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Junge mit Interesse für Tzschelln

Die ehemalige Tzschellnerin Christine Springl, geborene Schillack, präsentiert ihren Enkeln Johann und Luisa schon mal den Gedenkstein.
Die ehemalige Tzschellnerin Christine Springl, geborene Schillack, präsentiert ihren Enkeln Johann und Luisa schon mal den Gedenkstein. FOTO: amz1
Boxberg/Tzschelln. Rund 40 Jahre sind ins Land gegangen, als Tzschelln dem Tagebau Nochten weichen musste. Kein Wunder also, dass die allermeisten Teilnehmer des alljährlichen Tzschelln-Treffens an der Ortserinnerungsstätte unweit von Boxberg das 60. amz1

Lebensjahr längst überschritten haben. Doch der einladende Heimatverein hat jetzt auch wesentlich jüngere Leute begrüßt, die sich auf die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern begeben.

Beispielsweise Doreen Mertingk. Die 37-jährige Weißwasseranerin ist beim diesjährigen Tzschelln-Treffen erstmals dabei. Ebenso zum ersten Mal an der seit der Jahrtausendwende bestehenden Ortsgedenkstätte zwischen Spree und Spreestraße. "Meine Mutter Margitta Mertingk stammt aus Tzschelln. Sie hat viel Material für die Ortschronik bereitgestellt", berichtet die kaufmännische Angestellte. Margitta Mertingk erzählt indes, dass die Familie, die Tzschelln im Jahr 1975 für immer verlassen musste, unmittelbar neben Kirche und Bäcker gewohnt hatte. "Manchmal spreche ich auch mit meiner Oma Emma Batzk über das Dorf", erzählt Doreen Mertingk. Bei den Erinnerungen an frühere Zeiten blühe die inzwischen 95-Jährige regelrecht auf.

Ebenfalls zu den Jüngeren beim Tzschelln-Treffen gehört der gebürtige Nochtener Rico Petrick. "Meine Mutter war Tzschellnerin. Ich selbst habe nur noch ganz wenige Erinnerungen an den Ort", sagt der 44-Jährige. Er könne sich aber noch entfernt an das elterliche Haus erinnern, das einst das letzte Gebäude im Ort war und nach der Umsiedlung noch eine gewisse Zeitlang als Schaltanlage diente. "Mein Anliegen ist es heute, mehr über die Geschichte von Tzschelln zu erfahren", beschreibt Rico Petrick seine Intention.

Das Wissen wolle der heute in Dresden lebende IT-Unternehmer auch an seine beiden Kinder weitergeben. Luisa (3) und Johann (1) dürfen schon mal den Gedenkstein für Tzschelln in Augenschein nehmen. Oma Christine Springl sagt, dass sie den beiden schon ein wenig über den verlorenen Heimatort erzählt habe. "Ich würde mich sehr freuen, wenn sich die Kinder später dafür auch richtig interessieren", hofft die 67-jährige gebürtige Tzschellnerin, die den Ort bereits im Jahr 1973 verlassen musste. Springl zog zunächst nach Nochten, später nach Weißwasser, wo sie bis heute lebt.

Der Heimatverein Tzschelln zählt heute nach Angaben der Vorsitzenden Christina Wolsch rund 90 Mitglieder. Rund 60 sind beim 2017er-Picknick am Stein dabei. Wolsch sei froh über das zunehmende Interesse von Kindern und Enkeln der einstigen Tzschellner. "Somit gerät unser Dorf auch zukünftig nicht in Vergessenheit", lautet die Begründung.

Ansonsten bewege sich der Altersdurchschnitt im Heimatverein allerdings jenseits der 70-Jahr-Grenze. "Alterspräsidentin" sei Johanna Pannach mit ihren 91 Jahren. Sohn Dieter Pannach weist auf ein kleines Jubiläum hin. Denn vor genau 70 Jahren wurde die anno 1936 erfolgte Umbenennung von Tzschelln in Nelkenberg wieder rückgängig gemacht. Im Dritten Reich waren die slawischen Ortsnamen unerwünscht.

Unbeeindruckt von diesen Namenswechseln präsentiert sich indes der Nelkenberg, nach dem einst das Dorf benannt wurde. Der rund 140 Meter hohe Hügel erstreckt sich südwestlich der ehemaligen Ortslage von Tzschelln, befindet sich aber bereits auf Spreetaler Gemarkung und dazu innerhalb des Truppenübungsplatzes Oberlausitz der Bundeswehr. Indes wollen sich die Tzschellner bald wiedersehen.

Denn schon am 30. September wird in der Krauschwitzer Gaststätte "Zur Linde" die traditionelle Kirmes gefeiert, kündigt Christina Wolsch an. Los geht es gegen 15 Uhr. Zudem soll es eine besondere Überraschung geben.