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"Jeder hat dort um sein Überleben gekämpft"

Der 92-Jährige Werner Richter erinnert sich an ein bewegtes Leben.
Der 92-Jährige Werner Richter erinnert sich an ein bewegtes Leben. FOTO: Christian Köhler
Krauschwitz. Sie gilt als die Wende des Zweiten Weltkrieges: Die Schlacht von Stalingrad im Winter 1942-1943. Hundertausende haben dort ihr Leben verloren. Werner Richter aus Krauschwitz überlebte. Christian Köhler

Als Werner Richter aufwacht, liegt er auf Kohlebriketts. Neben ihm ein wärmender Ofen, der langsam seine kalten, durchgefrorenen Glieder erwärmt. Während er sich umsieht und langsam wieder das Bewusstsein erlangt, betritt ein Offizier den Schuppen: "Wir müssen hier weg", ruft er Werner Richter zu, "die Russen sind schon ganz nah." Das war im Winter der Jahre 1942 und 1943 während der Schlacht um die Stadt Stalingrad, dem heutigen Wolgograd.

Die Wehrmacht hatte von dort aus mit ihren Verbündeten den Kaukasus erobern wollen und war mit 230 000 Soldaten auf die Stadt vorgerückt. Die folgenden Ereignisse gelten unter Historikern als Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg: Die deutschen Soldaten wurden von der Roten Armee eingekesselt und vom Größenwahn Adolf Hitlers gezwungen, ihre aussichtslose Stellung zu halten. Die Wehrmacht konnte die Stadt nicht einnehmen und musste sich seitdem immer weiter zurückziehen, bis schließlich Nazi-Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte.

Insgesamt verloren in der Schlacht um Stalingrad etwa 700 000 Menschen ihr Leben. Von den 110 000 gefangenen Wehrmachts- und verbündeten Soldaten überlebten 6 000 den Krieg.

An die russische Front

Durch einen mehr oder weniger glücklichen Umstand gehörte Werner Richter nicht zu denjenigen, die damals eingekesselt und gefangen genommen wurden. Der gebürtige Krauschwitzer wurde 1941 ins Militär berufen und absolvierte eine Funkerausbildung in Breslau. Mit einem Zug wurde der damals 19- Jährige an die russische Front gebracht.

"Wir hatten alle schon viel gehört von dem Feldzug nach Stalingrad", erinnert er sich. In jenen Tagen habe er nicht genau gewusst, was ihm noch widerfahren wird. Heute sagt er, es sei unvorstellbar gewesen. "Ich hoffe, dass niemand jemals wieder einen Krieg erleben muss. Allen, die denken, dort hätte irgendjemand eine Heldentat vollbracht, sage ich: Jeder hat dort um sein Überleben gekämpft." Werner Richter sei damals, wie viele andere auch, verblendet gewesen und wegen einer grauenhaften Ideologie in den Krieg gekommen.

Eisige Kälte

Die bittere Kälte von bis zu minus 35 Grad Celsius gefror Menschen und Maschinen. "Die Funkgeräte ließen sich nicht bedienen, sodass wir als Melder eingesetzt wurden." Sein Regiment sollte die rumänischen Verbündeten unterstützen und Werner Richter musste durch den tiefen russischen Schnee zu Fuß Meldungen zwischen den Kompanien übermitteln. "Irgendwann bin ich einfach am Straßenrand zusammengebrochen", sagt er. Die Kälte und die Strapazen in den vielen Tagen und Wochen zuvor hatte sein Körper nicht verkraftet. Im Schnee hatte er liegen bleiben und einfach nur schlafen wollen. Aufgewacht ist er dennoch - an jenem wärmenden Ofen und auf den Kohlebriketts, die seinen Gliedern wieder neues Leben einhauchten. "Ich weiß bis heute nicht, wer mich an diesen Ofen gebracht hat", räumt er ein, "aber ich war froh, am Leben zu sein."

Hinter der Front kam er nun in ein Lazarett und wurde anschließend dazu verpflichtet, die Rote Armee an ihrem Vormarsch nach Westen zu hindern. Erschöpft und völlig entkräftet habe er sich gefühlt, zu Essen gab es nur Kommissbrot mit Marmelade. "Wir haben alle gehungert. Noch heute kann ich beim Essen nichts übrig lassen", gibt er offen zu.

