Die Umgestaltung des Boulevards in Weißwasser ist schon seit Jahren abgeschlossen. Die Wohnungen sind zwar gut nachgefragt, wie Baureferatsleiter Thomas Böse von der Stadtverwaltung und die Chefin der Wohnungsbaugesellschaft mbH Weißwasser (WBG), Petra Sczesny, betonen. Aber leerstehende Läden und eine geringe Nachfrage trotz Millioneninvestitionen lassen Fragen offen. Was kann noch für die Attraktivität getan werden? Wie lassen sich Einzelhändler in Zeiten von Online-Shops und geringer Kaufkraft in Weißwasser an den Boulevard locken? "Der Ladenleerstand ist kein Phänomen von Weißwasser", sagt Petra Sczesny. Sie will den Traditionsstandort Boulevard halten und sich gegen den Leerstand stemmen. "Aufgeben ist für uns keine Option", unterstreicht sie.

Was bisher getan wurde

Das Areal Boulevard/Görlitzer Straße zählt zu den drei Sanierungsgebieten von Weißwasser, ist aber auch gleichzeitig im Förderprogramm Soziale Stadt. Es wurde im Jahr 2000 als solches deklariert und seitdem mehrmals erweitert, erläutert Bernd Große, Projektleiter beim Planungsbüro Steg. Er sagt: "Aber nur, weil ein Areal als Sanierungsgebiet ausgewiesen ist, fließt noch längst kein Geld." Das letztlich doch Fördergelder von rund 16,8 Millionen Euro - und zwar aus verschiedenen Töpfen - in das Gebiet Boulevard/Görlitzer Straße/Schweigstraße geflossen sind, hängt auch mit sozialen Aspekten zusammen. "Seit dem Jahr 2000 hatte man erkannt, dass in der Stadtsanierung auch das Soziale eine immer größere Rolle spielen muss", erläutert Detlef Krahl vom Baureferat der Stadt. Bis zur Jahrtausendwende stand vor allem im Programm Stadtumbau der Rückbau von Stadtteilen in Ostdeutschland im Vordergrund. Nun sollte verstärkt die Aufwertung in den Fokus der Stadtentwickler rücken. So auch in Weißwasser.

Förderprogramm Soziale Stadt

Es war nötig, nicht nur zurückzubauen, sondern auch bestehende Substanzen zu erhalten und aufzuwerten. Das damalige Ziel der Stadtentwickler: Weißwasser von außen schrumpfen zu lassen und die Mitte zu sanieren. Das bedeutete, Statistiken und Konzepte erstellen. Denn neben der Frage, wie viel Wohnraum soll in Weißwasser bleiben, war auch zu klären, was wird aus Schulen, Kindergärten und Brachflächen. "Neben städtebaulichen - wie bei Sanierungsgebieten üblich - mussten hier auch soziale Missstände vorhanden sein, um Fördergelder bei Bund und Land zu beantragen", erklärt Detlef Krahl.

Über das Programm Soziale Stadt hat Weißwasser ein 57 Hektar großes Fördergebiet von der Schweigstraße zum Boulevard bis zur Görlitzer Straße festgeschrieben, in das bis heute etwa zwölf Millionen Euro geflossen sind. Es wurde 2016 erneut verändert und "wanderte" nach Osten bis über die Lutherstraße hinaus und heißt nun Fördergebiet Südost.

Schwerpunktmäßig wurden im Gebiet Soziale Stadt Straßen (Görlitzer Straße, Puschkin- oder Lutherstraße) und Plätze wie eben der Boulevard saniert. Dafür wurden Fördergelder in Höhe von 3,5 Millionen Euro eingesetzt. Außerdem flossen Subventionen in den Bau der Turnhalle an der Lutherstraße und in die Sanierung der Plattenbauten der WBG und der Wohnungsbaugenossenschaft Weißwasser (WGW). "Auch hier hat man also mit Fördergeldern private Investitionen initiiert", rechnet Bernd Große vor. Denn für die Sanierung der Platten sind nur die Kosten für die Gebäudehülle förderfähig. Ferner wurden aber auch Mittel für Abbrüche wie etwa der ehemaligen Schnitterbrauerei oder der alten Bäckerei "Profei" genutzt.

