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Sensation im Tagebau Nochten
Sensation: Bronzezeit-Dorf entdeckt

Impression von der Grabungsstelle. Noch erkennbar ist der Steinkreis, in dem sich einst ein Grabhügel als Begräbnisstätte befand.
Impression von der Grabungsstelle. Noch erkennbar ist der Steinkreis, in dem sich einst ein Grabhügel als Begräbnisstätte befand. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Weißwasser. Archäologen haben im Tagebau Nochten bei Weißwasser erstmals in Sachsen eine rund 3400 Jahre alte Siedlung freigelegt. Das Kernstück bildet ein 40 Meter langes Gebäude. Nicht minder spannend sind die Speichergruben. Von Torsten Richter-Zippack

Tief müssen die Fachleute des sächsischen Landesamtes für Archäologie im Tagebau Nochten nicht graben. Lediglich fünf bis zehn Zentimeter unter dem Boden kommt ein komplettes Dorf zum Vorschein. Sieben Hausgrundrisse und sieben Grabhügel geben seit Kurzem ihre Geheimnisse preis. Hinzu gesellen sich diverse Gruben, in denen einst Vorräte eingelagert worden sein könnten. Außerdem tauchen nach rund 3400 Jahren verschiedene Keramikgefäße, Scherben, Knochenreste und Metallgegenstände auf. Eine Sensation, sagt Dr. Wolfgang Ender vom Landesamt. „Denn in dieser Komplexität haben wir sachsenweit noch keine zweite Siedlung dieser Art gefunden.“

Hier präsentiert Dr. Wolfgang Ender ein originales bronzezeitliches Keramikgefäß. Es ist rund 3400 Jahre alt.
Hier präsentiert Dr. Wolfgang Ender ein originales bronzezeitliches Keramikgefäß. Es ist rund 3400 Jahre alt. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Komplettes Bronzezeit-Dorf entdeckt FOTO:

Warum das prähistorische Ensemble aus der Bronzezeit sich so gut erhalten zeigt, sei ein wahres Wunder. Wie das kommt, erklärt Expertin Andrea Renno, ebenfalls vom Landesamt: „Der Standort war immer von Wald bedeckt. Nie hat ein Pflug die Erde umgebrochen.“ Ihren Angaben zufolge kamen erste Artefakte der Siedlung während der Munitionssuche im Vorfeld des Tagebaufortschritts ans Tageslicht. Mittels moderner Drohnenfotografie und klassischen Werkzeugen wie Schippen und Pinsel sowie der obligatorischen Vorsicht machten sich dann die Archäologen ans Werk. Was sie ausgruben, verschlug selbst manch gestandenem Experten den Atem: „Wir sind schon seit Anfang der 1990er-Jahre im Tagebau Nochten auf der Suche. Aber solch ein Fund ist uns noch nie geglückt“, bilanziert Wolfgang Ender.

Das Kernstück bildet ein sage und schreibe 40 Meter langes Gebäude, das wahrscheinlich sowohl als Wohnhaus als auch als Viehstall diente. Es handele sich mit Abstand um die größte Konstruktion dieser Art in der Region. Darüber hinaus wurden gleich nebenan weitere Hausgrundrisse gefunden. Bislang sei pro Fundort maximal ein Gebäuderest entdeckt worden.

Nicht minder spannend sind die Speichergruben. Über 200 in die Erde gegrabene Löcher dienten vor allem zur Lagerung von Getreide. Abgedeckt wurden sie mit Holzdeckeln. Dadurch, so erklärt Ender, entstehe ein Siloeffekt. Der wiederum bewirke, dass zumindest ein Großteil des Getreides länger haltbar bleibe.

Darüber hinaus sind die Archäologen, teilweise waren zwischen 30 und 40 Fachleute vor Ort, auf einen bronzezeitlichen Bestattungsplatz gestoßen. Für manche Verstorbene wurden Erdhügel mit Durchmessern zwischen acht und zwölf Metern aufgeschüttet, andere fanden in flachen Gräbern ihre letzte Ruhe. Nicht minder spannend sind ebenso die Grabbeigaben. Dort finden sich diverse Keramikgefäße sowie deren Überreste. Anhand ihrer charakteristischen Form, nämlich den Buckeln, können die Experten das ungefähre Alter feststellen: 1400 Jahre vor Christus. Gefäße späterer Epochen seien nicht mehr als Buckelkeramik hergestellt worden.

Die bronzezeitlichen Menschen, so sagt Wolfgang Ender, lebten in erster Linie von der Landwirtschaft. Mühsam rangen sie den armen Lausitzer Böden bescheidene Erträge ab. Wasser bezogen sie von einer Quelle, deren Reste noch heute erhalten sind. Friedlich waren die Zeiten allerdings nicht. Denn in einem der Gräber fanden die Archäologen eine bronzene Pfeilspitze, die vielleicht von einer tödlichen Verletzung stammen könnte. Schließlich kam auch die berühmte Gletschermumie Ötzi durch eine Pfeilspitze ums Leben. Allerdings ist Ötzi knapp 2000 Jahre älter als die jetzt gefundene Lausitzer Bronzesiedlung.

Die nahe der Gemeinde Trebendorf aufgespürten Reste des prähistorischen Dorfes werden von den Fachleuten akribisch genau dokumentiert. Die Fundstücke werden im Landesamt für Archäologie aufbewahrt. Mittelfristig, so sagt Wolfgang Ender, sei eine öffentliche Präsentation denkbar. Dazu gebe es aber noch keine konkreten Pläne.

Indes müssen sich die Archäologen sputen. Denn nur 20 bis 25 Meter von der Grabungsstelle entfernt befindet sich bereits die Tagebaukante. Und der Vorschnittbagger steht keine 100 Meter weiter. Bis zum Frühjahr sollen dort alle Arbeiten abgeschlossen sein, dann überformt der Tagebau Nochten den Standort des Bronzezeit-Dorfes für immer. „Ohne den Bergbau wären wir wahrscheinlich nie auf diese Siedlung gestoßen“, würdigt Wolfgang Ender die Zusammenarbeit mit dem Bergbaukonzern.

Eine Frage können die Fachleute allerdings nicht wirklich beantworten. Nämlich, was mit den bronzezeitlichen Siedlern passiert ist. Um 500 vor Christus verließen die Menschen die Region. Warum und wohin, wisse bislang niemand. „Möglicherweise verschlechterte sich das Klima“, stellt Wolfgang Ender eine These auf. „Denn die Lausitzer Böden lassen sich nur bei optimalen Klimabedingungen auskömmlich bewirtschaften.“ Erst im 7./8. Jahrhundert nach Christus erfolgte eine dauerhafte Wiederbesiedlung der Lausitz. Damals wanderten von Osten kommend die Slawen als Vorgänger der heutigen Sorben und Wenden ein.