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Mehr als eine Kneipe

Weißwasser.. Wilhelm Neuling geboren am 15. April 1864 in Wiesenburg in der Mark Brandenburg entwickelte eine besondere Liebe zur Holzbildhauerei. Diese Leidenschaft wurde so dominant, dass er dieses Fach sogar an der Kunstakademie in Berlin studierte und anschließend die Absicht kund tut mit seiner Ehefrau Emma nach England auszuwandern, wo er sich eine gesicherte Zukunft erhoffte. Von Lutz Stucka

Dieses Vorhaben konnten ihm seine Eltern und Verwandten ausreden, und er fristete sein Dasein weiter in der Heimat Wiesenburg. Seine Frau Emma war gelernte Köchin, und so entschied das Ehepaar, eine neue Herausforderung anzunehmen. Mit etwas gespartem Geld kamen beide in Weißwasser an. Von diesem Ort hörten sie, dass hier eine große Industrieentwicklung vielen Menschen zu Wohlstand verhalf, und auch sie wollten daran teilhaben. Wirtschaftliche und auch private Gründe zwangen Braumeister Gustav Linke kurz nach der Jahrhundertwende, seine Brauerei an der Bahnbrücke in Weißwasser an Gregor Locke vom Burglehn Muskau zu verkaufen. Das benachbarte Gasthaus „Zum Kronprinzen“ konnte er allerdings in seinem Besitz belassen und verpachtete es am 19. September 1903 an das eingewanderte Ehepaar Wilhelm und Emma Neuling. Hier erwarben sich beide die nötigen Erfahrungen in der Führung eines solchen Etablissements und träumten aber auch von einer eigenen Gastwirtschaft. Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen. Das Gasthaus „Zur Friedenseiche“ stand zum Verkauf, und so zögerten sie nicht lange. Eigene Mittel und ein Darlehn von der Bank ermöglichten es ihnen, den geforderten Kaufpreis von 68 000 Goldmark für das Haus und einige Flächen Land zu bezahlen. Am 5. Oktober 1910 wurde der Kauf vor Weißwassers erstem Notar, Georg Fischer, perfekt gemacht. Nun begann eine Gastwirtsdynastie ihr Gewerbe in einem der traditionsreichsten Gebäude Weißwassers, was sich noch heute in der Hand der Familie befindet.
Eine königlich sächsische Order bestimmte die Gründung von Schulen, und der Standesherr von Muskau, sächsischer Untertan, hatte dies in seinem Bereich durchzusetzen. Am 24. Januar 1770 versammelten sich hier im Haus des Richters George Lehnigk 18 Bauern aus Weißwasser und 16 aus Krauschwitz und gründeten die „Laufschule von Weißwasser und Krauschwitz“ . Laufschule wurde sie genannt, da der Lehrer vormittags in der einen Schule unterrichtete, anschließend in die andere laufen musste, um den Unterricht dort fortzusetzen. Als erster Lehrer war Johann George Beck, Sohn des Schmieds Beck aus Nochten, tätig. Beck ermahnte die Bauern: „. . . ihre Kinder wegen des so nöthigen Unterrichts fleißig in die Schule zu schicken, dem Schulhalter das versprochene Schulgeld ordentlich zu zahlen, die bey Bestellung des Ackers schuldigen Zug- und Handdienste unweigerlich leisten, ihm auch das nöthige Brodt bis zur Ernte unweigerlich zu reichen und zu geben.“ Johann G. Beck war somit erster Kinderlehrer zu Weißwasser und Krau schwitz. Er unterrichtete 24 Kinder in Weißwasser, nebst Kolonie Hermannsdorf und elf in Krau schwitz. Das Schulgebäude, bestehend aus einer Wohnstube und dem Lehrzimmer, weiterhin aus zwei Kammern und einem kleinen Keller. Die Kinder wurden in dem kleinen, einfach ausgestatteten Lehrzimmer, ähnlich einer Bauernstube unterrichtet. An der Wand hing eine Uhr mit langen Gewichten. Des Weiteren befanden sich in den Raum ein langer massiver Tisch mit Holzbänken, ein Holzstuhl mit schräger Rückenlehne, die sich nach oben erweiterte und einen herzförmigen Ausschnitt trug. Neben dem Ofen aus glasierten Kacheln, die eine runde, halbkugelförmige Vertiefung hatten, stand ein Wandschrank. Die Schulgeräte waren recht ärmlich. Eine Wandtafel fehlte. Das Schulgebäude von 1770 wurde über 60 Jahre genutzt und kaum Mittel ausgegeben, um es instand zu halten. Im Jahr 1873 versuchte sogar das Landratsamt der königlich preußischen Regierung in Liegnitz die fürstliche Verwaltung der Standesherrscha ft Muskau zu bewegen, etwas Bauholz für die Neudeckung des Schulhausdaches und für die Unterschwellung der Scheune bereitzustellen. Nicht einmal das Deputatholz für den Winter wollte der Standesherr als Patron der Schule zur Verfügung stellen, so dass „. . . nur so wenig geheizt werden kann, dass die Schüler in den kalten Wintermonaten es vor Kälte kaum noch aushalten, viel weniger etwas schreiben können.“
