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Mini-Kirche trotzt Wasser und Touristen

Wenke Helbig von der "Kasemannel-Alm" am Modell der Pecherner Fachwerkkirche direkt unterhalb ihrer Wirtschaft.
Wenke Helbig von der "Kasemannel-Alm" am Modell der Pecherner Fachwerkkirche direkt unterhalb ihrer Wirtschaft. FOTO: amz1
Werdeck. Es ist schon kurios: Da steht neben der "Kasemannel-Alm" in Werdeck (Gemeinde Krauschwitz) ein originalgetreuer Nachbau der Pecherner Fachwerkkirche. Doch gar nicht wenige Touristen auf dem unmittelbar vorbeiführenden Oder-Neiße-Radweg halten den Miniaturbau für etwas ganz anderes.

Beispielsweise für ein Katzenhaus. Oder für eine Kletterattraktion für Kinder. Oder auch für einen Platz zum Ausruhen ausgerechnet auf dem Dach des Gotteshauses.

Wenke Helbig weiß, wovon sie spricht. Schließlich befindet sich der Gotteshaus-Nachbau direkt unterhalb ihrer Gastwirtschaft, der "Kasemannel-Alm". Turnt jemand auf dem Kirchlein herum, bekommt die junge Frau Angst. Schließlich besteht die Konstruktion zwar wie das Original aus hölzernen Balken. Doch die Zwischenräume sind nicht mit stabilem Mauerwerk beziehungsweise Lehm ausgekleidet, sondern nur mit Styroporplatten. Und die sind nun mal relativ fragil.

"Daher muss mein Mann öfter ran, um defekte Teile auszutauschen", erzählt Wenke Helbig. Die Familie habe sich extra einen größeren Styroporblock zugelegt, aus dem die passenden Teile herausgeschnitten werden. "So haben wir es immer wieder geschafft, die Kirche zu erhalten. Das war ursprünglich gar nicht geplant", weiß die 40-Jährige.

Rückblende: Im Jahr 2006 feierten die Pecherner die 600. Wiederkehr der urkundlichen Ersterwähnung ihres Ortes. Aus diesem Anlass hatte der ortsansässige Zimmermann Ingo Schäfer das Kirchenmodell zusammengebaut. Es bildete eine der Attraktionen im großen Festumzug.

Nach der Jahrfeier wurde ein neuer Standort für die Minikirche gesucht. Und in Werdeck gefunden. Seit 2007, dem Jahr der Eröffnung der "Kasemannel-Alm", bildet die Pecherner Kirche nunmehr das Wahrzeichen.

"Dabei gehören wir kirchlich gar nicht nach Pechern, sondern nach Podrosche", weiß Wenke Helbig. Allerdings könne sie sich nicht vorstellen, irgendwann mal auch ein Modell der "Heimatkirche" neben ihrer "Alm" zu platzieren. "Wir wollen ja kein Miniaturpark werden", lautet die logische Begründung.

Für interessierte Gäste hält die Familie ein Infokärtchen mit allen wichtigen Daten bereit. So erfahren die Besucher, dass die Originalkirche, übrigens die einzige in der Oberlausitz, die komplett aus Fachwerk besteht, genau dreieinhalb Kilometer entfernt liegt. Diese wurde anno 1780 erstmals urkundlich erwähnt. Allerdings muss es mindestens einen Vorgängerbau gegeben haben, da in den Akten bereits Ende des 16. Jahrhunderts von einem Gotteshaus im Neißedorf die Rede ist.

Neben manchen kletterfreudigen Touristen setzen dem Kirchenmodell auch Wind und Wetter zu. Bereits zweimal musste die Konstruktion vor Hochwasser gerettet werden. Fünf bis sechs Mann waren zum Tragen erforderlich. Während des jüngsten Unwetters Ende Juni kam das Kirchlein glimpflich davon. Weder gab es durch den Starkregen Schäden, noch trat die Neiße über die Ufer. Da hatte es die Region Weißwasser/Bad Muskau wesentlich ärger erwischt als Werdeck.

Indes hat die kleine Mannschaft der "Kasemannel-Alm" das zehnjährige Bestehen der Wirtschaft mit einem kleinen Umtrunk gefeiert. Seit dem Frühsommer 2007 steht die Gaststätte offen. "Neben den Touristen vom Oder-Neiße-Radweg gehören mittlerweile auch viele Einheimische zu unseren Gästen", berichtet Wenke Helbig. Selbst die Bundeswehr-Soldaten vom benachbarten Truppenübungsplatz schauten hin und wieder vorbei. Pünktlich zum Saisonbeginn 2017 wurde die Terrasse erneuert und etwa vergrößert. Statt 24 finden jetzt 30 Personen Platz, wenn alle zusammenrücken noch mehr.

Wenke Helbig ist in Werdeck groß geworden. Mehrere Familiengenerationen waren und sind dort beheimatet. "Dort, wo heute unsere Gaststätte steht, befand sich früher der Bleichplatz für die Wäsche, hat Großmutter erzählt." Heute können sich die Kinder auf einer originellen "Po-Rutsche" vom Neißehang auf den einstigen Bleichplatz begeben. Und natürlich mit den Eltern am Kirchenmodell Fotos schießen.