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Lebensretter fühlen sich mies bezahlt

Verdi-Aktion am Donnerstag in Weißwasser. Thomas Walter vom DRK-Rettungsdienst Weißwasser und Kollegen machen Bürger auf ihre kritische Tarifsituation aufmerksam. Wenn sich nichts ändert, drohen Warnstreiks.
Verdi-Aktion am Donnerstag in Weißwasser. Thomas Walter vom DRK-Rettungsdienst Weißwasser und Kollegen machen Bürger auf ihre kritische Tarifsituation aufmerksam. Wenn sich nichts ändert, drohen Warnstreiks. FOTO: ni
Weißwasser. Sie lieben ihren Job, können sich keinen anderen vorstellen. Doch sie wollen es nicht länger hinnehmen, dass sie für ihre Arbeit nicht angemessen bezahlt werden. Gabi Nitsche

Dass das so ist, davon sind die 48 Mitarbeiter vom Rettungsdienst in Weißwasser der DRK Schlesische Oberlausitz gGmbH überzeugt. Sie verweisen auf Einkünfte der Berufskollegen zum Beispiel in Hoyerswerda, Cottbus, Dresden oder Chemnitz, die bis zu 500 Euro monatlich mehr verdienen würden als sie. "Wir wollen einen Tarifvertrag, der uns faire Einkommen und gute Arbeitsbedingungen zusichert", fordern die Retter, die immer zur Stelle seien, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Auf diese Situation und warum sie mehr Geld fordern, haben Mitarbeiter gestern Vormittag bei einer Aktion der Gewerkschaft Verdi an der Berliner, Ecke Bautzener Straße in Weißwasser aufmerksam gemacht. Unter dem Motto "Der Rettungsdienst in der Region um Weißwasser ist in Gefahr" sprachen sie mit Passanten.

Zum Beispiel Notfallsanitäter Daniel Haraszin (44) aus Bad Muskau. Ihn wurmt, dass die Arbeitsbedingungen durch den Tarifvertrag mit der DHV geregelt ist. "Keiner von uns war je in dieser Gewerkschaft", zeigt Haraszin Unverständnis. Der Tarifvertrag sehe kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld vor, und die Eingruppierungen von Rettungssanitäter, Rettungsassistenen und Notfallsanitäter würden sich nur geringfügig unterscheiden. Ein weiterer Kritikpunkt sei unbezahlte Mehrarbeit. "Wir werden für 40 Stunden die Woche bezahlt, leisten aber 48 Stunden." Nach seiner Ausbildung zum Krankenpfleger wechselte er 1994 zum Rettungsdienst. "Die Arbeit macht mir Spaß, wir arbeiten eigenständig, es ist einfach ein gutes Gefühl, Menschen zu helfen", so Haraszin.

Genauso motiviert ist Rettungsassistent Thomas Walter (48). Der gelernte Bau- und Möbeltischler setzte sich mit 38 noch einmal auf die Schulbank, um sich beruflich neu zu orientieren. "Diese Arbeit ist was ganz Feines." So wie die Kollegen fühlt auch er sich unfair bezahlt für den harten Job.

Betriebsratsvorsitzender Geralf Roth (49) gehört zu jenen Kollegen, die heute im Dienstfrei auf die Probleme hinweisen. "Es ist unser erstes Achtungszeichen an den Arbeitgeber. Die arbeitgebernahe Gewerkschaft DHV kann uns mit dem Tarifvertrag nicht zufriedenstellen." Das Interesse der Weißwasseraner, mit den Rettern zu reden, sei groß. Diesen wird deutlich gemacht: Wenn sich nichts ändert, "dann gibt es bald nicht nur einen Ärztemangel hier, sondern auch Mangel an Fachkräften beim Rettungsdienst." Roth ist überzeugt, dass vor allem die Jugend nicht lange fackelt und dorthin gehe, wo besser bezahlt wird. Fachkräfte würden überall gesucht.

