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| 21:18 Uhr

Hockey-Nachwuchs in Weißwasser
Leben und Träumen neben dem Eis

 Sie tun alles für den Sport, unter der Woche Schule, Ausbildung und Training. Am Wochenende Spiele, nebenan im Fuchsbau oder auswärts: Mateusz (aus Warschau, v.l.n.r.), Vladimir (Kiew), Maciek, Jan (beide aus Danzig), Andreas Jäkel und Paul (Hamburg) können „Miteinander“.
Sie tun alles für den Sport, unter der Woche Schule, Ausbildung und Training. Am Wochenende Spiele, nebenan im Fuchsbau oder auswärts: Mateusz (aus Warschau, v.l.n.r.), Vladimir (Kiew), Maciek, Jan (beide aus Danzig), Andreas Jäkel und Paul (Hamburg) können „Miteinander“. FOTO: Steffen Bistrosch
Weißwasser. Seit mehr als einem Jahr nutzen die Jungfüchse das eigens gestaltete Wohnheim in Weißwasser. Andreas Jäckel ist dort Betreuer. Von Steffen Bistrosch

Weißwasser, Professor Wagenfeldring 74. Von den Weißwasseranern der „Eishockeyblock“ genannt. Wegen des überdimensionalen Spielers an der Fassade. Gegenüber befindet sich die Eisarena, nebenan ist die Geschäftsstelle der „Füchse“.

Andreas Jäkel öffnet die Haustür. Kräftiger Handschlag, offener Blick. Wir treten ein, in den „erweiterten Fuchsbau“, wie der Mittfünfziger das Wohnheim für die auswärtigen Jungfüchse nennt. Wir gehen die Treppe hoch. Ein junger Mann kommt uns entgegen. Er spricht mit Akzent. Vladimir. Er stammt aus Kiew. Er hat eine Frage. Andreas kennt die Antwort darauf, wie auch auf die meisten der vielen kleinen und wenigen großen Probleme der momentan zwölf Kids, die hier wohnen, trainieren, für die Füchse spielen, hier zur Schule gehen oder ihre Lehre machen.

Sie kommen aus Deutschland, Polen, Lettland, Österreich und der Ukraine. Wir betreten die Wohnung in der ersten Etage. Eishockeyutensilien überall, eine Handvoll Eishockeyschläger im Flur. Andreas sagt, diese Wohnung sei anfangs gar nicht für ihn gewesen, das habe sich erst so ergeben. Ursprünglich sollte im vergangenen Jahr einer der finnischen Trainer hier einziehen. Jetzt sind sie beide weg und er hier. Er hat seine eigene Wohnung in Weißwasser aufgegeben, für das hier. Er schwenkt die Hände beim Reden. Am Wochenende kommt Katrin, seine Lebensgefährtin, dann meistens zu ihm. Das sei in Ordnung für sie. Er kann ja nicht einfach wegbleiben von der Arbeit.

Das Telefon klingelt, Andreas hebt ab. „Die Jungs…“ sagt er, „meine Jungs…“, meint er. Andreas stellt das Handy lautlos. Er wird im Verlauf des Gespräches noch öfter angerufen werden. Angefangen hat alles 2017. Andreas schob Fahrdienst für den Eissport Weißwasser (ESW). Er holte die Kids aus den umliegenden Orten zum Training. Fünfmal die Woche, immer nachmittags. Das hat er gern gemacht, mit Kindern kann er gut. Im Kiez am Braunsteich war er etliche Jahre Betreuer, nebenbei Unihockeytrainer.

Es klopft an der Tür. Die Jungs brauchen einen Staubsauger. Kein Problem.

Andreas war Schlosser, Vermesser. Er hat vieles probiert, nie das ganz richtige gefunden. Bisher. Dann reifte im Vorstand des ESW die Idee, im Zuge der Sanierungen im Wagenfeld-Ring die bisher über die ganze Stadt verteilten Sportlerwohnungen an einem Ort zusammenzufassen. Damit sollte die Stunde für eine Wohngemeinschaft für bis zu zwanzig Sportler schlagen.

Der Kontakt sei zunächst über Jan Garreis vom ESW entstanden. Den kannte Jäckel vom Fußballspielen in Weißwasser. Man habe sich dann getroffen, Jan, Katrin und er. Der Verein suchte händeringend nach einem Betreuer für das geplante Wohnheim. Spontan sagte seine Lebensgefährtin Katrin bei dem Treffen: „Dann mach du das doch, Andreas.“ So fing es an. Aus dem Bauch heraus, ohne zu wissen, worauf er sich einlässt, ohne besondere Vorkenntnisse, nur mit Begeisterung für die Sache an sich und dem Willen, das Beste geben zu wollen. Den meisten der Kids ging es sicher ähnlich. Im vergangenen Jahr kamen noch alle elf aus Deutschland.

