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| 02:46 Uhr

Leiser Tod in der Unterkunft für Obdachlose

Silke Winkler und Martina Schulz arbeiten für die AWO im Obdachlosenheim in Weißwasser.
Silke Winkler und Martina Schulz arbeiten für die AWO im Obdachlosenheim in Weißwasser. FOTO: Christian Köhler
Weißwasser. Laut Stadtverwaltung haben 15 Personen 2016 die Obdachlosenunterkunft in Weißwasser in Anspruch genommen. Dass es dort immer wieder vorkommt, dass ein Bewohner verstirbt – wie zwischen Weihnachten und Neujahr – gehöre leider zur Wirklichkeit, sagt Leiterin Martina Schulz. Christian Köhler

Friedlich sei der Bewohner der Obdachlosenunterkunft in der Weißwasseraner Brunnenstraße am Jahresende 2016 eingeschlafen, berichtet die Heimleiterin Martina Schulz. Zwar ist es in Deutschland Pflicht der Verwandten ersten Grades, für die Bestattung des Angehörigen aufzukommen. Wenn sich allerdings niemand ausfindig machen lässt, übernimmt das Vater Staat.

"Man muss täglich mit dem Tod rechnen. Kaum einer unserer Bewohner ist gesund", erklärt Martina Schulz weiter. Bei älteren Obdachlosen gehe es hauptsächlich um Alkoholismus, während bei jüngeren oft Drogen- und vor allem Crystalkonsum hinzukommen. Dabei betont Martina Schulz, dass die Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) nicht in der Lage und dafür geeignet sei, die Obdachlosen umfassend zu betreuen. Vielmehr gehe es darum, ihnen wieder eine "normale" Tagesstruktur zu vermitteln, dafür Sorge zu tragen, dass sie sich regelmäßig waschen und Arzttermine wahrnehmen. "Wir sind keine therapeutische Einrichtung", fasst die Leiterin zusammen.

Dabei konstatiert Martina Schulz, die seit 1994 in der Obdachlosenunterkunft tätig ist, dass die wechselnden Bewohner im Laufe der Jahre mit immer größeren psychischen Problemen zu kämpfen haben, die allzu oft durch Alkoholmissbrauch verstärkt werden. "Das macht eine Hilfe sehr schwierig, denn ohne Einsicht in die eigene Krankheit oder Sucht, wird sich ihre Situation nicht bessern." Es sind die kleinen Schritte, die Erfolg im Obdachlosenheim bedeuten. Termine einzuhalten, sich zu rasieren oder anständig zu kleiden, zählen dazu. Die Leiterin komme mit allen gut zurecht, "aber mich frustriert gerade bei jungen Menschen, die zu uns kommen, nur den Schaden begrenzen zu können", sagt die ausgebildete Sozialtherapeutin. Allzu oft bliebe nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie die Wohnungslosen immer weiter abbauen.

In 99 Prozent aller Fälle sind es Männer, die die Einrichtung beanspruchen. Dabei geht es nicht um die winterliche Kälte: "Obdachlosigkeit in Weißwasser hat mit Zwangsräumungen zu tun und nicht mit den Jahreszeiten", erläutert Martina Schulz. Meistens gehe der Verlust des Arbeitsplatzes mit der Trennung der Familie einher, Alkohol und Schulden führen dann zum Wohnungsrausschmiss - und damit zur Obdachlosigkeit.

Dass dann, gerade über Weihnachten, Bürger wie Alexander Porges aus Bad Muskau den Obdachlosen ein Weihnachtsessen spendieren oder zwei rüstige Senioren seit Jahren Spenden vorbeibringen, freut Martina Schulz. "Ich bin außerdem froh, dass ich seit Oktober eine Mitarbeiterin an meiner Seite habe", sagt Martina Schulz.

Ihre Mitstreiterin Silke Winkler aus Weißwasser wiederum ist glücklich, Menschen helfen zu können. "Ich habe schon einmal als Ein-Euro-Jobber hier gearbeitet und bin nun angestellt", sagt sie.

Zum Thema:
Die Gesamtkosten der Stadt Weißwasser für die Bereitstellung und Betreibung der Unterkunft für Obdachlose im Jahr 2014 betrugen laut Stadtverwaltung 54 470 Euro und 2015 50 500 Euro. Die Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor. Für die Nutzung der Unterkunft wird von Erwachsenen ein Nutzungsentgelt von zehn Euro pro Tag erhoben. 15 Personen waren 2016 und 16 Personen 2015 dort untergebracht.