Wer künftig das Kulturforum Görlitzer Synagoge besucht, wird multimedial auf Spurensuche durch die jüdische Geschichte der Stadt gehen können. Mit Blick auf die für Ende 2020 geplante Wiedereröffnung des Sakralbaus entstehen dazu eine audiovisuelle Führung durch ausgewählte Teile der Synagoge sowie zwei Filme. Einer davon widmet sich namhaften jüdischen Persönlichkeiten, die in Görlitz zur Welt kamen oder in der Stadt wirkten und die durch ihr Lebenswerk oder Schicksal bekannt geworden sind. Das teilt Dr. Sylvia Otto von der Stadtverwaltung Görlitz mit.

Das Vorhaben wird durch eine Förderung aus dem Kooperationsprogramm Interreg Polen-Sachsen 2014-2020 möglich. Dazu hatte die Stadt Görlitz 2019 einen Fördervertrag innerhalb des Projektes „Lernen und Verstehen – Zukunft durch Erinnerung“ unterzeichnet. Lead-Partner ist dabei die polnische Stiftung Erinnerung, Bildung, Kultur. Weitere Partner sind der Meetingpoint Music Messiaen, das Internationale Begegnungszentrum St. Marienthal, Stadt- und Landgemeinde Zgorzelec und der Förderkreis Görlitzer Synagoge.

Nach einer beschränkten Ausschreibung mit Teilnahmewettbewerb erteilte die Stadt Görlitz der Ausstellungsagentur musealis GmbH und orpheo Deutschland GmbH aus Weimar den Zuschlag. Die Bietergemeinschaft wird den multimedialen Audioguide und die beiden Filme produzieren. Der Auftragswert beläuft sich auf rund 92 000 Euro, wobei 85 Prozent der Sachkosten gefördert werden.

Der Förderkreis Görlitzer Synagoge liefert die Inhalte sowohl für die audiovisuelle Führung als auch für die beiden Filme. Ziel ist es, die ursprüngliche Bestimmung der Görlitzer Synagoge und die hohe baulich-künstlerische Qualität des national bedeutsamen Denkmals zu veranschaulichen.

Multimedialer Audioguide für Besucher der Görlitzer Synagoge

Der multimediale Audioguide wird dazu einladen, die ehemalige Synagoge in ganz unterschiedlichen Dimensionen selbstständig zu entdecken: als architektonisches Baudenkmal, als Ort deutsch-jüdischer Geschichte und als ehemaliges Zentrum jüdisch-religiösen Lebens. Einzelne Ornamente, besondere bauliche Elemente und Sichtachsen sind Ausgangspunkt für eine intensive Spurensuche im Gebäude. Je nach Zeit und eigenen Interessen darf jeder selbst bestimmen, wie lange er in den Räumen verweilt, erklärt Sylvia Otto das Vorhaben. Über das Menü auf den Geräten lassen sich thematische Haupt- und Vertiefungstracks aufrufen, etwa zur Baugeschichte, jüdischer Bildsymbolik und synagogaler Musik. Auch mit Biografien von Mitglieder der früheren jüdischen Gemeinde von Görlitz können sich die Gäste auseinandersetzen. Über den Kontrast zwischen historischen Fotos und dem heute Sichtbaren sollen Zeitschichten erkennbar werden.

Der audiovisuelle Rundgang wird in Deutsch, Englisch, Polnisch und Tschechisch angeboten. Für Schülerinnen und Schüler ab der sechsten Klasse gibt es eine spezielle Führung, die sich am Lehrplan orientiert und in vereinfachter Sprache produziert wird.

Die Stadt Görlitz kauft bei orpheo Deutschland GmbH 30 moderne Multimediaguides mit großem Display sowie fünf Geräte mit Tasten und Braille-Markierung für die Audiodeskription. Gerade auf Barrierefreiheit liegt ein besonderer Schwerpunkt. Blinde und Sehbehinderte werden über Audiodeskription durch das Gebäude geführt. Für Besucher mit Hörbeeinträchtigungen werden die Inhalte auch als Text-Version aufbereitet.

Film zeigt die Geschichte der Juden in Görlitz

Die beiden Filme mit jeweils etwa zehn bis 15 Minuten Länge werden auf einem großen Bildschirm im früheren Sitzungszimmer der Synagoge gezeigt. In einer Produktion geht es um die Geschichte der Juden in Görlitz. Die andere zeigt namhafte jüdische Persönlichkeiten, die aus der Stadt stammen, dort lebten oder wirkten.

Im ersten Film soll sich der Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart spannen. Die 1850 erfolgte Gründung der jüdischen Gemeinde in Görlitz und der Bau der 1911 geweihten Synagoge spielen darin ebenso eine Rolle wie die Brandstiftung in der Pogromnacht 1938 und die Vernachlässigung des jüdischen Sakralbaus zu DDR-Zeiten. Auch die langjährige Wiederherstellung der Synagoge und die mühsame Suche nach Nutzungsideen sollen dargestellt werden.

Der zweite Film stellt fünf Persönlichkeiten vor: den Görlitzer Unternehmer und Mäzen Martin Ephraim (1860 bis 1944), den Schriftsteller und Rechtsanwalt Paul Mühsam (1876 bis 1960), die österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin Mira Lobe (1913 bis 1995), den Gründer des Pharma-Konzern Teva, Günther Friedländer (1902 bis 1975), sowie den Autohändler und späteren LDPD-Politiker Artur Schlesinger (1890 bis 1981), der als Jude während des Nationalsozialismus in Görlitz überlebte.

Pogromnacht weitgehend unbeschadet überstanden


Die Synagoge in Görlitz ist seit 1963 im Besitz der Stadt. Das Gebäude wurde von 1909 bis 1911 nach Plänen der Dresdner Architekten William Lossow und Max Hans Kühne errichtet. Der jüdische Sakralbau ist die einzige der großen Gemeindesynagogen in Sachsen, die 1938 die Pogromnacht weitgehend unbeschadet überstand.

Nach Jahrzehnten des fortschreitenden Verfalls wurde das Gebäude in den 1990er-Jahren in seiner Substanz gesichert. 2008 ließ die Stadt Sicherheitsmängel beseitigen, damit das Haus zunächst für Veranstaltungen mit bis zu 230 Personen genutzt werden kann.

Die Synagoge zählt zu den national wertvollen Kulturdenkmalen und soll im Dezember dieses Jahres nach vollendeter Restaurierung als Kulturforum öffnen.