlusses von der damals größten Wirtschaft in der Mühlroser Siedlung Tschellner Ausbau abgesiedelt worden. „Dafür habe ich die Frau meines Lebens hier kennengelernt, und darüber bin ich sehr glücklich“, sagt er. Für Manfred Kranz kommt nun die zweite Umsiedlung, und alte Erinnerungen rauben ihm gerade jetzt deshalb auch den Schlaf. Am endgültigen Wegzug aus Mühlrose macht er aber den Begriff Heimatverlust für sich nicht fest. „Ich verliere meine Heimat nicht. Denn meine Heimat ist und bleibt das Kirchspiel Schleife.“

Ein Großteil der Mühlroser wird gemeinsam umsiedeln. Deren Sehnsucht nach einer vertrauten Dorfgemeinschaft, die auch künftig Bestand hat, ist groß. Das hat ein LR-vor-Ort-Abend voller Emotionen mit schönen Erinerungen und Aufbruchstimmung in Mühlrose gezeigt. Der aber hat, und auch das gehört zur Wahrheit, nur die Lebenssituation der zufriedenen, wegzugswilligen Leute widergespiegelt.

 Bei LR vor Ort hat RUNDSCHAU-Reporterin Regina Weiß die anwesenden Mühlroser aus der Reserve gelockt. Lebensgeschichten und Lebenspläne sind an diesem auch emotionalen Abend das Thema gewesen.
Bei LR vor Ort hat RUNDSCHAU-Reporterin Regina Weiß die anwesenden Mühlroser aus der Reserve gelockt. Lebensgeschichten und Lebenspläne sind an diesem auch emotionalen Abend das Thema gewesen. FOTO: Joachim Rehle
 Til auf dem Spielplatz im Mühlroser Freibad, das in diesem Sommer nach einigen personellen Anlaufschwierigkeiten auch wieder zum Wasserspaß einladen wird: Der Junge freut sich schon auf Schleife, denn nach dem Umzug wird sein Schulweg viel kürzer sein.
Til auf dem Spielplatz im Mühlroser Freibad, das in diesem Sommer nach einigen personellen Anlaufschwierigkeiten auch wieder zum Wasserspaß einladen wird: Der Junge freut sich schon auf Schleife, denn nach dem Umzug wird sein Schulweg viel kürzer sein. FOTO: Joachim Rehle
 Bei LR vor Ort hat RUNDSCHAU-Reporterin Regina Weiß die anwesenden Mühlroser aus der Reserve gelockt. Lebensgeschichten und Lebenspläne sind an diesem auch emotionalen Abend das Thema gewesen.
Bei LR vor Ort hat RUNDSCHAU-Reporterin Regina Weiß die anwesenden Mühlroser aus der Reserve gelockt. Lebensgeschichten und Lebenspläne sind an diesem auch emotionalen Abend das Thema gewesen. FOTO: Joachim Rehle