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| 15:05 Uhr

Forschungsprojekte im Dreiländereck
Meilenstein für Zittauer Kraftwerkslabor

 Professor Alexander Kratzsch, hier an der Versuchsanlage für einen Wärme- und Kältespeicher, leitet das Institut, zu dem das Kraftwerkslabor gehört.
Professor Alexander Kratzsch, hier an der Versuchsanlage für einen Wärme- und Kältespeicher, leitet das Institut, zu dem das Kraftwerkslabor gehört. FOTO: Uwe Menschner
Zittau. Die Oberlausitzer Forscher sehen auch mit dem Ende der Braunkohlenära den Bedarf für Energie-Forschungsprojekte. Von Uwe Menschner

Wissenschaftliche Einrichtungen kommen der „normalen“ Bevölkerung oftmals wie ein Buch mit sieben Siegeln vor. „Was machen die dort eigentlich noch?“, fragt sich vielleicht so mancher Passant, der am Kraftwerkslabor der Hochschule Zittau/Görlitz vorbeigeht. Wohl wissend um die großartige Tradition der Zittauer Energieforschung auf den Gebieten Kohle und Atomkraft, die – politisch entschieden – keine längerfristige Zukunft haben sollen.

Und doch gibt es für die auf den Kraftwerksbereich  spezialisierten Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker jede Menge zu tun. „Mit sehr viel Engagement unserer Mitarbeiter und der am Aufbau beteiligten Unternehmen sowie durch zahlreiche Personen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung ist es gelungen, einzigartige Großversuchsanlagen zu errichten und dadurch die energietechnische Kompetenz der Hochschule Zittau/Görlitz zu stärken und weiterzuentwickeln“, erklärt der Leiter des Instituts für Prozesstechnik, Prozessoptimierung und Messtechnik, Prof. Dr. Alexander Kratzsch. Seit der feierlichen Eröffnung 2015 konnten nach seinen Angaben mehr als 30 Forschungs- und Entwicklungsprojekte realisiert werden. Da zum 30. Juni die aktuelle Projektphase für die durch die Europäische Union und den Freistaat Sachsen geförderten Vorhaben endet, ist es an der Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Und die fällt für den Institutsleiter positiv aus: „Mit unseren Projekten leisten wir einen Beitrag zur Dekarbonisierung der Wirtschaftskreisläufe und den damit verbundenen Umbau des Energieversorgungssystems in Deutschland und der Lausitz.“

Doch was bedeutet das konkret? Am besten lässt es sich zweifellos anhand der einzelnen Forschungsprojekte erläutern: „Dazu zählt zum Beispiel die magnetische Lagerung von rotierenden Massen. Sie erhöht die Effizienz der Energieerzeugung, denn sie macht die Schmierung durch Öl überflüssig“, erläutert Alexander Kratzsch. Die Turbinenwelle wird durch ein Magnetfeld in der Schwebe gehalten, sie hat keinen Kontakt zu den Außenwänden. Der Abstand ist mikroskopisch klein – er beträgt gerade einmal 300 Mikrometer. Das Limit setzt bislang die Temperatur – sie durfte nicht über 150 Grad Celsius liegen. Die erforderliche Kühlung „frisst“ einen großen Teil der gewonnenen höheren Effizienz wieder auf. Ein weiteres wichtiges Thema ist auch das „Abfangen“ der Welle bei einer Havarie – wenn sich das Magnetfeld abrupt ausschaltet: „Dann rumst es richtig, wenn kein geeignetes Fanglager eingebaut ist.“

An Lösungen für den Übergang zu erneuerbaren Energien arbeiten die ostsächsischen Forscher mithilfe von „Theresa“ - der „Thermischen Energiespeicheranlage.“ Theresa ermöglicht es den Kraftwerksbetreibern, ihre Kessel auch in Zeiten geringer Anforderung auf Betriebstemperatur zu halten und die gespeicherte Energie in Zeiten eines größeren Bedarfs abzugeben. Dazu Alexander Kratzsch: „Die Braunkohlenkraftwerke, die in Sachsen und Brandenburg den größten Teil der Grundlast decken, sind nicht für das häufige Hoch- und Herunterfahren ausgelegt, ihre Technik verschleißt dadurch schneller als geplant. Genau dies wird jedoch gefordert, muss doch die Kohle immer dann einspringen, wenn es nicht genug Sonnen- und Windstrom gibt.“ Das dritte Projekt des Kraftwerkslabors besteht in einem „thermochemischen Versuchsfeld“, mit dem die Wissenschaftler feststellen wollen, welche organischen Rohstoffe sich für eine effektive dezentrale Strom- und Wärmeversorgung eignen. „Dafür steht uns ein Holzgas-Blockheizkraftwerk zur Verfügung, in dem wir alles testen können, was im Wald, auf dem Feld oder auf der Wiese wächst“, so Alexander Kratzsch.

Für das Zittauer Kraftwerkslabor heißt es jetzt: Nach der Förderperiode ist vor der Förderperiode. „Die Versuche gehen mit Förderung der Europäischen Union und des Freistaates Sachsen weiter“, berichtet der Institutsdirektor. Zudem liege eine Zusage des Bundes für eine neue Messstrecke vor. Den Oberlausitzer Energieforschern geht auch in der Ära nach der Braunkohle und der Atomkraft die Arbeit garantiert nicht aus ...

 Professor Alexander Kratzsch, hier an der Versuchsanlage für einen Wärme- und Kältespeicher, leitet das Institut, zu dem das Kraftwerkslabor gehört.
Professor Alexander Kratzsch, hier an der Versuchsanlage für einen Wärme- und Kältespeicher, leitet das Institut, zu dem das Kraftwerkslabor gehört. FOTO: Uwe Menschner