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| 10:01 Uhr

Migration
Plädoyer für bessere Integration

Es gibt deutlich weniger Flüchtlinge im Landkreis Görlitz. Dieses Bild entstand in der ehemaligen Unterkunft in Boxberg.
Es gibt deutlich weniger Flüchtlinge im Landkreis Görlitz. Dieses Bild entstand in der ehemaligen Unterkunft in Boxberg. FOTO: Preikschat
Görlitz. Nur 27 Prozent der Bürger im Kreis Görlitz sind generell gegen die Zuwanderung von Ausländern. 87 Prozent sagen, dass Deutschland ein Einwanderungsgesetz braucht. Dies und vieles andere verrät eine bislang einzigartige Studie. Von Uwe Menschner

Der Landkreis Görlitz hat erstmals für ganz Sachsen eine umfangreiche Studie erstellen lassen, um die Meinung der Bevölkerung zu verschiedenen Aspekten der Asyl- und Migrationsproblematik zu erfragen. Die Ergebnisse sind teilweise überraschend und stimmen nicht mit dem Bild überein, das in überregionalen Medien oftmals von Ostsachsen gezeichnet wird.

Was war Anlass für die Studie?

Als die Kreisverwaltung das von ihr erarbeitete Integrationskonzept vom Kreistag bestätigen lassen wollte, lehnten es die Abgeordneten mehrheitlich ab. Sie forderten die Erstellung eines Konzeptes unter Einbeziehung aller an der Integration Beteiligten. „Die Studie ist ein erster Schritt auf diesem Weg“, erklärt die für Ausländerfragen zuständige Dezernentin Heike Zettwitz. Die Ergebnisse sollen – neben anderen Erkenntnissen – in das Integrationskonzept des Kreises einfließen.

Wie ist die Studie durchgeführt worden?

Mitarbeiter des Meinungsforschungsinstituts MAS Partners aus Leipzig riefen per Zufallsprinzip aus dem Pool der Festnetzanschlüsse ermittelte Telefonnummern an. Bei jedem zweiten Gespräch kam ein verwertbar ausgefüllter Fragebogen zustande – laut Projektleiter Jörg Heidrich ein „außerordentlich hoher Wert, der auf großes Interesse an der Thematik schließen lässt“. Dafür spreche auch die durchschnittliche Gesprächsdauer von 23 Minuten. Nach dem 1000. vollständigen Interview endete die Befragung. „Damit ist die Befragung repräsentativ und lässt auf die Gesamtmeinung der Bevölkerung schließen“, so Heidrich. Bei der Erhebung wurde zwischen „Flüchtlingen und Asylbewerbern“ sowie „Migranten“ unterschieden – Letztere sind Bürger aus anderen EU-Staaten, die im Kreis leben. Befragt wurden ausschließlich Deutsche.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

27 Prozent der Landkreisbewohner sind generell gegen die Aufnahme von Asylbewerbern. Dagegen plädieren 42 Prozent dafür, politisch Verfolgte „bedingungslos und uneingeschränkt“ aufzunehmen. 87 Prozent sind der Meinung, dass Deutschland ein Einwanderungsgesetz benötigt. Anerkannte Flüchtlinge/Asylbewerber sollten laut 87 Prozent „bestmöglich integriert“ werden; bei Migranten teilen 82 Prozent diese Auffassung. 76 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Asylbewerber ebenso wie Migranten von der Bevölkerung nur geduldet und nicht als gleichberechtigte Bürger akzeptiert werden. Nur 37 Prozent sind zufrieden mit dem erreichten Stand der Integration, 47 Prozent hingegen unzufrieden. Große Mehrheiten (mehr als 90 Prozent) sehen die Achtung des Grundgesetzes, das Beherrschen der deutschen Sprache, die Akzeptanz der hiesigen Kultur und die Berufstätigkeit als Voraussetzung für eine gelungene Integration. Die Annahme der Mehrheitsreligion, also des Christentums, erachten nur 14 Prozent als erforderlich. Als besonders gut integriert empfinden die Befragten Südostasiaten (Vietnamesen), kaum jemand billigt dies hingegen den Nordafrikanern zu. Bei der Frage, wer bisher die größten Leistungen für die Integration erbracht hat, nennen die meisten Befragten Kirchen, Vereine und sonstige gesellschaftliche Organisationen.

Welche Schlussfolgerungen lässt die Studie zu?

Jörg Heidrich gibt zu, dass er von den Ergebnissen überrascht ist, und zwar überwiegend positiv. „Es stimmt nicht, dass die Menschen in unserer Region Fremden generell ablehnend gegenüberstehen“, betont er. Vielmehr ergebe sich ein sehr differenziertes Meinungsbild: „Die Menschen wollen, dass die Zuwanderung gesteuert wird.“ Als interessant betrachtet er die Diskrepanz zwischen den 27 Prozent, die laut der Studie Ausländer generell ablehnen, und dem Ergebnis der Bundestagswahl, als die AfD im Kreis Görlitz einen wesentlich höheren Wert erreichte: „Da gibt es noch Erklärungsbedarf.“ Die Mehrheit der Menschen steht der Integration laut Heidrich durchaus aufgeschlossen gegenüber, sieht in ihr aber in erster Linie eine Holschuld der Zugewanderten. Besonders wichtig seien Kontakte zu Einheimischen. Weitergehende Interpretationen sind erst nach einer gründlichen Auswertung möglich.

Wie geht es jetzt weiter?

Für den Landkreis Görlitz ist die Studie laut Dezernentin Heike Zettwitz „einer von vielen Bausteinen für das Integrationskonzept“. In der nächsten Stufe will sie „mit Betroffenen und Akteuren sprechen“. Der gesamte Prozess soll sich „transparent und offen“ gestalten. Am Ende wird ein Kreistagsbeschluss stehen, der – so hofft die Dezernentin – anders ausfallen wird als vor einem knappen Jahr.

Die Autoren der Studie wollen diese jetzt detailliert auswerten und dabei auch mögliche regionale Unterschiede innerhalb des Landkreises beleuchten: „Es kann ja durchaus sein, dass der Norden anders tickt als der Süden“, so Jörg Heidrich. „Wir verfügen über einen wertvollen Datenschatz, der viele Schlussfolgerungen ermöglichen wird“, so der Studienleiter.