Der Boulevard als Ladenstraße

Vom Förderprogramm Soziale Stadt profitierte insbesondere der Boulevard. Dieser erhielt nicht nur ein gänzlich neues Antlitz, sondern auch Ladenbesitzer bekamen Unterstützung. "Der Mix der einzelnen Läden an der Einkaufsstraße war damals gut", erinnert sich Detlef Krahl. Das lag vielleicht auch daran, dass 381 000 Euro in den Erhalt von Kleinunternehmern gesteckt wurden. Die konnten nämlich EU-Gelder für Mobiliar, Einrichtung oder Personal beantragen - und taten dies auch. Der Europäische Fond für regionale Entwicklung (EFRE) wurde hier angezapft, denn das EU-Programm lässt sich mit nationalen Förderprogrammen gut ergänzen, wie Thomas Böse erklärt.

"Leider, wie wir heute wissen, hat dies nicht zu einem nachhaltigen Erfolg geführt", gibt der Bauamtschef zu. Mit Fördergeldern habe man schlicht keinen Einfluss darauf, wie Unternehmer und vor allem deren Kundschaft entscheiden. Jüngstes Beispiel ist die Schließung eines polnischen Spezialitätenladens am Boulevard. Dafür hat sich eine Physiotherapie angesiedelt. "Für mich waren der barrierefreie Zugang sowie die zentrale Stadtlage mit kurzen Wegen zum Krankenhaus und Seniorenresidenzen wichtige Kriterien", erklärt Jungunternehmerin Ludmilla Köppen. Am 15. Juli hatte sie ihre Praxis eröffnet. "Ich bin mit der bisherigen Resonanz zufrieden", sagt die gelernte Krankenschwester, "so lässt es sich wirtschaftlich arbeiten."

Seit dem 5. März 1991 dagegen ist Günther Trenkel am Boulevard. Die Geschäfte mit seiner Parfümerie laufen alles andere als rosig. Internethandel, Weißwassers Bevölkerungsrückgang und "eine Billig-Kauf-Mentalität", die Günther Trenkel bei einigen der Kunden ausmacht, wirkten sich negativ auf sein Geschäft aus. "Es kommen zum Teil Kunden in unseren Laden und lassen sich beraten und vergleichen Preise, um anschließend Geld beim Internetkauf zu sparen" erzählt er. Außerdem schlägt ihm ein weiteres Problem schwer auf den Magen. "Das Umfeld ist nicht sehr ansprechend", sagt er. Sein Ärger richtet sich dabei auf die Grünpflege, die zu wünschen übrig lasse. Sträucher und Gestrüpp verhindern, "dass man unseren Laden von den Treppen aus kaum erkennt."

Während nach der Wende offenbar im Einzelhandel am Boulevard zahlreiche Fachhändler angesiedelt waren, ist dies heute nicht mehr zu beobachten. "Es fehlen Fachhändler, die die Einkaufsstraße attraktiv machen", ist sich Günther Trenkel sicher.

Letztlich jedoch entscheidet die Kundschaft darüber, ob ein Geschäft Erfolg oder Misserfolg hat. Argumente, wie etwa: man könne nicht mit dem Auto die Läden erreichen, lässt die WBG-Chefin Petra Sczesny nicht gelten. "Es wurden mehrere Parkflächen angelegt, die oft leerstehen", sagt sie. Ferner habe man auch Parkplätze an der Rosa-Luxemburg-Straße vorgehalten. Günther Trenkel unterdessen fährt sogar manche Kunden nach dem Einkauf nach Hause. Trotzdem scheint die naheglegene Saschowawiese oder der Einkauf im Netz einfach attraktiver zu sein. Ob der künftig neuangelegte Übergang über die Berliner Straße mehr Kunden von der Saschowawiese auf den Boulevard lockt, wird sich wohl erst zeigen.

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