Alle eint der Wille, den Sprung zum Profi zu schaffen. Nach und nach sei alles gewachsen, die Anzahl der Bewohner im Verlaufe der Saison und die damit verbundenen täglichen und nichtalltäglichen Aufgaben wie Einkaufen, Kochen, Aufräumen, Heimspiele, Auswärtsfahrten, Zahnarzt, Verletzungen, Besuche beim Notarzt im Krankenhaus, auf Station, Wecken, Aufstehen und, und, und. Andreas ist 24 Stunden am Tag für die Jungs da. Ohne die Unterstützung seiner Katrin liefe das nicht. Er erinnert sich, als sich mit Luis und Maxim gleich zwei seiner Schützlinge schwerer verletzt hatten und in Weißwasser auf Station bleiben mussten, hat er Pizza besorgt. In der Krankenhauskantine gab es nichts mehr. Und die Jungs hatten nach dem Sport Hunger trotz der Schmerzen. Sowas gehört dazu. Ansonsten ist gesundes Essen in ausreichender Menge von großer Bedeutung. Er fährt jeden Morgen als erstes zum Bäcker nach dunklen Brötchen. Tagsüber haben seine Schützlinge ein straffes Programm, im Mittelpunkt steht der Sport. Den abendlichen Zapfenstreich gibt es per WhatsApp. Mehr ist nicht nötig, meistens jedenfalls.

Es klopft erneut an der Tür, der nächste braucht den Staubsauger. „Zieh dir mal eine Hose an“, sagt Andreas zu Jan aus Danzig. Der grinst bloß. Steht die Tür einmal offen, kommen auch andere Bewohner herein. Andreas hilft, leitet an, weist zurecht. Seine Jungs sind freundlich und respektvoll. Im Umgang mit ihm und im Umgang miteinander. Das sei nicht von Anfang an so gewesen. Hier begegnen sich die unterschiedlichsten Charaktere, Nationalitäten und Mentalitäten auf engem Raum. Anfang der Saison, als fast alles auf „Null“ gesetzt wurde, begann eine schwierige Zeit. Sieben Neue kamen im Fuchsbau an. Nur vier blieben. Die Kids, oft das erste Mal weit weg von zu Hause, müssen zwangsläufig miteinander klarkommen. Hierarchien entstehen allein durch unterschiedliche Altersstufen. Schließlich ist Hockey ein harter Sport, Durchsetzungsvermögen ausdrücklich erwünscht. Rivalen finden manchmal aber doch zueinander. Als der große Paul aus Hamburg sich in den Finger schnitt, heftig blutete, aber sein eigenes Blut nicht sehen konnte, hielt ihn Wowa, der Ukrainer fest, bis Paul verarztet werden konnte. Seitdem streiten die beiden nicht mehr. Die Spieler werden zu festen Bestandteilen ihres jeweiligen Teams, die hiesigen kommen oft zu Besuch.

Wie die Eltern der Dreizehn- bis Siebzehnjährigen. Der Sport ihrer Kinder muss  finanziell getragen werden und sie müssen oft hunderte oder sogar tausende Kilometer fahren, um sie zu Gesicht zu bekommen. Und Heimweh? Gibt es nicht. Im Gegenteil. Wie Albert, der wegen einer Verletzung nach Hause nach Berlin sollte und partout in Weißwasser bleiben wollte. Der Junge hat sich durchgesetzt. Andreas klingt ein bisschen stolz. Hier ist alles an seinem Platz. Probleme mit den Nachbarn gab`s einmal. Als Mateusz aus Danzig die Leistung seiner neue Soundanlage ausprobieren musste. Die Polizei stand dann vor den offenen Fenstern, aus denen die Musik dröhnte. Einmal und nie wieder. Die Nachbarn grüßen alle freundlich. Sie reden miteinander.

Und wenn die Jungs dann doch gehen? Ein Entwicklungsschritt, sagt Andreas. Wenn große Clubs rufen, eine Karriere in einer der Nachwuchsnationalmannschaften, dann ziehen sie weiter. Und wie ist das? „Es tut richtig weh“, sagt Andreas. „So richtig“. Mit Maxim Rausch, der nach Düsseldorf ging, stehe er noch immer in Kontakt. Ein begnadeter Spieler, der neben dem Eis viel Zuwendung brauchte. Maxim ist ihm besonders ans Herz gewachsen. Zum Abschied schenken sie ihm dann ihre Hockeyschläger. Die stehen im Flur. Mit Widmung. „Vielen Dank“, steht da drauf, oder: „Nicht nur ein Betreuer, sondern ein Freund“ und ihre Namen natürlich.

Zum Ende des Besuchs zeigt Andreas seine Wirkungsstätte. Die Wohnungen sind hell und zweckmäßig eingerichtet. Wohlfühlen ja, Luxus nein. Bett, Schrank, Schreibtisch, Fernseher. Persönliche Dinge. Teenager eben. Eine Wohnung bleibt ausschließlich für den Besuch von Eltern vorgesehen. Der Vater von Vladimir aus Kiew sucht ein Haus in Weißwasser. Der Vater von Fabian aus Rostock hat inzwischen selbst eine Wohnung in der Stadt gemietet. „Wir sind ausgebucht“, sagt Andreas.

Ein paar Jungs machen sich gerade Nudeln. Später am Abend wird es ein gemeinsames warmes Abendessen geben. Wie jeden Montag. Erst das freiwillige Training in der Arena nebenan, dann die teambildende Maßnahme für alle. „Hier hat alles seinen Platz“, wiederholt Andreas. Und alle haben ihren Platz. So wie er. Das ist kein Job, keine Arbeit. Sein Lebensinhalt sei es inzwischen. Und wofür das Ganze? Vielleicht für den Applaus in einer Halle wie nebenan. Für seine Jungs, nicht für ihn. Andreas steht oft in der Kurve gleich hinter der Bande und sieht dem Treiben auf dem Eis zu. Er träumt. Ein bisschen. Er lebt. Intensiv. Im Fuchsbau. Hier.