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| 17:37 Uhr

Aus der Geschichte
Krieg, Flucht und Heimkehr

 85 Jahre ist es her, als dieses Erinnerungsbild von Familie Rother in der Stadt Priebus geknipst wurde. Hugo, Elfriede und Egon (v.r.n.l.) sind hier zu sehen. Vater Hugo durfte Frau Tierärztin Will in deren stattlichen Auto chauffieren.
85 Jahre ist es her, als dieses Erinnerungsbild von Familie Rother in der Stadt Priebus geknipst wurde. Hugo, Elfriede und Egon (v.r.n.l.) sind hier zu sehen. Vater Hugo durfte Frau Tierärztin Will in deren stattlichen Auto chauffieren. FOTO: Steffen Bistrosch
Klein Priebus. Teil 2: Warum eine Fahne nach Priebus zurückkommt: Das Leben von Egon Rother. Von Steffen Bistrosch

„Hier ist meine Heimat“, sagt Egon Rother. „Schlesien“. Dort wurde er geboren und lebte bis zu seinem 13. Lebensjahr in dem Haus mit der Nummer „Vorstadt 188 a“ in der kleinen Stadt Priebus, die damals etwa 1500 Einwohner zählte und heute in Polen liegt. Er spricht ohne Bitterkeit. Viele Jahre sind seit seiner Kindheit vergangen. Diese Jahre haben fast alle Menschen mit sich genommen, die Teil seiner Erinnerung sind.

Das Wort Heimat erinnert an Familie, Elternhaus, Schule, Baden in der Neiße, Betriebe, in denen gearbeitet wurde. Damals fanden Heimatspiele statt. Kinder fanden das vor allem interessant, weil die echten Schauspieler zum Greifen nah waren. Am altehrwürdigen Hungerturm wurde „Siegfried“ aufgeführt. Egon Rother kann noch heute die Stelle zeigen, an der die Souffleuse damals saß.

Weiter oben in der Stadt, am Kuhberg, standen zu der Zeit bunte Jahrmarktbuden. Und an der Tanzdiele haben sie den Älteren zugeguckt. Das waren die guten Zeiten. Andere kamen schon bald. Mit ihnen kamen Kriegsgefangene, die die Arbeit der Väter übernahmen, welche in den Krieg zogen. Wie 1942 Egons Vater Hugo, der an die Ostfront kam. Mutter Elfriede hatte es nicht leicht, mit ihren beiden Jungs Egon und Heinz. Als der Krieg näher heranrückte, kamen auch die Soldaten, Verwundete meist.

Lazarettautos hielten, die Kinder brachten Wasser und begleiteten die Verletzten ein Stück weit, wenn sie vom Bahnhof aus ins Irgendwo weiter verlegt wurden. Egon Rother kennt den alten Bahnhof und findet noch immer den Weg durch den Wald nach Wällisch, den er früher zu seiner Großmutter Selma nahm. Wie alle zu dieser Zeit war er in der Hitlerjugend. Geglaubt werden durfte ohnehin nur das, was erlaubt war.

Als der Krieg immer näher kam, herrschte Angst in Priebus. Der Führer im Radio redete auch die Niederlagen schön, Gefallene wurden geehrt. Der „Feindsender“ Radio London wurde heimlich gehört. Egon Rother ahmt die vier dumpfen Trommelschläge der Erkennungsmelodie des englischen Senders nach. „Es herrschte permanent Angst, belauscht und abgeholt zu werden“, erinnert er sich. Gehört wurde der Sender trotzdem.

Am 8. Februar 1945 mussten alle raus aus der Stadt Priebus. Die Wehrmachtsoldaten trieben die Bewohner über die Brücke, die nur einen Tag später gesprengt wurde. Mit dem Handwagen liefen sie nach Rothenburg. Dann weiter nach Seifhennersdorf. Von dort in die Tschechei nach Kreibitz. Dresden haben sie noch in 200 Kilometern Entfernung brennen gesehen, erzählt Egon Rother leise. Die Russen kamen später mit Tieffliegern und griffen ihren Flüchtlingstreck an. „Da habe ich das erste Mal Menschen sterben sehen“, sagt er. Der Treck sei einfach weiter gegangen, musste weitergehen. Helfen habe ohnehin niemand von ihnen können. „Es war Krieg“, sagt Egon Rother.

Der 16-jährige Bruder Heinz musste kurz vor Kriegsende an die Front. Egon Rother kam mit der Mutter bei Bekannten in Lodenau unter. Im April begann er trotz des Krieges eine Lehre als Dekorationsmaler. „Heil Hitler“ habe sein Lehrmeister da noch gesagt. Die Wehrmacht warf einen Monat später die Waffen auf dem Marktplatz weg. Der Krieg war zu Ende. Die Soldaten gingen in Gefangenschaft. Die Kinder, Frauen und Alten haben sich gefreut, dass es vorbei war. Die Mutter blieb in „Lode“, ein Zurück nach Priebus gab es nicht. Bruder Heinz kam noch 1945 aus der amerikanischen Gefangenschaft, der Vater 1948 aus Russland.