Das Schulhaus genügte den Anforderungen nicht mehr, es war veraltet und für die 121 Schüler längst zu klein geworden. Der Gemeinderat beschloss am 17. Dezember 1864 ein neues zu bauen. Das alte Schulhaus sollte verkauft werden. Nach langen Grundstücksverhandlungen wurde im Monat August 1867 der Grundstein gelegt, und am 5. November 1868 erfolgte der Umzug in das dem alten gegenüberliegende aus Stein errichtete neue Schulhaus, was heute nicht mehr vorhanden ist und an dessen Stelle das schöne Gebäude der 1. Mittelschule steht. Im alten Schulhaus fanden neben dem Unterricht ein Teil des Gottesdienstes, Weihnachts- und Osterfeiern und auch die Gemeindeversammlungen statt. Noch im selben Jahr, schon am 3. Februar, erwarb der Bauer Christian Mattiza für 1685 Taler das Haus und betrieb hier eine kleine Schankwirtschaft. Der Erfolg war verhalten, und so pachtete der eingewanderte deutsche Gastwirt August Schneider die Schänke und eröffnete das erste Wirtshaus des Dorfes Weißwasser als Gasthaus „Zur Friedenseiche“ . Nicht weit davon entfernt, etwa 100 Meter, führte der Prinzenweg entlang von Muskau nach dem Jagdschloss. Hier verkehrte oft, immer im Herbst zur Jagdsaison, Prinz Friedrich der Niederlande mit seinen Jagdgästen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er auch mal einen Abstecher in das neue Gasthaus des August Schneider unternommen hat und entschied hier auf dem Dorfplatz vor dem Haus, eine Eiche zu Ehren des glorreichen Friedens mit Frankreich 1871 zu pflanzen. Auch ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Deutsche Schneider eine Anregung dazu gab, um seinem Geschäft eine Freude zu machen. Unterstützt wurde er sicher von den Brüdern Kiesewetter (Hermann K. war später Gemeindechef in Weißwasser), die von den siegreichen Feldzügen in Frankreich zurückgekehrt waren und einige Heldentaten berichten konnten. Es sollte das bisher größte Fest im Dorf Weißwasser werden. Der Höhepunkt sollte das Pflanzen der Friedenseiche auf dem Dorfplatz werden. Der Baum wurde auf einem Wagen, den vier Pferde zogen, aus Muskau gebracht. Im Anschluss folgte die Muskauer Schützengilde, welche drei Kanonen nach Weißwasser schleppte und neben dem Gasthaus aufstellte. Als Prinz Friedrich der Niederlande und sein Schwiegersohn Fürst zu Wied die Tribüne bestiegen, wurde nach einigen Ansprachen die Friedenseiche gepflanzt und aus den Kanonen Salut abgefeuert. Im Jahr 1879 konnte August Schneider das Gasthaus samt Nebengelass käuflich erwerben. Den Kaufpreis konnte er nicht vollständig aufbringen, so dass er einen Kaufmann aus Spremberg und einen Landwirt aus Nochten als Kreditgeber gewann. Schon 1885 allerdings wurde ein neuer Gastwirt erwähnt. Es war ein Bruder des Ziegeleiunternehmers Hermann Kiesewetter, deren Familie im Jahr 1850 von Muskau nach Weißwasser kam. Gastwirt Ernst Kiesewetter hatte zuvor mit Bruder Fritz die Schänke „Zur guten Stube“ am Abzweig der heutigen Berliner Straße geführt und die nötigen Erfahrungen gesammelt. Fritz Kiesewetter übernahm die gute Stube allein, und Bruder Ernst konnte mit dem Familienvermögen, zu dem auch Ziegeleiunternehmer Bruder Hermann maßgeblich beitrug, am 19. Oktober 1889 die Friedenseiche käuflich erwerben. Im Jahr 1895 ließ Kiesewetter noch ein neues Stallgebäude errichten, als er im Jahr darauf das Gasthaus an Jacob Kallenbach verkaufte. Kallenbach hatte nach Weißwasser eingeheiratet. Seine Ehefrau war die Tochter des August Neugebauer, dem letzten bäuerlichen Gemeinderatsvorsitzenden, der im Jahr 1888 das Zepter an Hermann Kiesewetter übergab. Die Schänke wurde nun „Jacob Kallenbachs Gasthaus“ genannt. Noch im Jahr der Übernahme der Einrichtung ließ der neue Wirt den linken hinteren Gastraum anbauen. Drei Jahre später, 1899, ließ Kallenbach im Hof vor den Stallgebäuden eine hölzerne Kolonnade errichten, um dieser Fläche den Ausdruck eines Gesellschaftsgartens zu verleihen und der Traditionsname „Zur Friedenseiche“ wurde wieder hervorgehoben.
