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| 08:36 Uhr

Jahn-Denkmal – das erste in Schlesien

Weißwasser.. Die Tinte auf der Urkunde zur Verleihung der Stadtrechte für Weißwasser war Ende August 1935 noch nicht richtig trocken, da erhielt der Ort einen Ehrennahmen, der uns noch heute lieb und teuer ist – „Sportstadt Weißwasser“ .Einen bedeutenden Höhepunkt erlebten die Sportler des Turn- und Sportvereins (TSV) Weißwasser am 8. September 1935. An diesem Tag fand der Vereinsgroßwettkampf gegen den Sport- und Turnclub (STC) Görlitz statt. Von Lutz Stucka

Anlass war der 50. Jahrestag des Bestehens der Turnabteilung des TSV Weißwasser. Diese zwei Großvereine der Lausitz maßen sich in den Disziplinen Fußball, Tennis, Handball und Leichtathletik. Dabei wurden erstmals mehrere Sportarten bei einem Vereinswettkampf ausgetragen, was zuvor immer nur in einer Sportart geschah. Auch die Spiele der Eishockey-Abteilung des Vereins gegen den Berliner Schlittschuh Club und den Berliner Eislauf Club am Anfang des Jahres waren für Weißwassers Sportimage wichtig. Diese beiden Vereine waren in dieser Sportart führend in Deutschland und hatten auch international einen guten Klang. Nicht zuletzt führte auch der Auftritt des derzeit erfolgreichsten Eiskunstlaufpaares Deutschlands, Hempel und Weiß, im Ort zu dieser Bezeichnung. Mit Bewunderung sah man auf die zahlreichen Sportaktiven der noch ganz jungen Stadt, die diesen Ehrennamen redlich erkämpft hatten. Auch noch heut ist man stolz darauf und verpflic htet, ihn zu erhalten.

Darstellung der Sportgeschichte
Alle Sportvereine waren begeistert als der Aufruf vom Vorsitzenden des Weißwasseraner Sportverbandes, Wolfgang Petsch, vor wenigen Wochen kam, wir wollen die Sportgeschichte unserer Heimatstadt darstellen und damit besonders die zahllosen Erfolge unserer Sportler würdigen. Die Chroniken der Vereine, Festschriften und Presseberichte sowie der Berichte einzelner Sportler und Vereinsmitglieder gestatteten die folgende Beitragsserie.
Während der „Turnvater-Jahn-Bewegung“ in Deutschland brachten die Menschen Natur, Körper und Geist in Einklang. Unter dem Motto „In einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist“ begannen in Weißwasser Sportbegeisterte ihr Umfeld dafür zu nutzen. Die wald- und wasserreiche Gegend wurde von den Bewohnern neben der wirtschaftlichen Verwendung zur Erholung und Freizeitbeschäftigung gebraucht.
In den ersten Maitagen des Jahres 1885 gründeten 43 Turnbegeisterte den „Turn- und Rettungs-Verein Weißwasser“ im Gasthaus „Zum Schwarzen Adler“ am Bahnhof. Unter ihnen waren die Sportler Haubitz, Künzel und Karl Ebert, die den Vorsitz, dem Bergbauunternehmer Joseph Schweig antrugen. Zu Beginn wurden aus Mangel an Geräten nur Freiübungen geturnt. Als sich der Saal des Vereinslokals als zu klein erwies, gelang es den weitaus größeren des benachbarten Hotels „Zum Deutschen Kaiser“ , der auch zu Gottesdiensten genutzt wurde, für Turnübungen zu verwenden. Der Vereinsvorsitzende Joseph Schweig, der zwischen beiden Gasthäusern sein Wohnhaus zu stehen hatte, stellte einen Lagerraum für die inzwischen beschafften Turngeräte zur Verfügung. Auch ein Turnplatz, gleich vis a vis gelegen und der von den Vereinsmitgliedern planiert wurde, kam hinzu. Erstmals, bei einem Preisturnen, trat der Verein am 2. September 1886 in der Öffentlichkeit auf. Die Einwohner waren von den Darbietungen sehr angetan und zeigten hohes Interesse. So kam es dann auch, wie erwartet, der Zulauf war groß. Schnell waren die Unterkünfte zu klein geworden. Mehrfacher Wechsel der Vereinsräume brachte nicht den Erfolg, bis schließlich der Vorsitzende, Joseph Schweig, ausgearbeitete Bergbauflächen am Nordrand des Ortes Weißwasser zur Sport- und Freizeitnutzung schenkungsweise im Jahr 1896 zur Verfügun g stellte. Das Gelände wurde von den Mitgliedern gestaltet und auch ein Vereinshaus, heut Volkshochschule, gebaut. Im Jahr 1896 war der Turnplatz, heut Zentralteil des Tierparks, durch die Mitglieder des Turn u. Rettungs-Vereins fertig gestellt und drei Jahre später konnte das daran anschließende ehemalige Bergbaugelände als Park gestaltet und vom Verein der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Zur gleichen Zeit entstand am südlichen Ufer des Jahnteiches eine Turnhalle mit einem zweiten Turnplatz und einem Feuerwehrsteigerturm.
Das verlassene Bergbaugebiet sollte so für Sportübungen zu Land und zu Wasser genutzt werden und wurde gleichzeitig renaturisiert. Auch die dem Verein angehörige Feuerwehrabteilung trainierte hier für ihre Rettungsaufgaben und hielt sich dabei körperlich fit. Ein reines Freizeitvergnügen war das zu Anfang nicht, denn in der aufstrebenden Industriegemeinde war arbeitsfreie Zeit sehr knapp. In der Folge entwickelte sich das gesellschaftliche Leben im Ort allerdings rasant, weil die Glasmetropole Weißwasser bald zu einem der reichsten Kommunen der weiteren Umgebung gezählt werden konnte.

