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| 01:07 Uhr

Kalenderblatt Seit 100 Jahren in Weißwasser

Weißwasser.. 100 Jahre ist es jetzt her, da übergab am 5. Mai, anlässlich des 100. Todestages von Friedrich Schiller, der liberale Weißwasseraner Rechtsanwalt und Gemeindevertreter Fischer die Schillerbank an Bürgermeister Rummert. Es überrascht uns Heutige, dass dieser Akt die Ausmaße einer politischen Demonstration annahm. Honoratioren der Landgemeinde, darunter führend die Liberalen mit ihrem Vorsitzenden Joseph Schweig, hatten die Bank gestiftet, um ihre politischen Ansichten nachhaltig zum Ausdruck zu bringen. Von Werner Schubert

Der nachmittäglichen kleinen Einweihungsfeier folgte deshalb am Abend eine Gedenkveranstaltung, die vordergründig dem Gedenken an den 100. Todestag des Dichters diente. Friedrich Schiller wurde aber zum Kronzeugen einer Politik erhoben, die mehr Demokratie, mehr Freiheit, mehr Einheit und Frieden bringen sollte und die eindeutig gegen die Vorherrschaft des preußischen Feudaladels und das wilhelminische Weltmachtstreben gerichtet war. Auch wenn kein Name fiel, so war doch allen bewusst, wer ihr Repräsentant war. Graf Traugott Hermann v. Arnim vertrat als konservativer Reichstagsabgeordneter konsequent diese fatale kaiserliche Politik, die ein Jahrzehnt später in den Ersten Weltkrieg führen sollte. Deshalb war diese Feier ein eminent politisches Ereignis. Die Weihe der von hiesigen Herren gestifteten Schillerbank brachte die politischen Gegensätze deutlich zum Ausdruck. Die Weiherede hielt Rechtsanwalt Fischer, Mitglied des liberalen Ortsvereins und der Gemeindevertretung wie Schweig. Was er am sagte, dürfte auch die Meinung seines Parteifreundes gewesen sein. Fischer rühmte Schiller wegen seines Glaubens an Ehre, Freiheit und Vaterland, an jene idealen Güter, ohne welche dem besseren Teile des deutschen Volkes das Leben nicht lebenswert erscheint. Einschließlich der Eintracht, die der Redner mit den Worten des sterbenden Attinghausen beschwor, handelt es sich hier um eindeutig liberale Positionen. In diesem Sinne übergab er die Bank gegenüber der Einmündung in die Schillerstraße dem Bürgermeister als Repräsentanten der Gemeinde. Unter den hiesigen Herren, die die Bank gestiftet hatten, befand sich auch Joseph Schweig.

Nur ein Poet?
Die Gegenpartei hielt auch eine der abendlichen Festreden. Sie hielt ein Vikar der evangelischen Kirche. Ihm war der demokratische Einheits- und Freiheits-Schiller deutlich fremd. Schiller kam als nationaler Dichter bei ihm überhaupt nicht vor. Für den Gottesmann war er nur ein Poet, der Idyllen besingt, der sich nur im Idealreiche seiner Dichtung bewegt. Mit anderen Worten: Mit politischen Forderungen auf der platten Erde hat er gar nichts zu tun. An Schiller kamen die konservativen Kräfte nicht vorbei, aber sie wollten unter allen Umständen verhindern, dass er zum Kronzeugen einer nationalen freiheitlichen Demokratie erhoben wurde.
Rechtsanwalt Fischer knüpfte mit seiner begeistert aufgenommenen Rede am Abend in der Gaststätte „Krone“ an das an, was er bei der Einweihung der Bank gesagt hatte. Dem zahlreich erschienenen Publikum erklärte er, dass die Treue zum Vaterland für jeden höchste Pflicht sei. Er zitierte dazu aus Schillers Wilhelm Tell die Worte des sterbenden Attinghausen: „Ans Vaterland, ans teure schließ dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen. Die Treue zum Vaterland steht über Allem. Diese Forderung gilt für alle, für hoch und niedrig, für den Bettler wie für den Fürsten.“ Geradezu im Gegensatz zu dieser demokratischen Auffassung, dass die Treue zum Vaterland über allem, auch über dem Monarchen steht, vertreten die hurrapatriotischen Konservativen eine andere Reihenfolge. Von der Schule bis zur Bahre predigten sie den Zeitgenossen, dass an erster Stelle die Treue dem angestammten Herrscherhaus, dem König und Kaiser gilt, der durch sein Gottesgnadentum über allem steht. Dieser Gegensatz ist charakteristisch für die gesamte Kaiserzeit.

Einigkeit
Ein ähnlicher Gegensatz tut sich auf bei den Äußerungen zur Einheit des Deutschen Reiches, das nach der Verfassung nur ein Fürstenbund war, von dem diese sich jederzeit lösen konnten. Als nächst wichtige Forderung beschwört der Redner Schillers Ruf nach Einigkeit. Der sterbende Attinghausen, ein Adliger, ruft seinen Landsleuten zu: „Seid einig, einig, einig.“ Das zielt eindeutig gegen den damals noch starken fürstlichen Partikularismus im Reich. Deshalb wird der Ruf nach Stärkung der inneren Bindungen auch mit der Forderung nach Freiheit für alle Bürger verbunden. Als letztes Wort im Drama lässt Schiller den Adligen Rudenz verkünden: „Und frei erklär ich alle meine Knechte. Damit auch klar wird, wie diese Freiheit hergestellt werden kann, erklärt Attinghausen: Der Adel steigt von seinen alten Burgen. Und schwört den Städten seinen Bürgereid.“ Es sind also die bürgerlichen Freiheiten, die hier mit der Stärkung eingefordert werden. Ganz im Geiste der Demokratie soll das durch Verzicht, durch freiwillige Hergabe der Adelsprivilegien geschehen. Gemeint waren Forderungen, wie sie sich in demokratischen Programmen finden: Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts, der steuerlichen und sonstigen Privilegien des Adels, die die Landgemeinde und ihre Bürger immer wieder schmerzlich zu spüren bekamen. Schweig war kein Revolutionär, der die bestehende Gesellschaftsordnung radikal umstürzen wollte. Demokratische Reformen waren in seinen Augen das Mittel, die deutsche Gesellschaft zu modernisieren.
Der i-Punkt dieser liberalen Demonstration war der Verzicht auf das Absingen der preußischen Nationalhymne Heil dir im Siegerkranze, Herrscher des Vaterlandes. Stattdessen erklangen Strophen aus Schillers Ode An die Freude. Solche Zeilen wie „alle Menschen werden Brüder, Männerstolz vor Königsthronen, dem Verdienste seine Kronen“ sind wiederum eindeutig demokratisches Gedankengut. Im Lied von der Glocke werden ganz in diesem Sinne bürgerlicher Fleiß und schaffende Arbeit gerühmt. Der Volksbildungsverein, der die Gestaltung übernommen hatte, setzte noch eins drauf.
Er ließ ein Gedicht in der Vertonung Mendelsohn-Bartoldys vortragen, einem jüdischen Komponisten. Seit Richard Wagners Verdammung jüdischer Musik, die weder Gefühl noch deutsche Innigkeit ausdrücken könne, muss so etwas in konservativ-antisemischen Ohren äußerst schrill geklungen haben.

Grundwerte
Die Schillerfeier in der Landgemeinde Weißwasser war also eine eindeutige und nachhaltige, wenn auch zurückhaltende und in Worte des Dichters gekleidete Demonstration bürgerlich-demokratischer Grundwerte, was außerordentliche Zustimmung fand.