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Liegen wirklich Altlasten unterm Teich?

Die Aufnahme der Teichrenaturierung an der Alten Ziegelei in Weißwasser entstand im Februar. Ein Großteil des Grundes ist bereits neu verfüllt.
Die Aufnahme der Teichrenaturierung an der Alten Ziegelei in Weißwasser entstand im Februar. Ein Großteil des Grundes ist bereits neu verfüllt. FOTO: C. Köhler
Weißwasser. Seit mehreren Wochen fahren auf dem Allbau/Ziegelei-Gelände in Weißwasser zig Lkw hinein und hinaus. Sie verladen große Mengen Erdmaterial für die Teichrenaturierung. Christian Köhler

Die führt das Unternehmen "Garten Eden" im Auftrag der Lausitzer Energie und Bergbau AG (Leag) durch.

"Ich bin besorgt", sagt Martin K.* im Gespräch mit der RUNDSCHAU. Seinen Namen möchte er in der Zeitung nicht lesen. Einst hatte er in der Ziegelei in Weißwasser gearbeitet und eine Werkswohnung an der Forster Straße. "Seit den 50er-Jahren hat man auf dem Gelände Teer, giftige Verbrennungsrückstände und Unrat verkippt", weiß er. Auch sein Bekannter, ein Anwohner, bestätigt die Entsorgungspraktik zu DDR-Zeiten. "Uns liegt die Teichrenaturierung am Herzen", sagt er und fragt, "aber wer kontrolliert, wo das vermeintlich schadstoffbelastete Material hingebracht und ob der Umweltschutz eingehalten wird?"

Ins gleiche Horn blies bei der jüngsten Stadtratsitzung SPD-Stadträtin Katrin Jung. Sie spricht ebenfalls die "Altlasten" auf dem Gelände an. Die würden ihrer Meinung nach auch das abgestimmte Projekt zwischen Stadtrat und Rathaus, dort Wohn- und Geschäftshäuser zu errichten, seit 2010 verzögern. "Mir dauert das eindeutig zu lang", erklärte sie während der Beschlussfassung zur Offenlegung des dritten Entwurfs des Bebauungsplanes "Innenstadt II".

Dabei hatte die Stadtverwaltung lange mit dem damaligen Bergbaubetreiber Vattenfall verhandelt, wie Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) entgegnete. Dass der Teich trocken gefallen war, sei nämlich auf den Bergbau zurückzuführen, argumentierte schon vor Jahren die Stadtverwaltung. Das erkannte Vattenfall auch an.

Leag als Nachfolger lässt seit November des vergangenen Jahres Arbeiten an dem Teich durchführen. "Wir sind nun in der Endphase", erklärte Baureferatsleiter Thomas Böse und fügte an, dass das Thema "Altlasten" Gegenstand langwieriger Beratungen gewesen war. Stadtplanung sei eben "ein langer Prozess".

Obwohl der Stadtrat der Offenlegung des Bebauungsplanes im Rathaus mehrheitlich zustimmte - die SPD-Fraktion enthielt sich ihrer Stimme -, ließ es sich Detlef Wolsch (Klartext) nicht nehmen, noch einmal etwas in Richtung Katrin Jung zu sagen: "Sie stechen mit dem Altlasten-Thema erneut in eine Sache rein, die für Unruhe sorgt und das Projekt verzögert." Wolsch wünsche sich, dass das Gebiet nun zügig entwickelt wird. Die Anlieger an dem Areal jedoch wollen nicht, dass "die Altlasten unter den Teppich gekehrt werden".

"Wir wissen, dass dort Altlasten sind", erklärt auf RUNDSCHAU-Nachfrage Karsten Kliebisch vom Bauamt in Weißwasser. Deshalb gebe es - wie bei jeder anderen Baumaßnahme auch - eine ökologische Baubegleitung. Diese wiederum ist, so erklärt Kliebisch weiter, dem Landkreis Görlitz, also der unteren Wasserbehörde sowie der Abfall- und Bodenbehörde, unterstellt.

Im Ergebnis der Bauberatung Ende Februar haben die zuständigen Behörden das konkrete Entsorgungskonzept einschließlich Analysen erhalten. Das erklärt Landkreis-Sprecherin Marina Michel. "Nach den uns vorliegenden Informationen lagern die bisher angefallenen Abfälle im Wesentlichen in der immissionsrechtlich genehmigten Anlage des Gartenbaubetriebes ,Garten Eden' in Halbendorf, teilweise aber auch noch vor Ort auf der Baustelle."

Im Folgenden sollen, so erläutert Thoralf Schirmer von der Leag, die entnommenen Massen separiert, deklariert, analysiert und entsprechend der Ergebnisse deponiert oder einer anderen Verwertung zugeführt werden. Der entnommene Schlamm ist aber "als nicht gefährlicher Abfall eingestuft" worden, erklärte Schirmer. Die Beauftragung an entsprechend zertifizierte Unternehmen zur weiteren Verwertung des Schlammes wird derzeit beim Bergbaubetreiber vorbereitet.

Inzwischen werden die übergebenen Leag-Unterlagen von den Fachbehörden des Landkreises geprüft und ausgewertet. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

*Name geändert

Zum Thema:
An der Jahnstraße wurde im Jahr 1884 eine große Ziegelei gebaut. Als Leiter dieser Fabrik fungierte Hermann Kiesewetter. Die Gräflich von Arnimsche Dampfziegelei begann die Produktion an einem Ringofen, der etwa eine halbe Million Mauersteine jährlich herstellte. Am 12. April 1918 wurde das Werk durch einen Brand vollständig zerstört. Beim anschließenden Wiederaufbau erfolgte der Einbau automatischer Ziegeleimaschinen.1927 wurden in der Ziegelei etwa sechs Millionen Ziegelsteine produziert. Die gelb bis braun gebrannten Steine bilden noch heute das Bild zahlreicher Gebäude in und um Weißwasser.Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk enteignet. Im Jahr 1955 war die Produktion auf über acht Millionen Steine angewachsen. Zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit vereinigten sich mehrere Ziegeleien in den 1960er Jahren zur "VEB Klinker- und Ziegeleiwerke Großräschen, Betriebsteil Weißwasser". 1978 wurde der Verlauf der Kleinbahnlinie zur Ziegelei an der Jahnstraße verändert. Vor dem Ortseingang biegt die von Muskau kommende Strecke nach rechts ab und führt an der ehemaligen Brikettfabrik vorbei zur Ziegelei. Dieser Streckenabschnitt blieb teilweise erhalten, da er von der Ziegelei von diesem Tag an bis Januar 1991 als Werkbahn benutzt wurde. 1991 wurde die Ziegelei geschlossen und 2005 abgerissen. Dass das Areal eines Tages tatsächlich mit Wohngrundstücken bebaut werden kann, dafür gab es mehrere Beteiligungsverfahren und Planungsrunden für Bürger und Institutionen seit 2012. Der Teich auf dem Gelände der Alten Ziegelei ist ein Restloch einer Tongrube. Seit 2003 hat der Teich Wasser verloren und ist aufgrund des heißen Sommers gänzlich ausgetrocknet. Das Gewässer soll künftig von einem Park umgeben sein. Im Nordosten des Gebietes befindet sich das Depot der Wald eisenbahn Bad Muskau. Dort bleibt alles, wie es ist.