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Sächsischer Schülerpreis
Schmerzliche Spurensuche jenseits der Neiße

Neben dem Gedenkstein unmittelbar an der Neiße auf deutscher Seite erinnert jetzt auch ein Video von Rothenburger Jugendlichen an den aufgegebenen Ort Tormersdorf.
Neben dem Gedenkstein unmittelbar an der Neiße auf deutscher Seite erinnert jetzt auch ein Video von Rothenburger Jugendlichen an den aufgegebenen Ort Tormersdorf. FOTO: Uwe Menschner
Rothenburg. Rothenburger Jugendliche begaben sich auf die Suche nach dem früheren Tormersdorf. Zeitzeugen begleiteten sie. Von Uwe Menschner

Von Uwe Menschner

Tormersdorf existiert nicht mehr, doch die Erinnerung ist noch lebendig. Dafür gesorgt haben unter anderem acht Rothenburger Jugendliche, die sich in einem Medienprojekt mit Unterstützung des Diakoniewerkes Martinshof mit dem kleinen Ort am anderen Neißeufer, von dem nur ein paar Mauerreste übrig blieben, beschäftigt haben.

Aus Erkundungen vor Ort und in Gesprächen mit Zeitzeugen gestalteten Leo Linde, Farin Förster, Tino Röhle, Tobias Wittig, Sultan Gaurgashvili, David Pohl, Anna-Katharina Schindler und Michelle Neumann einen bewegenden, etwa fünfzehnminütigen Film, der über Youtube (https://www.youtube.com/watch?v=rDql8WZr458) im Internet abgerufen werden kann. Dafür haben sie jetzt den mit 500 Euro dotierten Schülerpreis im Rahmen des Sächsischen Landespreises für Heimatforschung entgegennehmen können.

„Wir hatten keine Probleme, junge Menschen zu finden, die bei dem Projekt gerne mitmachen wollten, denn wir haben den Kindern und Jugendlichen Raum für eigene Forschungen gegeben und zugleich ihre Abenteuerlust angeregt“, betont Daniel Vetterlein vom Martinshof. Er leitete das Projekt.

Dazu trugen zweifellos auch die Neißeüberquerungen mit dem Schlauchboot bei, mit denen das ortsansässige Unternehmen Neisse-Tours den Projektteilnehmern bis zu 50 Kilometer Autofahrt ersparte – und das bei einer Luftlinienentfernung von noch nicht einmal einem Kilometer!

Vor Ort stießen die Jugendlichen auf dichten Wald, der die wenigen noch erhaltenen Mauerreste des früheren Tormersdorf – auf polnisch Predocice – vor den Blicken verbarg.

Zu den befragten Zeitzeuginnen zählte die frühere Tormersdorferin Ruth Arlt. Sie berichtete von einer glücklichen Kindheit, welche vom Baden in der Neiße und vom Spielen im Wald geprägt war. Irmgard Ehlert erinnerte an die Tormersdorfer Volksschule, in der alle Jahrgänge in einer einzigen Klasse unterrichtet wurden.

Tormersdorf verfügte über eine beachtliche Anzahl von Geschäften und Handwerksbetrieben: vom Lebensmittelladen über Tischlerei, Schmiede bis hin zu Schuhmacher und Schneiderwerkstatt. Die bestimmende Rolle spielte jedoch die Landwirtschaft.

Auch das Diakoniewerk Martinshof – bis 1941 unter dem Namen „Zoar“ – hatte eine starke Präsenz in Tormersdorf: Es bildete hier Pfleger aus und verfügte über einen Ruhestandssitz für seine Diakone.

Mit der Idylle war es vorbei, als der von Hitlerdeutschland angezettelte Krieg im Frühjahr 1945 an seinen Ursprungsort zurückkehrte. Wie so viele Orte im heutigen deutsch-polnischen Grenzgebiet erlitt auch Tormersdorf schwere Beschädigungen. Bereits am 20. Februar war die Neißebrücke, die Tormersdorf mit Rothenburg verband, durch einen Stoßtrupp der Wehrmacht gesprengt worden. Nach dem Ende der Kampfhandlungen waren „alle Gebäude ausgebrannt oder zerschossen“, wie Ruth Arlt den jungen Reportern berichtete.

Nur kurze Zeit nach ihrer Rückkehr von der Flucht wurden die Tormersdorfer erneut ihrer Heimat verwiesen – diesmal für immer. Der Ort wurde zerstört. Seit 2003 erinnert ein Gedenkstein auf der Rothenburger Flussseite an das frühere Dorf – und nunmehr auch der Film der Rothenburger Jugendlichen.