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| 01:34 Uhr

Menschenrechtszentrum baut Mauer zur Erinnerung

Cottbus. Es klingt paradox: Das Cottbuser Menschenrechtszentrum baut eine Mauer. Und das ausgerechnet wenige Tage vor dem 50. Jahrestags des Mauerbaus. Doch diese Arbeit stimmt Vereinschefin Sylvia Wähling froh, beginnt damit doch die Sanierung der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus. Von Peggy Kompalla

Schuld an dem vorgezogenen Reparatureinsatz ist der Abriss der Außenmauer rund um das Gefängnis. Nun ist der historische Bau fast schutzlos, da in der alten Mauer ein riesiges Loch klafft. „Es entstand im März 1982. Damals brach die südwestliche Seite zusammen“, erklärt Sylvia Wähling. Diese Lücke muss nun so schnell wie möglich geschlossen werden.

Elf Helfer vom Bauorden

„Dafür bekommen wir Hilfe vom Internationalen Bauorden“, erzählt sie. Elf junge Menschen aus Russland, Georgien, Frankreich und Deutschland reisen dafür an diesem Wochenende nach Cottbus. Den ersten Stein für das sechs Meter hohe und zehn Meter breite Mauerstück wollen sie am Montag, 8. August, setzen.

Um 11 Uhr kommt an dem Tag auch Bürgermeister Holger Kelch (CDU) auf Baustellenbesuch, schließlich beginnt damit die Sanierung der Gedenkstätte ganz offiziell.

Seit dem Mai ist das Menschenrechtszentrum Eigentümer des Gefängnisses. Der Verein von ehemaligen politischen Häftlingen besitzt jetzt den Bau, in dem die Mehrheit seiner Mitglieder und Tausende andere Häftlinge inhaftiert waren. Viele von ihnen landeten in Cottbus, weil sie versucht hatten, in den Westen zu fliehen. So wie Dieter Dombrowski. Er saß mehr als ein Jahr wegen Republikflucht hinter diesen Mauern.

Bilder als Hafterinnerung

Ohne Frage, für die Vereinsmitglieder ist und bleibt der 13. August 1961 ein besonderer Tag. An den Mauerbau werden sie in besonderer Weises erinnern. Bereits am Montag, 8. August, wird um 17 Uhr eine Ausstellung im Foyer des Rathauses eröffnet. Zu sehen sind Ölbilder und Zeichnungen von Gino Kuhn. Er verarbeitet darin seine Hafterfahrungen.

Am 8. April 1976 war er vom Bezirksgericht Cottbus wegen „staatsfeindlichen Menschenhandels“ zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Der Fluchthelfer verbüßte davon knapp zwei Jahre.

Am 13. August selbst wird in der Ausstellung im Rathaus-Foyer ab 16 Uhr aus Fluchtgeschichten gelesen. Dieter Dombrowski und Gino Kuhn erzählen aus ihrem Leben, erklären ihre Beweggründe. „An dem Tag starten wir außerdem eine Aktion im Gedenken an die mehr als 900 Opfer der innerdeutschen Grenze“, erzählt Sylvia Wähling. „Auf jeweils einem Ziegelstein soll der Name eines Todesopfers eingebrannt werden.“ Mit dem Kauf eines solchen Steins für zwölf Euro können die Cottbuser die Aktion unterstützen. „Mit allen Ziegeln wird Gino Kuhn dann auf dem Gelände der Gedenkstätte ein Kunstwerk erschaffen.“ Der erste Stein ist einem Cottbuser gewidmet. Axel Hannemann starb am 5. Juni 1962 – nicht einmal ein Jahr nach ihrem Bau – an der Berliner Mauer. Ihn traf eine Kugel.

Zum Thema:

HintergrundIm Jahr 1860 wurde das Zuchthaus eröffnet. Bereits in der Nazizeit wurde es zunehmend als politisches Gefängnis genutzt. Zu DDR-Zeiten saßen in Cottbus überwiegen Republikflüchtlinge und sogenannte staatsfeindliche Hetzer ein. Der Verein Menschenrechtszentrum wurde 2007 gegründet. Ihm gehören überwiegend ehemalige politische Häftlinge an.