Um die Situation für die Beschäftigten zu verbessern, wollen diese einen Tarifvertrag über "ihre" Gewerkschaft Verdi durchsetzen. Denn 42 der 48 Mitarbeiter gehören dieser an, nicht einer der DHV. Doch der Arbeitgeber lehne das ab, habe auf zwei Aufforderungen zu Tarifgesprächen nicht reagiert, sagt Sabine Baron von Verdi. Schlage das DRK das weiterhin aus, werde man mit Streiks im Rettungsdienst und Krankentransport reagieren müssen, so die Gewerkschafterin. Das würde zeitliche Einschränkungen bei der Versorgung von Patienten bedeuten, wobei die Notfallversorgung gewährleistet sein würde, räumt sie ein.

Die DRK Schlesische Oberlausitz gGmbH hält dennoch an dem Nein, was Tarifverhandlungen mit Verdi angeht, fest. Das betonen die Geschäftsführer René Grüneich und Alexander Peter gestern auf Nachfrage der RUNDSCHAU. Sie kündigen gleichwohl spürbare Verbesserungen in den nächsten drei Jahren an und verweisen darauf, dass die Mitglieder der Arbeitgeberorganisation des Deutschen Roten Kreuzes in Sachsen Ende Mai 2017 dem neuen Tarifabschluss mit der Gewerkschaft DHV zugestimmt haben. Dabei hätten diese grünes Licht gegeben für "stete Verbesserungen" in den nächsten drei Jahren für 10 000 Rot-Kreuzler in Sachsen.

Sie verweisen auf 10,3 Prozent mehr Gehalt, bei Azubis bis zu 4,7 Prozent. Mangelberufe wie Notfallsanitäter sollen eine Arbeitsmarktzulage von monatlich 150 bis 300 Euro brutto erhalten. Bei einer Beschäftigungszeit bis zu 15 Jahre gibt es drei Urlaubstage mehr, darüber noch einen weiteren. Auch von gerechterer Altersversorgung sprechen die Geschäftsführer und von weniger Arbeitszeit im Rettungsdienst: "Dort wurde das Ende der 48-Stunden-Woche vereinbart. In Abhängigkeit von den durchschnittlichen täglichen Arbeitsbereitschaftszeiten sinkt die Wochenarbeitszeit bis 2020 auf 46 bzw. 44 Stunden. Gleichzeitig steigt das Gehalt."

Grüneich und Peter schätzen beim direkten Vergleich mit Verdi-Haustarifen ein, dass die Einigung zwischen DHV und Arbeitgeberverband andere Tarifabschlüsse übertreffe. Als Beispiel führen sie den Verdienst eines Notfallsanitäters an. Im DHV-Tarifgefüge in der Eingangsstufe seien das laut Information der Geschäftsführer 2709,83 Euro brutto/Monat (Beispiel Verdi-Haustarif: 2394,14 Euro brutto/Monat) und in der Endstufe 3192,08 Euro brutto/Monat (Beispiel Verdi-Haustarif 3111,68 Euro brutto/Monat).

Das Fazit der Chefs: "Damit wird deutlich, dass die Aktionen von Verdi nicht das Wohl der Beschäftigten verfolgen, sondern allein dem gewerkschaftlichen Machtkampf dienen." Die Streikversuche würden auf einem gewerkschaftlichen Verdrängungswettbewerb beruhen, den vor allem Verdi führe. "Das ist nicht fair, und es ist auch nicht ehrlich", so Grüneich und Peter weiter. Das sei keine Basis für einen konstruktiven Dialog.

Außerdem gebe es Themen, die das DRK nur auf politischer Ebene lösen könne, wie die gesetzlich verlangte Ausschreibung des Rettungsdienstes in Sachsen und die Bedingungen bei der Ausbildung der Notfallsanitäter. Grüneich und Peter sprechen von unnötigen Problemen, die das brachte und die "durch sachliches Verhandeln mit den Verantwortlichen aus dem Weg geräumt werden" müssten.