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| 14:49 Uhr

Ärztemangel
Medizinerlenkung nur mit Überzeugung

Diagnose via Computer. Skandinavische Ärzte sind Vorreiter bei der Telemedizin. Das Projekt soll nun auch in Sachsen starten, genauer im Vogtlandkreis. Bei der Tagung am Mittwoch in Weißwasser wurde der Sachstand vorgestellt.
Diagnose via Computer. Skandinavische Ärzte sind Vorreiter bei der Telemedizin. Das Projekt soll nun auch in Sachsen starten, genauer im Vogtlandkreis. Bei der Tagung am Mittwoch in Weißwasser wurde der Sachstand vorgestellt. FOTO: Photographer: Andrey Popov
Weißwasser. Das Netzwerke Ärzte für Sachsen tagt in Weißwasser und zeigt Modellprojekte auf, die derzeit (an-)laufen. Von Regina Weiß

Satelittenpraxen, Telemedizin, ländliches Gesundheitszentrum, Eigenpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen – das sind alles Ideen, die helfen sollen, die medizinische Versorgung auf dem flachen Land in Sachsen sicherzustellen. Darüber ist am Mittwoch bei der Netzwerketagung Ärzte für Sachsen in Weißwasser gesprochen worden.

Doch für Weißwasser ist das kaum umsetzbar, findet Dr med. Steffen Busse, Chefarzt der Inneren Abteilung am Kreiskrankenhaus Weißwasser. „Wir brauchen Ärzte. Wie das geregelt wird, ist mir völlig egal“, so der engagierte Mediziner. Ein Einstellungsstopp in den Ballungszentren und eine Verpflichtung von Absolventen in die Region, sind für Busse Möglichkeiten, wie der Staat lenkend eingreifen könnte. Ins selbe Horn stößt der Weißwasseraner Hausarzt Karl-Heinz Dreier. Von den rund 45 Ärzten, die den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst in der Region absichern, sind 40 in die Region gelenkt worden. „Wer von den Steuern der Bürger studiert, warum soll man dem nicht sagen, wohin er gehen soll“, so Dreier.

Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Ärztekammer, hält den beiden Ärzten aus Weißwasser entgegen, dass das ein anderes System gewesen ist. „Wollen wir das wieder haben?“, stellt er die Frage in den Raum.

Andrea Keßler, Referatsleiterin im Sozialministerium, zeichnet dagegen einen anderen Weg auf, den man in Sachsen geht, um den medizinischen Nachwuchs auch in die Lausitz zu bringen. Sie stellt zwei Sachen klar. Zum einen gibt es in Deutschland eine Niederlassungs- und Berufsfreiheit, zum anderen sei sie Optimistin. Wenn an den beiden medizinischen Fakultäten in Dresden und Leipzig die Erstsemestler ihr Studium starten, dann sind auch sie und weitere Verantwortlichen aus der Landeshauptstadt dort. Sie wollen überzeugen, werben für ein Stipendium des Freistaates, womit sich Ärzte verpflichten, Allgemeinmediziner zu werden und mindestens sechs Jahre in eine bestimmt Region zu gehen. Seit 2008 laufen diese Werbungen. Seit 2013 habe man jedes Jahr 20 Studenten unter Vertrag. Angesprochen werden jedes Jahr 560 (!). Hinzu kommen die 20 Studenten, die – gefördert von der KV – ein Medizinstudium in Ungarn beginnen und sich auch verpflichten müssen, danach in ländlichen Regionen zu praktizieren. Doch das alles ist keine Medizin, die schnell wirkt. Denn es dauert elf bis zwölf Jahre, bis ein Studium samt Facharztausbildung abgeschlossen ist.

Dabei werden Ärzte dringend gesucht. Nicht nur in Weißwasser und Umgebung. Selbst in der Großstadt Chemnitz droht eine Unterversorgung, muss Erik Bodendieck einschätzen. Dabei gab es schon mal deutlich weniger Ärzte zwischen Plauen und Zittau und es funktionierte auch. 1990 sei man mit rund 11000 Medizinern ausgekommen. Zum Jahresende 2017 gab es im Freistaat 24710 Ärzte. Zieht man die Ärzte im Ruhestand ab, sind 17637 berufstätig.

Und trotz dieser Diskrepanz klemmt es allerorten. Zum einen macht eine Statistik darauf aufmerksam,  dass die Zahl der im Krankenhaus tätigen Ärzte über 13 Jahre erheblich gewachsen ist. 2004 waren es 6944, Ende des Jahres 9655. Im Gegenzug sank die Zahl der Mediziner in eigener Niederlassung von 5819 auf 5276. Hinzu kommen, dass sich auch die Zeiten in dieser Berufsgruppe geändert haben. Arbeit in Teilzeit ist gefragt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ebenso. Hinzu kommt der wachsende Behandlungsbedarf aufgrund der demografischen Entwicklung. Ältere Menschen haben öfter Beschwerden und gehen deshalb auch öfter in die Praxis. 

Natürlich macht das Alter auch vor den Ärzten nicht halt. Bei Haus- und Kinderärzten sowie Neurologen heißt es, jeder vierte niedergelassene Arzt ist 60 Jahre und älter. Und bereits jetzt können sich sachsenweit 270 Ärzte (darunter 240 Hausarztstellen) noch niederlassen – fehlen also aktuell.

Dennoch macht Sachsen eins nicht: Ärzte aus dem Ausland abwerben, wie es die Schweiz oder die nordischen Länder in Deutschland getan hätten. „Wir freuen uns aber über jeden, der zu uns kommt. Wir brauchen die ausländischen Ärzte zur Versorgung“, so Erik Bodendieck.

 Das kann Dr. med. Steffen Busse nur ganz dick unterstreichen. Die rumänischen Kollegen seien die Stützen seiner Abteilung. Mittlerweile bewerben sich Mediziner aus China, Indien und Bangladesh im Krankenhaus Weißwasser.