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| 07:45 Uhr

Lausitzer Wölfe
Lausitzer Wölfe locken Touristen an

Wolfsspuren stoßen auf großes Interesse, nicht nur hier im Daubaner Wald.
Wolfsspuren stoßen auf großes Interesse, nicht nur hier im Daubaner Wald. FOTO: Preikschat
Hoyerswerda/Rietschen/Lieberose. Immer mehr Naturfreunde aus nah und fern interessieren sich für die heimischen Wölfe. Die Vermarktung der Raubtiere steckt noch in den Kinderschuhen. Von Torsten Richter-Zippack

Von einer Illusion müssen sich Gäste bei Wolfsexkursionen ziemlich schnell verabschieden. Nämlich, dass ihnen während der Touren tatsächlich ein Wolf über den Weg läuft. Noch immer, so sagt Stephan Kaasche aus Hoyerswerda, sei es ein absoluter Glücksfall, das Raubtier in freier Wildbahn zu erleben. Aber die meisten Gäste seiner Touren wüssten dies bereits im Vorfeld. Mindestens genauso spannend sind Wolfsspuren, Losungen, die im Wald relativ häufig zu finden seien und mit Glück auch die Überreste eines vom Wolf gerissenen Tieres.

Stephan Kaasche ist seit vielen Jahren als Wolfsexperte und Naturführer tätig. Zum einen, so sagt der Hoyerswerdaer, zeigen sich viele Einheimische an den Tieren interessiert und kommen zu den Führungen. Zum anderen melden sich Naturfreunde aus ganz Deutschland und darüber hinaus für die Touren an. „Zumeist Menschen ab 50 plus“, erklärt Kaasche den Erfahrungen zufolge. Das touristische Wolfsmarketing stecke indes noch in den Kinderschuhen. „Naturtourismus mit ein paar Wolfsführungen ergänzt das Angebot für die vielen Gäste, die aufgrund der Seen in die Region kommen. Und richtige Wolfstouristen sind oft ganz erstaunt, welche touristischen Möglichkeiten die Gegend noch zu bieten hat“, sagt der Experte. Inzwischen gebe es auch Anfragen von Reisebüros nach Wolfsführungen. „Aber es ist eben nicht so, dass ich davon überrannt werde. Das Ganze führt ein Nischendasein im Vergleich zu anderen Tourismussparten“, sagt Stephan Kaasche.

Dass die Wölfe durchaus für zusätzliche Touristen sorgen können, bestätigt auch Ralf Brehmer, Vorsitzender der Touristischen Gebietsgemeinschaft (TGG) Neißeland und Rietschener Bürgermeister: „Die Tiere gehören zum Neißeland und zu dessen besonderer Naturlandschaft. Als solches vermarkten wir sie auch.“ Brehmer schränkt jedoch ein, dass vonseiten der TGG keine speziell auf die Wölfe ausgerichteten Marketingaktionen geplant seien. „Wir haben das gesamte Neißeland im Visier und nicht einzelne Segmente“, begründet er.

In Rietschen kümmern sich vor allem der Erlichthof und das dortige Wolfsbüro intensiv um die Bildungs- und Tourismusarbeit rund um den Wolf. Unter anderem werden Führungen ins Wolfsgebiet angeboten, ebenso die Wolfsausstellung neben dem Erlichthof-Museum. Pro Jahr, so informiert das Kontaktbüro, besuchen zwischen 70 000 und 100 000 Menschen den Erlichthof. Laut der Tourist-Information nehmen die wolfsinteressierten Gäste davon einen Anteil von 20 bis 50 Prozent ein. Die Zahl der Infoveranstaltungen sei noch immer leicht im Steigen begriffen. Im vergangenen Jahr hat das Kontaktbüro dazu knapp 300 Mal eingeladen, zehn Jahre zuvor waren es rund 250 Veranstaltungen.

Laut der Marketing-Gesellschaft Oberlausitz Niederschlesien  (MGO) sind die wolfsinteressierten Gäste oftmals vorgebildet. „Sie suchen nach Möglichkeiten, ihren Horizont zu erweitern“, erläutert MGO-Experte Daniel Breutmann. Darüber hinaus stoßen diejenigen Angebote auf großes Interesse, die bewusst das Klischee vom bösen Wolf angehen und entsprechende Bildungsarbeit leisten.

Darüber hinaus lädt der Wolfsradweg ein. Dieser verbindet auf gut 43 Kilometern den Findlingspark Nochten mit dem Oder-Neiße-Radweg bei Steinbach unweit Rothenburg. Allerdings wurde die West-Ost-Verbindung, die vom Tourismusverband Lausitzer Seenland in die Vermarktung gebracht wurde, nach Angaben von Geschäftsführerin Kathrin Winkler in den vergangenen vier Jahren ganze 84 Mal heruntergeladen. „Im Vergleich zu den übrigen zehn Themenradwegen befindet sich dieser unter den letzten drei.“ Die Seenland-Touristiker haben sich aufgrund der nicht wirklich vorhandenen Nachfrage gegen eine offensive Bewerbung entschieden.

In Bezug auf den Wolf existieren nach Angaben von MGO-Sprecher Daniel Breutmann mehrere qualifizierte Fach- und Abschlussarbeiten von Studenten der Hochschule Zittau/Görlitz. Darin befinden sich viele Gedanken und konkrete Ideen, wie das Thema Wolf-Tourismus-Vermarktung eine noch größere Rolle spielen könnte. „Diese Aspekte werden zuweilen noch nicht ansatzweise genutzt. In den Lausitzer Wölfen steckt erhebliches touristisches Potenzial“, erklärt Breutmann.

Auch in Brandenburg werden die Raubtiere zunehmend touristisch vermarktet. Beispielsweise durch die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg (NLB). In diesem Jahr, so informiert Andreas Schulze von der Projektleitung, gibt es allein vier thematische Wolfsführungen auf den Stiftungsflächen in der Lieberoser Heide, weitere drei bei Jüterbog. Durchschnittlich kommen pro Führung 20 bis 30 Gäste, Tendenz steigend. Darüber hinaus werden Kombinationen aus Wanderung und beispielsweise einer Lesung zum Thema Wolf angeboten, die sehr gut angenommen werden. Schulze stellt aber klar, dass seine Stiftung kein klassisches Marketing für nur eine Tierart betreibe. „Unser Ziel ist es, Wildnis entstehen zu lassen und sie erlebbar zu machen.“

Brandenburgweit spielt das Wolfsmarketing nach Angaben der Tourismus-Marketinggesellschaft Brandenburg  (TMB) eine untergeordnete Rolle. Die Werbung konzentriere sich vor allem auf die im Land vorhandenen Wildparks, beispielsweise Johannismühle  bei Baruth. Dort leben allerdings keine Grau- sondern Polarwölfe.

Die Tourismus Marketing-Gesellschaft Sachsen hat das Thema Wolf bislang nicht aufgegriffen. „Es gibt derzeit auch keine Planungen, das Thema künftig in die Vermarktungsstrategie für das Reiseland Sachsen einzubeziehen“, sagt Sprecherin Vivien Kucher.