Am 5. Oktober 1910 kaufte Wilhelm Neuling das Haus und ließ vier Jahre später einen großen Versammlungs- und Tanzsaal anstelle eines Stall- und Wirtschaftsgebäudes errichten. Kurz vor Beendigung des Ersten Weltkrieges wurde Sohn Willi zum Militär gerufen und kehrte erkrankt wieder zurück. Bereits am 15. Juli verstarb der Vater. Willi Neuling führte mit seiner Mutter und Ehefrau Erna die Gaststätte weiter. Kurz nach der Geburt seiner Tochter verschlimmerte sich seine Krankheit, und er starb 28-jährig im Jahr 1927. Die beiden Frauen konnten das Gewerbe nicht mehr weiterführen und verpachteten die Gastwirtschaft 1929 an das Ehepaar Oskar Pelz. Im Saalhintergebäude bezog die neue Pächterfamilie eine Wohnung. Die Besitzerfamilie ließ sich den Dachboden des Gasthausgebäudes zu einer Wohnung ausbauen. Bei dieser Maßnahme entstand der Giebel über dem Eingang. Nur drei Jahre war das Gasthaus verpachtet, als am 1. Mai 1931 Emma Neuling wieder die Friedenseiche übernahm. Schwiegertochter Erna heiratete 1932 den Lehrer Leopold Hoffmann und zog in eine Wohnung an der Berliner Straße 111 in die Nähe ihren Eltern.
Zur Führung des Gasthauses hatte sich Emma Neuling ihren Neffen aus Berlin geholt, und auch die ehemalige Schwiegertochter Erna half gelegentlich im Gasthaus aus. Als der Neffe 1941 zur Wehrmacht eingezogen wurde, verpachtete Emma die Schänke an den Gastwirt Melchior, welcher das Haus bis 1949 führte. Im Jahr zuvor war Emma Neuling verstorben, und so setzte die einstige Schwiegertochter Erna Hoffmann das Familienunternehmen im Namen ihrer Tochter Christa ab dem 1. April weiter. Gesundheitliche Sorgen zwingen die Wirtin, zehn Jahre später das Geschäft aufzugeben. Ein Nachfolger aus der Familie war nicht zur Hand. So verpachtet sie das Haus an die Handelsorganisation (HO). Das staatliche Unternehmen beschäftigte nun eigene Angestellte in der Gaststätte. Von 1960 bis 1971 bewirtschaftete Clara Denkert, eine Verwandte von Erna Hoffmann, im Auftrag der HO die Friedens eiche weiter. Als die Schule I eine Turnhalle für ihren Sportunterricht benötigte, wurde der Saal der Friedenseiche dafür eingerichtet.
Im Januar 1972 übernahm eine neue Wirtin die HO-Gaststätte „Zur Friedenseiche“ . Es war Erna Hoffmanns Nichte Eva Mai. Sie führte das Haus bis zum 30. Juni 1972. Nach sieben Jahren Unterbrechung, wo verschiedene andere Wirte das Haus leiteten, übernahm sie erneut die „Friedenseiche“ bis zur Auflösung der HO im Jahr 1990. Die Erbin, Tochter von Willi Neuling, Christa Dratnal, übernahm das Haus aus der HO- Pacht in Eigenregie zurück und vergab die Gaststätte an ihren Großcousin Hagen Mühle. Sie selbst kehrte 1998 aus den alten Bundesländern nach Weißwasser zurück.

Zeittafel Gemeindehaus am Dorfteich
 Bevor das Gemeindehaus am Dorfteich gebaut wurde, fanden die Ratsversammlungen im Schulhaus statt. Bei diesen Gemeinderatssitzungen ging es meist recht bewegt zu. Lange Kienspäne, an den Decken befestigt, beleuchteten die Versammlung. Einnahme- und Ausgabebeträge wurden zur besseren Klarlegung mit Kreide auf den Tisch geschrieben und anschließend wieder weggewischt. Protokollbücher gab es nicht, nur das Gedächtnis hielt die gefassten Beschlüsse fest.
1908. Gegenüber dem Moltke-Denkmal auf dem ehemaligen Schernoschen Grundstück, der Gemeinde gehörig, plant diese den Bau eines Vergnügungsetablissements mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet und in großem Stil. Es soll einen großen Saal, eine Kegelbahn und einen großzügigen Garten geben. Das Vorhaben wurde nicht verwirklicht, dafür hat sich das Gasthaus „Zur Friedenseiche“ erweitert.
1925. Entlang der Grundstücksgrenze an der Tiergartenstraße wird eine Kegelbahn errichtet.
Juli 2002. Nach umfangreicher Renovierung pachtet Gastwirt Gert Hentschel die „Friedenseiche“ , allerdings nur kurzzeitig.
2003. Gastwirtin Silke Hördler wird neue Pächterin der Friedenseiche.