In Zeiten von Marktliberalismus mag es wohl abgedroschen klingen, wenn einer kommt und sagt: Wir brauchen einen Plan. Tatsächlich ist ein solcher in Weißwasser aber nicht wirklich zu erkennen. Sicher, es gibt ein Konzept und ja, es gibt beschlossene (und bewilligte) Maßnahmen, die nach und nach abgearbeitet und je nach Finanzlage tatsächlich umgesetzt werden. Es ist auch schon viel geschafft, unbestritten. Aber wo ist die Vision, wo ist der Fahrplan? Was will Weißwasser sein, wenn die Kohlebagger Industriedenkmäler sind? Ein Eishockeystandort? Ein überaltertes Mittelzentrum mit hübsch sanierten Straßen und Gehwegen, die vielleicht nur noch selten genutzt werden?

Selbst als angestrengter Beobachter lassen sich die Fragen überhaupt nicht beantworten. Viel zu unterschiedlich sind die Interessenlagen in einer 16 000 Einwohnerstadt. Weitläufigen Interpretationsspielraum lassen Aussagen wie „eine enkelfreundliche Stadt wollen wir sein“ zu. Konkret und nach vorn gerichtet ist das eher nicht.

Zugegeben: Die finanzielle Lage lässt wenig Spielraum. Immer mehr Verwaltungsarbeit und ein ungeeinter Stadtrat, Kämpfe im Rathaus um Deutungshoheiten sowie die Nachwirkungen der Oberbürgermeisterwahl bringen in Weißwasser dringend geführte Zukunftsdebatten fast zum Erliegen. Und ja, auch die Hilfe der Landesregierung ist, nett formuliert, überschaubar.

Trotzdem bleibt es richtig: Wer kein Ziel formuliert und auch nicht hartnäckig überprüft, ob der eingeschlagene Kurs stimmt, der verzettelt sich im alltäglichen Geschäft und in der politischen Auseinandersetzung. Spremberg, Hoyerswerda oder Görlitz machen vor, wie es gehen kann: Ein Ziel setzen und dranbleiben. Ohne eine Diskussion, was Weißwasser im Strukturwandel eigentlich will und wie Einnahmequellen für die Stadt und tarifliche Arbeitsplätze geschaffen werden, bleibt die Zukunft ungewiss. Daran ändern auch Fördermittel und ein möglicher, sanierter Bahnhof sehr wenig.

christian.koehler@lr-online.de