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| 02:45 Uhr

Kantorki singen wohl zum letzten Mal am Ostermorgen

Die Singefrauen am Ostermorgen vor der Rohner Kapelle.
Die Singefrauen am Ostermorgen vor der Rohner Kapelle. FOTO: trt1
Rohne. Mit einem Wermutstropfen haben die Schleifer Kantorki singend den Ostermorgen in der kleinen Kapelle in Rohne begrüßt. Denn wahrscheinlich zum letzten Mal gab es einen öffentlichen Auftritt. Die Singefrauen werden immer älter, und der Nachwuchs fehlt. Torsten Richter-Zippack / trt1

Es ist diese kaum in Worte fassbare Stimmung des frühen Ostermorgens: Feuerrot geht über dem Schleifer Kirchspiel die Sonne auf. Und auf dem Rohner Friedhof strömen die Menschen in die Kapelle. Wenige Minuten vor 7 Uhr erscheinen fünf Frauen in der typischen Schleifschen Passionstracht. Unter den Armen die Mappen mit den Notenblättern schreiten sie andächtig zum Gotteshaus. Schließlich ist der Herr auferstanden. Das soll singend verkündet werden.

Als in der kleinen Kapelle, die mit 50 Menschen so gefüllt ist, dass kein Platz mehr frei ist, die ersten Noten in Töne verwandelt werden, gibt es wohl kaum jemanden, der keine Gänsehaut verspürt.

Zwei Kantorki, Petra Nakoinz und Gertrud Hermasch, sowie Mitglieder des Vereins Kolesko sorgen für die pathetisch wirkende Atmosphäre. Zu den insgesamt fünf Frauen in Tracht haben sich zwei Sänger gesellt. Es sind das Gerald Schön sowie Uwe Hermasch. Die Künstler schaffen es, die Auferstehung, also den Kern der Osterbotschaft, so authentisch wie möglich zu präsentieren.

Doch trotz der Osterfreude schwingt Wehmut mit. Denn im schlimmsten Falle ist dies der letzte öffentliche Auftritt der Kantorki.

Noch vor zwei Jahren, in der Osternacht 2014, zogen die singenden Frauen in der Schleifer Tracht ab Glockenschlag Mitternacht durch mehrere Dörfer des Kirchspiels und überbrachten auf 25 Gehöften die Nachricht der Auferstehung. Ganz am Ende, wenn der Morgen anbrach, ging es zunächst zu den Singebänken, anschließend zur Andacht in die Rohner Kapelle.

Seit dem vergangenen Jahr ist das nächtliche Singen Geschichte, wie Kantorka Petra Nakoinz sagt. Lediglich die morgendliche Andacht gibt es noch. Warum, erklärt die Schleiferin wie folgt: "Wissen Sie, mit meinen 61 Jahren bin ich in unserer Gruppe die Jüngste. Die älteste, Marie Hentschel, zählt bereits 86 Jahre. Viele Frauen haben in den vergangenen Jahren aus Alters- beziehungsweise aus gesundheitlichen Gründen mit dem gemeinsamen Singen aufgehört." Darüber hinaus fehle der Nachwuchs. Zwar gebe es immer mal wieder interessierte Konfirmandinnen, doch seien diese bei diversen Auftritten anderwärtig gefragt. Heute bestehen die Kantorki lediglich aus noch sechs Sängerinnen.

Im Zuge eines Sorbischen Festivals anno 1990 waren die Kantorki durch Protagonistin Lenka Noack neu ins Leben gerufen worden. In den folgenden Jahren gab es weit über 50 Auftritte pro Jahr, unter anderem Hochzeiten, Taufen, runde Geburtstage. Eines der prägendsten Erlebnisse war gleich nach der Wende die Einladung zum Singen nach Paris.

Brauchtum, wie das Ostersingen, wurde dank der Kantorki wiederbelebt. Dieser Brauch, der bis Mitte der 1950er-Jahre etwa auf den Dörfern gepflegt wurde, pausierte, so sagt Petra Nakoinz, die aus Potsdam kommend im Schleifer Kirchspiel eingeheiratet hatte. "Es gab keine Trachten und keine Leute", begründet die 61-Jährige nach einem Blick in die Vergangenheit.

In der Gegenwart erhalten die Kantorki tatkräftige Unterstützung durch die Sänger vom Verein Kolesko. Allerdings sei deren musikalische Ausrichtung eine andere.

Während Kolesko sämtliche Lieder im Schleifer Sorbisch mehrstimmig singe, präsentierten die Kantorki "nur" Kirchenlieder, und die lediglich einstimmig. "Das passt also nicht wirklich zusammen", resümiert Nakoinz.

Für November sei eine Ausstellung über die Kantorki im Sorbischen Kulturzentrum in Schleife geplant. Schließlich gibt es die Kantorki jetzt seit 25 Jahren. Und vielleicht geschieht in diesem Zusammenhang noch ein kleines Wunder, so dass die Kantorki weiter bestehen können. Denn was wäre ein Ostermorgen auf dem Rohnschen sorbischen Friedhof ohne die Singefrauen? Eine Frage, die viele Menschen in der Region beschäftigt. Eigentlich unvorstellbar, sind sich diese einig.