Bis zu den Knien steht Geoparkführer Jürgen Siegemund im regennassen Gras. „Das sah hier mal aus wie eine Mondlandschaft.“ Etwas ungläubig rücken die knapp 30 Teilnehmer der RUNDSCHAU-Sommertour ihre Schirme in die Höhe und begutachten den dichten Laubwald und die zugewucherte Lichtung. „Wir stehen hier mitten auf ehemaligen Abraumhalden des Alaunbergbaus“, erklärt Jürgen Siegemund den verduzten Begleitern.

Er zeigt ein altes Schwarz-Weiß-Bild, auf dem ein paar Hügel und kein einziger Baum zu sehen sind. Diese leblose Ödnis hinterließ der Bergbau, als der Alaunabbau 1864 eingestellt wurde. „Da hat Herr Petzold ganze Arbeit geleistet“, sagt Siegemund.

Eduard Petzold war Gartengestalter und Parkinspektor unter dem Fürsten Pückler. Er verwandelte die ehemaligen Abraumhalden in einen wild-romantischen Bergpark. „Der Alaunbergbau ist ein spannender, aber leider wenig erforschter Teil der Bad Muskauer Geschichte“, sagt Johannes Vette. „Das ist die allererste Führung zur Alaungeschichte, deshalb habe ich mich hier angemeldet.“ Seine Frau Gudrun interessiert die Geschichte des Bergparks. „Im Park rund ums Schloss gibt es täglich Führungen. Diese Ecke hier kenne ich noch nicht so gut.“

Parkführer Jürgen Siegemund sorgt dafür, dass die Sommertour-Teilnehmer den Teil des Muskauer Parks kennenlernen, abseits der Hauptwanderwege. Er führt sie über verschlungene Trampelpfade und verwunschene Lichtungen bis an den Rand der Großen Schlucht. „Achtung, hier geht es abwärts“, warnt er. In kleinen Schritten nähern sich die Wanderer dem Abhang. Bis zu 40 Metern geht es an manchen Stellen steil hinunter bis zum Grund der Schlucht. „Hier konnte man zu DDR-Zeiten sogar Ski-Springen“, erinnert sich Christine Winarsch.

Im Gänsemarsch geht es den nächsten Hügel hinauf. Der Anstieg bringt einige ins Schnaufen. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen, der Wald dampft. Die Regenschirme dienen als Wanderstock. Doch auch wenn sich die ersten Sonnenstrahlen durch das Laub mogeln, die Aussicht am Riesengebirgsblick bleibt eine Enttäuschung. Statt eindrucksvoller Gebirgszüge bietet sich den Sommertour-Teilnehmern ein milchiges Hellgrau. „Das Riesengebirge sieht man nur bei Topwetter und klarer Sicht. Das passiert vielleicht ein- bis zweimal im Jahr“, verrät Jürgen Siegemund.

Der Bergpark bietet viele interessante Aussichtspunkte. Manche mit sonderbarem Namen. „Wieso dieser Aussichtspunkt ‚Blick von der Milka' heißt, weiß ich nicht genau. Vielleicht hatte Fürst Pückler unter seinen vielen Geliebten auch eine Milka“, vermutet Jürgen Siegemund und lässt seinen Sommertour-Wanderern Zeit den Blick auf die Bad Muskauer Neustadt zu genießen. Die Türme des neuen Schlosses blitzen durch die Baumkronen. Doch Gudrun Vette schaut ins Unterholz, statt in die Ferne. Zwei Minuten später präsentiert sie ihre Beute: einen stattlichen Riesenschirmpilz. „Das Mittagsessen ist gesichert“, sagt sie lachend.

Beim Blick auf die Maienwiese, auf dem Hochplateau des Bergparks, erinnert sich Christine Winarsch: „Im Winter wurden hier früher die Kreismeisterschaften im Skilanglauf gestartet. Im Sommer wurden Kurschatten gesucht.“ Die Wiese mit vielen Verstecken im Gebüsch sei bei den Besuchern des Hermannbades am Fuße des Bergparks beliebt gewesen, deshalb trägt die Maienwiese den Beinamen „Kuschelwiese“.

Siegfried Jacob erinnert sich: „Hier wurde früher viele Feste gefeiert. Hier standen Buden und ein Kinderkarussell.“ Der 79-Jährige ist in Bad Muskau aufgewachsen und lebt jetzt in Köln. Jedes Jahr kommt er für mehrere Wochen in seine alte Heimat. „Ich dachte, ich kenne den Muskauer Park in und auswendig, aber auf der heutigen Wanderung habe ich neue Plätze und Wege entdeckt.“

Zum Thema:

BergparkDer Bergpark ist der Abschnitt des Muskauer Schlossparks, der sich am westlich Rand der Altstadt erhebt. Er ist geprägt vom ehemaligen Alaunbergbau. Auf den stillgelegten Halden hat der Gartenkünstler Eduard Petzold eine natürliche Parklandschaft erschaffen. Schluchten des Muskauer Faltenbogens prägen den Park. Der Faltenbogen, eine Endmoränenlandschaft, ist während der Eiszeit entstanden. Durch die große und kleine Schlucht führen Wanderwege. Von vielen Stellen auf dem Hochplateau haben Wanderer einen guten Blick in Richtung Schlosspark oder Neiße. Teil des Bergparks ist die ehemalige Kuranlage „Hermannsbad“ oder die Weinberge mit See und Weinberghaus. Wer sich dort in die Büsche traut, findet das Fundament eines alten Feuerturms.