Auch Prominente waren dort dargestellt, diese aber als Karikatur.
Da ich Zeit hatte, sah ich einen Moment zu. Ein weißes Blatt wurde aufgestellt. Der Zeichner hielt seinen Stift in Richtung des Gesichtes und begann mit den ersten Strichen.
Im Großen und Ganzen gab es wenig auszusetzen. So - ja so - sieht wirklich sein Gegenüber aus. Doch dann: Ein Radiergummi kommt zum Einsatz. Er lässt Linien weicher werden oder nimmt wenigstens die Schärfe des Kontrastes.
Plötzlich durchfuhr mich eine Frage: Gibt es bei mir auch jemand, der meine Ecken und Kanten weicher zeichnet, statt sie möglicherweise noch besonders herauszuarbeiten? Ja, in meinem Leben gab es viele, die an mir ihre Spuren hinterließen und nicht alle wirken sich bis heute vorteilhaft aus. Aber auch ich selbst war bei diesem Geschehen alles andere als unbeteiligt. Nun könnte ich mich zurücklehnen und sagen: Das ist doch bei allen so. Stimmt! Aber dann muss ich auch hinzufügen: Wie ich mit 17 aussah, wurde mir zum Großteil von außen vorgegeben. Wie ich mit 70 aussehen werden, hat zumeist mit meinem Inneren zu tun. Deshalb ist vielleicht so eine gezeichnete Momentaufnahme eine gute Gelegenheit, zu erkennen, wo es mir an Entschiedenheit (Kontrast) und Barmherzigkeit (weiche Linien) fehlt, und Ja zu sagen zu dem, was unabänderlich ist.
Auf sich selbst zu schauen, heißt also, den zu erkennen, den meine Mitmenschen jeden Tag ertragen müssen. So wünsche ich uns allen kräftige Stifte, aber auch ausreichend Radiergummis.
*Christoph Lamm ist Pfarrer der Katholischen Kirche Weißwasser