Bescheidener Wohlstand
Besonders die Leute in den Glashütten brachten es bald zu einigem Wohlstand, der hier in der eigentlich armen Lausitz bisher nie gesehen wurde. Selbst der einfache Arbeiter, der früher nach seiner vielstündigen Hüttenarbeit noch nebenbei für die Ernährung seiner Familie ein kleines Feld und einen Garten bestellen und unterhalten musste, konnte schon mehr oder weniger darauf verzichten und beim Händler alle seine Lebensmittel einkaufen. Die dadurch gewonnenen Momente standen nun der Freizeitgestaltung und der aktiven Erholung zur Verfügung. Zu Beginn, als die Glasindustrie noch im Aufbau begriffen war, arbeiteten alle zugleich, Hand in Hand. Das änderte sich aber bald, als unterschiedliche materielle Erfolge erzielt wurden. Aber auch der massenhafte Zuzug von außerhalb, ließ eine bürgerliche Schicht schnell entstehen, die sich besonders deutlich im Vereinswesen gliederte. Standesunterschiede wurden imm er deutlicher, bis es dann zu klaren Abtrennungen zwischen Bürgerlichen und Arbeitern kam.

1898 Turnplatz angelegt
Die gymnastischen Turnübungen der Erwachsenen des Trurn- und Rettungs-Vereins sollten auch die Kinder in der Schule nachmachen. So wurde im Jahr 1898 angeregt, hinter der Gemeindeschule 1 in Alt-Weißwasser auf einer Wiesenfläche einen Turnplatz anzulegen und mit einem Sportgeräteschuppen zuversehen. Der Gemeinderat fasste kurz darauf den Beschluss: „Jetzt ist festgelegt, dass alle Schulen, einschließlich der Kinder aus Hermannsdorf und dem Gutsbezirk Muskau, diesen zu Turnübungen nutzen müssen.“ . Mit dem Gutsbezirk Muskau waren die einzelnen Flächen im heutigen Stadtgebiet gemeint, die noch der Stan desherrschaft gehörten und deren dort lebende Bewohner, die sie auch für den Grundbesitzer bearbeiteten. Ende der dreißiger Jahre waren diese vollständig von der Stadtverwaltung aufgekauft worden.
Im Jahr 1903 wählte der nun schon 137 Mitglieder zählende Verein, worunter sich schon 15 Damen befanden, den Hauptsponsor Joseph Schweig erneut zu seinem ersten Vorsitzenden. Zum Vorstand gehörten darüber hinaus: Paul Klinke, der spätere Namensgeber des Paul-Klinke-Platzes und spätere Vereinsvorsitzende, Oberfeuerwehrmann Robert Adolf, Schuhmachermeister Otto Tusche, Leiter des Samariterbundes im Ort Georg Schweda, Zeitungsverleger und Druckereibesitzer Ottomar Dold, Leiter der Feuerwehr Franz Lissner, Tischlermeister Kerl, Metallschablonenfabrikant Ottomar Conrad, Malermeister Kohl und andere. Im November desselben Jahres wurde das vereinsinterne Schülerfreizeitturnen, an dem sich gleich 84 Kinder beteiligten, aufgenommen. Diese neu gegründete Abteilung leitete der zweite Vorsitzenden und Vorturner Klinke höchst persönlich, Nachwuchsarbeit war eben zu jeder Zeit wichtig.
Die Sportbewegung in Weißwasser wuchs enorm an und hatte im kulturellen Leben der Bewohner einen ersten Stellenwert.
Da verwundert es nicht, dass gerade in diesem Ort, am 12. August 1906, das erste Monument seiner Art in Schlesien, das Friedrich-Ludwig-Jahn Denkmal neben dem Vereinshaus aufgestellt wurde. Für die Weißwasseraner Sportler bedeutete dies eine hohe Verpflichtung. Besonders während der Turnfeste der Nachbarvereine brachten sie hervorragende Ergebnisse. Besonders erfolgreiche Turner waren neben Franz Theuergarten, der bei den verschiedensten Meisterschaften und auswärtigen Sportveranstaltungen zahlreiche Siege errang, die Sportler Abeling und Umlauft, sowie Arthur Masseck und der später als „Turnvater“ hoch verehrte Paul Klinke.

