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Jetzt könnte Kippen-Hopfen wachsen

Besucher wie Jürgen Thust hatten auch Gelegenheit, sich den Kuhstall der Viereichener Rindfleisch e.G. anzuschauen.
Besucher wie Jürgen Thust hatten auch Gelegenheit, sich den Kuhstall der Viereichener Rindfleisch e.G. anzuschauen. FOTO: amz1
Rietschen/Neuliebel. Zum ersten Mal in Sachsen und zum zweiten Mal überhaupt hat am Wochenende das Erntedankfest der Lausitzer Bergbau-Bauern tausende Besucher angezogen. Gefeiert wurde an zwei Standorten, nämlich auf dem Rietschener Erlichthof sowie auf dem Betriebsgelände der Firma "Viereichener Rindfleisch e.G." amz1

Das Unternehmen Viereichener Rindfleisch e.G. war auch der Gastgeber des Erntedankfestes der Lausitzer Bergbau-Bauern. Schließlich werden sich bald 120 Hektar der insgesamt 750 Hektar großen Bewirtschaftungsfläche in der Bergbaufolgelandschaft befinden. Diese erfahren aktuell ihre Vorbereitung für die künftige Nutzung.

Das Unternehmen beschäftigt eigenen Angaben zufolge aktuell 52Mitarbeiter und gehört damit zu den größten Arbeitgebern in der Gemeinde Rietschen. "Stammkapital" bildet indes der neue Stall mit Platz für 250 Rinder.

Unternehmenschef Dr. Erwin Hackel betont, dass es anfangs keineswegs selbstverständlich war, dass seine Firma Flächen in dieser Größenordnung in der Bergbaufolgelandschaft des Tagebaus Reichwalde erhalte. Und dass, obwohl den Viereichenern durch Grube und damit verbundener Schöps-Verlegung 350 Hektar Land entzogen wurden. "Wir haben für unsere Areale gekämpft", erinnert sich Hackel. Das habe sich gelohnt. Ohnehin seien die Landwirte stets bestrebt, aus der Situation das Beste zu machen. Das zahle sich aus.

Der Rietschener Bürgermeister Ralf Brehmer (Freie Wähler) hat gleich noch einen Tipp für die Viereichener Bauern parat: "Ihr könntet doch auf dem Kippenland Hopfen anbauen, quasi Viereichener Bier. Das schmeckt mir schon jetzt auf der Zunge", sagt das Gemeindeoberhaupt. Und meint es auch ernst. Erwin Hackel sagt jedenfalls nicht grundsätzlich nein. Im Gegenteil: "Wir haben mit Hopfen zwar noch keine Erfahrungen. Aber wir werden die Idee mal prüfen." Die umgehende Reaktion von Ralf Brehmer: "Genau diesen Satz wollte ich hören." Der Bürgermeister betont seinen Respekt für die Arbeit der Landwirte. Nicht nur das Wetter, sondern auch die Politik mache den Bauern erheblich zu schaffen. Betrieben in der Not sollte auch mit öffentlichen Geldern geholfen werden, fordert das Gemeindeoberhaupt. "Der Staat hat ja auch die Banken gerettet." Lautes Klatschen im Festzelt auf dem Erlichthof.

Zu Gast ist auch Sachsens Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt. Er verweist auf die ohnehin schwierigen Bedingungen in der Lausitz, Stichwort Grenzstandorte. Dann komme noch der Bergbau hinzu. Daher sei ein Zusammenhalt zwischen den beteiligten Protagonisten so wichtig. Auch mit Komplimenten spart Schmidt nicht: "So wie es hier in der Lausitz läuft, würde ich es mir für den gesamten Freistaat wünschen." Nicht zuletzt lohne sich eine Ausbildung in der Landwirtschaft. In kaum einer anderen Branche zwischen Oberlausitz und Vogtland sei der Anteil der Hochqualifizierten so stark wie in der Landwirtschaft. 41 Prozent der dort Tätigen besäßen einen höheren Abschluss als die Fachhochschulreife. Der Spruch, dass sie dümmsten Bauern die größten Kartoffeln hätten, stimme schon lange nicht mehr. Uwe Grosser vom Vorstand der Lausitzer Energie AG (LEAG) kündigt an, dass im Tagebau Reichwalde noch bis weit in die Mitte des 21.Jahrhunderts Kohle gefördert werde. Ein Viertel bis ein Drittel der anschließend rekultivierten Flächen käme der Landwirtschaft zugute. Und der sächsische Bauernpräsident Wolfgang Vogel fordert, dass die durch die Bauern produzierten Lebensmittel endlich mal die Anerkennung bekämen, die ihnen gebühre. Konkret spricht er den Einzelhandel an, der einen massiven Preiskampf betreibe. "Das kann so nicht weitergehen", spricht Vogel den Bauern von der Seele. "Wir wollen für unsere Arbeit einen gerechten Lohn. Nicht weniger und nicht mehr."

Gefeiert wird zum Erntedankfest natürlich auch. Für Furore sorgt unter anderem der gemeinsame Auftritt der "Schlesischen Schwälbchen", einem Männerchor, und den Daubitzer Karnevalisten. Musikalisch und komödiantisch wird eine Schlachteszene dargestellt. Das Publikum kann sich kaum vor Lachen halten. Die Klein Priebuser Traktorenfreunde haben ihre historische Landtechnik mitgebracht. Zudem zeigen sie, wie früher gedroschen wurde.

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