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| 19:57 Uhr

Weißwasser
Jugendliche rennen dem Elend davon

Die Run-and-Gone-Protagonisten um Reno Werner (M.) sind ein eingeschweißtes Team.
Die Run-and-Gone-Protagonisten um Reno Werner (M.) sind ein eingeschweißtes Team. FOTO: Reno Werner
Weißwasser. Diesen Sonnabend wollen mehrere Jugendliche von Weißwasser nach Klitten einen guten Halbmarathon bestreiten. Ihre Laufmotivation soll für neuen Lebensmut sorgen. Von Torsten Richter-Zippack

„Um es vorwegzunehmen: Wir werden definitiv keinen Bestzeiten hinterher jagen“, stellt Reno Werner klar. Der Blick auf die Uhr sei während der dritten Auflage des „Run-and-Gone“-Laufes absolute Nebensache. Stattdessen gehe es um das Durchhalten. Um das Weglaufen vom Elend. Denn Reno Werner wird sich nicht mit Profi- oder Freizeitsportlern auf die Distanz begeben, sondern mit Jugendlichen aus schwierigen und schwierigsten sozialen Verhältnissen. Diese leben unweit von Klitten in einer Jugendhilfeeinrichtung, tief im Wald versteckt. „Die Leute kommen vor allem aus dem Ruhrgebiet“, erzählt Werner. Derzeit wohnen dort neun Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren. Die Distanz zur alten Heimat ist gewollt. „Damit stellen wir den nötigen Abstand zu den schrecklichen Erlebnissen aus der Vergangenheit her“, erklärt Reno Werner, der in Bad Muskau lebt.

Auch seine zwei Sportler, die am Sonnabend auf die Piste gehen wollen, stammen aus komplizierten Verhältnissen. Mehr will Reno Werner dazu nicht sagen. Zum einen handele es sich um einen 19-Jährigen, der bereits zum dritten Mal am „Run-and-Gone“ teilnimmt. Ob sein Kollege auch tatsächlich starten wird, entscheide sich erst kurz vor dem Lauf. „Die Jugendlichen sehen jetzt ihren Lebensmittelpunkt in der Lausitz. Zurück in die alte Heimat wollen sie nicht“, sagt Werner.

Der gelernte Koch und jetzt angehende Erzieher weiß, wovon er spricht. „Meine Jugend und die anschließenden Jahre im Erwachsenenalter waren geprägt von Alkohol und Drogen. Ich war ganz unten, und bis zum Tod hat nicht mehr viel gefehlt“, blickt der heute 35-Jährige zurück. „Ich hatte so viele Abstürze und Kontrollverluste. Hauptsache, meine Birne war zu.“ In den Jahren 2011/2012 begannt Reno Werner mit einer Langzeittherapie im Erzgebirge, ging dann nach Leipzig, um dort seinen Schulabschluss nachzuholen. Jetzt hat er sich entschieden, jungen Leuten mit ähnlichen Karrieren zu helfen. Deshalb die Umschulung. „Es gibt zwar viele studierte Soziologen, die wirklich einen guten Job machen. Aber es braucht auch Leute wie mich, die die Hölle am eigenen Körper erlebt haben.“

Im Jahr 2014 legte der Bad Muskauer erstmals die Strecke von Leipzig in die Lausitz zu Fuß zurück. Dabei habe er Feuer für den Marathonsport gefangen. Jetzt geht es also zum dritten Mal von Weißwasser nach Klitten. Mit von der Partie sind die erfahrenen Marathonläufer Roberto Füger und Jörg Fischer. „Wir sind ein super Team“, urteilt Reno Werner.

Der Startschuss am 1. September fällt um 9 Uhr vor dem Sanitätshaus Herzig an der Görlitzer Straße in Weißwasser. Zunächst geht es über acht Kilometer nach Weißkeißel, anschließend durch die Muskauer Heide nach Klitten. „Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre brauchen wir für die Gesamtstrecke fünf bis sechs Stunden“, hat Werner nachgerechnet. „Dabei geben immer die Jugendlichen das Tempo vor. Wenn jemand nicht mehr kann, wird halt eine Pause eingelegt.“ Wichtig sei das Durchhalten. Und natürlich das sich am Ende einstellende Erfolgsgefühl. „Klar fühlen wir uns am Ende des Tages sehr erschöpft, aber eben auch sehr stolz auf das Geschaffte“, resümiert der 35-Jährige. Nicht zuletzt entstehe ein Gemeinschaftsgefühl, an dem die Jugendlichen wachsen.

Der angehende Erzieher trainiert die Jugendlichen auch selbst. „Eine richtige Vorbereitung gibt es aber nicht. Wer Lust hat, kommt eben mit auf die Strecke.“, sagt Werner. Er selbst laufe am liebsten im Muskauer Park, da es dort so viele verschiedene Streckenvarianten gibt.

Für Reno Werner gibt es inzwischen nichts Schöneres als das Laufen. „Ich nehme auch am Dresden- sowie am Görlitz-Marathon teil“, sagt der Bad Muskauer, der aktuell ein Praktikum in einer Weißwasseraner Kita absolviert, stolz. „Und es geht dabei immer nur um die Teilnahme, nie ums Gewinnen.

Übrigens: Wer die Läufer am Sonnabend begleiten will, kann dies gern tun. Für Reno Werner, Roberto Füger und Jörg Fischer ist in Klitten indes noch lange nicht Feierabend. Anschließend gehe es weiter nach Niesky und von dort quer durch Sachsen bis ins Erzgebirge „Am Ende werden wir um die 300 Kilometer unter den Sohlen haben“, hat Reno Werner auf der Landkarte nachgemessen.