Nur 27 Frauen
Der gesamte Verein zählte im Jahr 1914 über 300 Mitglieder, darunter waren aber nur 27 Frauen, in der am 11. November 1912 gebildeten Damenriege.
Gerade ihnen war es wichtig, dass sich Schaulustige nicht schon beim Training erheiterten, und auch bei schlechtem Wetter erlaubte der Wirt des Hotels „Zum deutschen Kaiser“ den Saal zeitweilig zu einer Turnhalle umzufunktionieren. Hier erfolgten besonders das Geräte- und das Freiturnen sowie die Gymnastikübungen der Frauen.
Mit großem Erfolg beteiligte sich der Verein an verschiedenen sportlichen Veranstaltungen in Spremberg, Reichwalde, Gablenz, Klitten und Muskau. Alle Abteilungen leisteten hervorragende Arbeit im Spiel-, Geräte- und volkstümlichen Turnen, lobten sogar Kritiker. Auch war der Stafettenlauf im Mai 1912 von Muskau nach dem Jahndenkmal in Weißwasser, an dem sich 48 Turner beteiligten, eine bemerkenswerte sportliche Aktion.

Pacht für 99 Jahre
Nach dem Ersten Weltkrieg, der vielen Turnern das Leben kostete, fand im Jahr 1923 das 1. Bezirksturn- und Sportfest in Weißwasser statt. Im Jahr 1929 erhielt der Verein vom Grafen Arnim 35 000 Quadratmeter Pachtland am Schützenhaus für die Dauer von 99 Jahren zu Verfügung gestellt. Hier wurde sofort mit der Neugestaltung begonnen.
Vier Jahre später konnte ein neuer Sportplatz fertig gestellt werden, der anschließend den Namen des Vereinsvorsitzenden, Paul-Klinke-Platz erhielt.

Hintergrund Zur Person von Paul Klinke
 Am 24. Juni 1863 wird Paul Klinke geboren. Im Turnverein 1861 Forst ist er lange Zeit Turnwart und wird im Jahr 1883 Vorturner. Ende des 20. Jahrhunderts betreibt er in Weißwasser, in der heutigen Karl-Marx-Straße, eine Selterswasserfabrikation. Im Jahr 1901 tritt Klinke dem hiesigen Turn- und Rettungsverein bei. Er engagiert sich hier überdurchschnittlich, wofür er 1923 den Ehrenbrief der Deutschen Turnerschaft erhielt. Im Januar 1924 wird er zum 1. Vorsitzenden des Vereins gewählt. Die Anlage des Sportplatzes am Südrand von Weißwasser ist hauptsächlich seiner Initiative zu verdanken. Ihm zu Ehren erhält dieses Sportareal den Namen „Paul-Klinke-Platz“ . In seinem 70. Lebensjahr erhält er die Aufgabe, alle Weißwasseraner Turn- und Sportvereine unter einen Hut zu bringen, so wie es eine national-sozialistische Richtlinie anweist. Es entsteht daraus der „Turn-Sport-Verein e. V.“ Weißwasser (TSV), und Turnvater Paul Klinke wird Ehrenvorsitzender. Dieses Amt behält er über sein 80. Lebensjahr hinaus. Im Februar 1939 übergibt er die Führung an das NSDAP-Mitglied Kokula. Stellvertreter wird Ernst Klinke, Hauptsportwart Walter Pabel.