Egon Rother wurde wie viele andere junge Männer auch zur Wismut zwangsverpflichtet. „Die Russen brauchten Uran“, erzählt er. Durch glückliche Umstände gelang ihm die Flucht. Dann hat er seine Gerda kennengelernt. Beim Tanzen in Steinbach. Seit dem Tag sind sie unzertrennlich gewesen, erinnert er sich. Über 70 Jahre hinweg haben sie sich nie gestritten. Die Zeit hat auch sie mit sich genommen.

 Egon Rother vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Priebus.
Egon Rother vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Priebus. FOTO: Steffen Bistrosch
 Egon Rother vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Priebus.
Egon Rother vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Priebus. FOTO: Steffen Bistrosch

Nach Krauschwitz zogen sie der Arbeit wegen. Als Dekorationsmaler musste er oft Plakate malen. „Es lebe der Sozialismus“ stand drauf, oder „Deutsch Sowjetische Freundschaft“, die Köpfe von Stalin und Grotewohl habe er gemalt. Währenddessen der Osten von Mehlsuppe satt werden musste, gab es im Westen Apfelsinen und Schokolade, weiß er. Das erzählten Bekannte, die drüben waren. Viele sind auch deshalb rüber.

Über einen Bekannten im Westen half Egon Rother zwei befreundeten Arbeitskollegen aus Krauschwitz bei der Flucht. Jemand muss das verraten haben. „Fluchthelfer“ war ein ernsthafter Straftatbestand. Bruder Heinz kam eines Tages nach Hause zu ihm und riet ihm dann zur eigenen Flucht. „Sofort!“ Gerda reiste mit der kleinen Tochter über einen eilends gestellten Besucherantrag zu Bekannten nach Frankfurt am Main. Egon Rother packte seine Arbeitssachen zusammen und setzte sich in Berlin in die S-Bahn. An der noch offenen Grenze zum Westsektor der geteilten Stadt wurde er aus dem Zug geholt. „Arbeiten will ich in Westberlin“, hatte er der Polizei gesagt, die ihn verhörte.

„Warum, wieso, weshalb… Ausziehen!“, haben die Männer gesagt, „bis auf die Unterhose“. Was er mit dem Geld wolle, fragte sie. Immerhin 5000 Mark hatte er dabei. „Ein Motorrad kaufen“, log er. Irgendwann ließen ihn die Grenzer gehen. Angst habe er damals verspürt, pure Angst. „Wir wussten alle, dass es Bautzen gibt“, sagt Egon Rother.

Sein Bruder Heinz wartete am Flughafen Tempelhof. Ein letzter Platz fand sich zufällig im Flieger nach Frankfurt. Drei Tage später hatte er Arbeit als Maler – und ein schäbiges Zimmer. Die Familie war gemeinsam in Sicherheit, allein das zählte. Viele Erniedrigungen mussten sie ertragen. Unvergessen und trotzdem unwichtig. Nahezu mittellose Flüchtlinge in der Fremde, Egon Rother nennt das eine schlimme Zeit. Er spürt heute noch die abwertenden Blicke, als er mit seinen sieben Sachen vom Flughafen aus durch Frankfurt zog.

Später wurde es besser, beide verdienten, erarbeiteten sich einen bescheidenen Wohlstand. Heimisch wurde er drüben nie. „Meine Heimat ist Schlesien“, wiederholt Egon Rother. Wenn er die Worte Ossi oder Wessi hört, wird er ungehalten. Er verabscheut Schubladendenken. Und er fährt gern nach Polen, nach Schlesien. Immer wieder. Die Menschen, die jetzt in Priebus leben, sind Nachkommen derer, die ihrerseits aus Ostpolen vertrieben wurden. Das war der Krieg und sind bis heute seine Folgen.

Heute schätzt Egon Rother die Freundlichkeit der Menschen, die in seiner alten Heimat leben. Im Jahr 1989 hat sich er sich über die Wende gefreut. „Wir sind nicht besser oder schlechter, weil wir Dinge anders sehen oder beurteilen“, schätzt er das Ost-West-Denken ein. Egon Rother wehrt sich vor allem gegen das Vergessen. Der Heimat. Der Menschen. Wie furchtbar der Krieg war. Was Frieden wert ist.

Deshalb will er den Leuten, die heute in seinem „Priebs“, in Priebus leben, die Fahne derjenigen zurückgeben, die früher hier lebten. Es gibt nicht mehr viele von ihnen. Einander vergeben kostet so viel wie ein Lächeln oder ein freundliches Wort. Toleranz und gegenseitige Wertschätzung machen das Leben lebenswert, sagt Egon Rother selbstbestimmt.

 85 Jahre ist es her, als dieses Erinnerungsbild von Familie Rother in der Stadt Priebus geknipst wurde. Hugo, Elfriede und Egon (v.r.n.l.) sind hier zu sehen. Vater Hugo durfte Frau Tierärztin Will in deren stattlichen Auto chauffieren.
85 Jahre ist es her, als dieses Erinnerungsbild von Familie Rother in der Stadt Priebus geknipst wurde. Hugo, Elfriede und Egon (v.r.n.l.) sind hier zu sehen. Vater Hugo durfte Frau Tierärztin Will in deren stattlichen Auto chauffieren. FOTO: Steffen Bistrosch