| 03:03 Uhr

Menschen mit Gaben und Gefühlen

Seit acht Monaten lebt Hassan in Deutschland. Er ist zwanzig Jahre alt und kommt aus Afghanistan. Zu Hause hat er als Maler gearbeitet. Seine Eltern wurden Opfer des Terrors. Es war für ihn eine weitreichende Entscheidung, seine Heimat zu verlassen.

Hassans Deutschkenntnisse sind noch bescheiden, doch sie werden von Woche zu Woche immer etwas besser. Mit einem weiteren Landsmann bewohnt er ein Zimmer in einem Asylbewerberheim, in dem über 400 Asylsuchende untergebracht sind. Er hofft, dass seinem Antrag auf Asyl stattgegeben wird. Sicher kann er sich dabei nicht sein, denn die große Mehrzahl der Antragsteller erhalten einen abschlägigen Bescheid. Seine Freundlichkeit und Gastfreundschaft beeindrucken mich und gern folge ich seiner Einladung, nach dem Deutschunterricht noch für einige Minuten auf sein Zimmer zu kommen, um eine Tasse Tee zu trinken. Das Thema Asyl wird in unserer Gesellschaft sehr kontrovers diskutiert. Dabei bin ich weit davon entfernt, jeden, der dazu kritische Fragen stellt oder Ängste bekundet, gleich in die rechte Ecke zu stellen. Seitdem ich etwas mehr Einblick in das Innenleben eines Asylbewerberheimes habe, bin ich sehr dankbar, nicht die Gesetze für Asyl machen zu müssen, noch zu entscheiden, wer bleiben darf oder wer abgeschoben werden soll. Der Kontakt zu einzelnen Asylsuchenden hilft mir, sie als Menschen mit Gaben, Hoffnungen und Gefühlen wahrzunehmen, die mein Leben bereichern. Wenn wir die riesigen Flüchtlingsströme in der Welt wahrnehmen, muss man kein Prophet sein, um festzustellen, dass uns das Thema auch in Zukunft nicht mehr loslassen wird. Ich möchte dafür werben, ohne Vorurteile und sachlich damit umzugehen. Dabei müssen wir wissen, dass es keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen gibt.

Wilfried Krause