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"Kunst kann gar nicht anders, als Stellung zu beziehen"

Das Staatsschauspiel Dresden.
Das Staatsschauspiel Dresden. FOTO: dpa
Dresden. Politik ist manchmal Theater. Gutes Theater ist fast immer auch politisch. In Dresden hat Pegida die Bevölkerung gespalten. Nun machen Theaterleute auf ihre Weise gegen Fremdenfeindlichkeit mobil. Elena Kapranova

Das Staatsschauspiel Dresden reagiert mit mehreren Stücken in der neuen Saison auf die islamkritische Pegida-Bewegung. "Kunst kann gar nicht anders, als Stellung zu beziehen", sagte Intendant Wilfried Schulz bei Vorstellung seiner letzten Spielzeit in Dresden. Viele Regisseure wollten sich dazu äußern. Volker Lösch wird beispielsweise "Graf Öderland" von Max Frisch mit Texten unter dem Titel "Wir sind das Volk" kombinieren.

Schon zum Saisonauftakt wird bei "Maß für Maß" von Shakespeare danach gefragt, wer das Volk eigentlich ist. Auch Stücke wie Lessings "Nathan der Weise", "Morgenland. Ein Abend mit Dresdnerinnen und Dresdnern aus dem Orient" oder eine Bühnenfassung des Romans "Unterwerfung" von Michel Houellebecq sollen die politische Debatte befördern.

Das Staatsschauspiel Dresden hatte schon zu Beginn der Pegida-Bewegung im Herbst 2014 Flagge gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus gezeigt. Mit anderen Kulturinstitutionen gründeten die Theaterleute das Bündnis "Weltoffenes Dresden", das Konzerte und Kongresse mitorganisierte.

Schulz begründete das Engagement rückblickend mit dem Umstand, dass die Politik sich anfangs nur zögerlich oder gar nicht zu Pegida positioniert habe: "Wir hatten das Gefühl, dass die Gegenkraft fehlt." Es sei gut gewesen, dass die Kultur in diese Lücke gesprungen sei. "Pegida verkörpert nicht die Mehrheit in dieser Stadt", sagte Schulz. Die Mehrheit stehe immer noch für eine offene bürgerliche Gesellschaft.

Insgesamt sieht der neue Spielplan 21 Neuinszenierungen vor, darunter acht Uraufführungen. Mit "Herr der Fliegen" (William Golding), "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" (Thomas Mann), "Rabenliebe" (Peter Wawerzinek) und "Reckless III" (Cornelia Funke) werden bekannte Romane als Vorlage für Stücke genutzt. Auch der Fellini-Film "Schiff der Träume" avanciert zum Bühnenstoff.

Erstmals können Fans von Drittligist Dynamo Dresden Theaterluft als Schauspieler schnuppern. Bei dem Stück "Dynamo - leben, lieben, leiden" stehen sie mit auf der Bühne. Dynamo-Geschäftsführer Robert Schäfer sieht viele Parallelen zwischen Fußball und Theater: "Wir bieten Dramen, haben Helden, ein Publikum und manchmal auch Schauspieler."

Als Regisseure arbeiten in der neuen Spielzeit unter anderen Tilmann Köhler, Roger Vontobel, Sebastian Baumgarten, Armin Petras, Jan Gehler und der frühere Wiener Burgtheater-Chef Matthias Hartmann in Dresden. Schulz wird im Sommer 2016 Intendant des Schauspielhauses Düsseldorf. Sein Nachfolger Joachim Klement ist derzeit noch Chef in Braunschweig.