Anfang des Sommers 1943 - die Rote Armee war schon weit in den Westen vorgerückt - erkrankte Werner Richter in der russischen Steppe an Malaria. "Die unheimlich vielen Mücken machten uns allen zu schaffen und ich erkrankte", erinnert er sich.

In der Hoffnung, nun das Schlimmste überstanden zu haben, wurde Werner Richter nach Italien versetzt und sollte dort bei der schweren Artillerie seinen weiteren Dienst verrichten. "Engländer und Amerikaner hatten in der Nähe von Rom einen Brückenkopf errichtet und wir sollten unter aussichtslosen Bedingungen ihren weiteren Vormarsch aufhalten", erzählt Werner Richter. Der Feind jedoch war waffentechnisch überlegen und so kam Richter zu dem Schluss: "Was in Russland die Kälte war, war in Italien die Bombardierung durch die Alliierten."

Unaufhörlich sind Amerikaner und Briten vorgerückt. "Wir haben uns dann in Tirol auf einem Bauernhof versteckt", erklärt er. Ein Lächeln huscht dem heute 92-Jährigen über das Gesicht. "Bis zum Ende des Krieges waren wir in den Bergen und haben dort eine verhältnismäßig schöne Zeit verbracht." Einige hätten versucht, über die Alpen nach Deutschland zu flüchten, aber die Berge seien unüberwindlich gewesen. Letztlich hatte sich Werner Richter wie viele andere auch ergeben müssen und wurde von den Alliierten ganz in den Süden von Italien gebracht.

Gefangenschaft im Süden

"In der Gefangenschaft war es meine Aufgabe, die Nahrungsrationen unter uns zwölf, die wir in einem Zelt eingepfercht hausen mussten, aufzuteilen." Über ein halbes Jahr gab es Erbsen, die in einer Suppe zusammen mit Maden schwammen. "Brot gab es nicht, sondern eine Art Biskuit, die uns zerkrümelt in einem Kanister gegeben wurden." So machte Werner Richter täglich zwölf Häufchen - einen für jeden Gefangenen, bis die Alliierten fünf Deutsche suchten, die in Blockschrift die Entlassungspapiere für Gefangene des Lagers ausstellen konnten.

Noch vor den Wirren des Zweiten Weltkriegs hatte Werner Richter im heimischen Bad Muskau eine Ausbildung zum technischen Zeichner absolvieren können. Diese kam ihm nun zugute, denn er durfte bis zu seiner eigenen Entlassung Papiere ausfüllen. Erst 1946 ließ man ihn in seine Heimat zurück. "Ich kam nach Hoyerswerda und musste mich dort vier Wochen lang unter Quarantäne stellen lassen."

Überglücklich, heil und unverletzt hatte Werner Richter Ende 1946 sein Heimatdorf Krauschwitz erreicht. "Ich war so froh, nach so langer und furchtbarer Zeit wieder in den Armen von meinen Eltern zu liegen", sagt er sichtlich bewegt, "und das unverletzt! Um mich schwirrten Kugeln und Granatsplitter, aber keine davon war für mich bestimmt."

Noch Jahre später habe er von seinen abscheulichen Erlebnissen während des Krieges geträumt und macht sich heute begreiflich: "Uns wurde auf brutalste Art und Weise die Jugend gestohlen."

Noch bevor die zwei deutschen Staaten gegründet wurden, flüchtete Werner Richter aus der sowjetisch besetzten Zone und nahm ein Studium zum Keramik ingenieur auf. Nach und nach arbeitete er sich bei einem Unternehmen für feuerfeste Keramik zum Betriebsdirektor hoch. Bis 1987 entwickelte er neue Verfahren zur Herstellung feuerfester Werkstoffe, die zur Produktion von Stahl verwendet wurden. Auf Auslandsreisen nach Japan, Brasilien, Mexiko oder Schweden stellte er seine Entwicklungen vor. "Ich konnte sogar acht Patente über meine Firma anmelden", blickt er stolz zurück.

Zum Thema:
Werner Richter wurde 1922 in Krauschwitz geboren und absolvierte eine Lehre zum technischen Zeichner. 1941 wurde er zum Militär gerufen. Nach Gefangenschaft kehrte er 1946 wieder zurück. Nach dem Krieg studierte er in Westdeutschland Keramikingenieurwesen und entwickelte bis 1987 feuerfeste Werkstoffe. Werner Richter ist verheiratet und hat vier Söhne. Für sie hat er seine Erinnerungen auf Tonband aufgenommen. Heute wohnt er wieder in Krauschwitz.