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| 09:47 Uhr

Interview mit Jack Barsky – Teil 1
Ein Lausitzer spionierte für den KGB in den USA

 Jack Barsky (r.) im Kreise früherer Kollegen.
Jack Barsky (r.) im Kreise früherer Kollegen. FOTO: Jack Barsky
Bad Muskau. Albrecht Dittrich ist in Rietschen vor 69 Jahren geboren. In den 1980er-Jahren hat der einstige Lausitzer unter dem Namen Jack Barsky für den russischen Geheimdienst KGB in den USA spioniert. RUNDSCHAU-Redakteur Frank Hilbert hat er jetzt Fragen zu seinem außergewöhnlichen Leben beantwortet. Von Frank Hilbert

Albrecht Dittrich, geboren vor 69 Jahren in der Lausitz, heißt seit vielen Jahren Jack Barsky und lebt in den USA. Er hat fünf Kinder von vier Frauen, war mit zweien gleichzeitig verheiratet. In der DDR ging er in Bad Muskau zur Schule, legte in Spremberg ein Einser-Abitur hin, studierte in Jena Chemie und bekam eines der begehrten Karl-Marx-Stipendien. 1970 warb ihn der sowjetische Geheimdienst KGB an, bildete ihn lange für seinen Einsatz aus, davon zwei Jahre in Moskau, wo er akzentfrei Englisch lernte. Warum?

Er wurde in die USA als Spion geschickt. Nach 28 Jahren als deutscher Albrecht Dittrich wurde er mit der Identität eines toten Elfjährigen der Amerikaner Jack Barsky.  Von 1978 bis 1988 lieferte er dem KGB Berichte über Menschen und Politik. Dann der rote Punkt an einem Mast auf seinem täglichen Weg zur Arbeit – das Zeichen, dass er aufgeflogen ist und sich wie geplant nach Kanada absetzen soll.

Er tat es nicht, erklärte sich gegenüber dem KGB als AIDS-Kranker. Man glaubte ihm seinen nahenden Tod und ließ ihn in Ruhe. Nicht aber das FBI. 1997 wurde er verhaftet, landete aber nicht im Gefängnis. Heute lebt er mit seiner dritten Frau unbehelligt in den USA. Er habe unglaubliches Glück gehabt, sagt Barsky heute – und erzählt die Geschichte in seinem Buch „Der falsche Amerikaner – ein Doppelleben als deutscher KGB-Spion in den USA“. Derzeit befindet er sich in Verhandlungen bezüglich einer Verfilmung seines Buches. Es sehe recht optimistisch aus. Mehr dazu möchte er jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt sagen. Über alles andere gewährte er der RUNDSCHAU aber gern ein Interview.

Als gebürtiger Rietschener kamen Sie erstmals 2014 wieder nach Deutschland und waren im September 2015 das erste Mal wieder in Ihrer alten Heimat, der Lausitz. Anlass war ein Klassentreffen, über das die RUNDSCHAU berichtete. Haben Sie seitdem wieder Kontakt zu früheren Klassenkameraden?

 Nach seiner Enttarnung erstmals wieder auf deutschem Boden: Jack Barsky bei seiner Einreise nach Deutschland im Jahr 2014.
Nach seiner Enttarnung erstmals wieder auf deutschem Boden: Jack Barsky bei seiner Einreise nach Deutschland im Jahr 2014. FOTO: Jack Barsky

Barsky Tatsächlich nur mit einem – Siegfried Schöne, der schon damals immer ein guter Freund war. Er war mir ein sportliches Vorbild, weil er ein sehr guter Fußballer war. Wir sprechen oft miteinander, und er macht eine ganze Menge Detektivarbeit über meine Vergangenheit. So hat er zum Beispiel das Grab meines Vaters gefunden.

Was hat Sie nach so vielen Jahren besonders beeindruckt in der Lausitz?

Barsky Der Park und das Schloss in Bad Muskau sind erstklassig. Und die ganze Stadt hat jetzt viel mehr Farbe bekommen. Was mich auch beeindruckte, ist, dass die Wohnung im abgelegenen Köbeln, wo ich aufgewachsen bin, jetzt Zentralheizung hat.

Im Frühjahr dieses Jahres führte Sie Ihre Promotion-Tour für Ihr Buch „Der falsche Amerikaner“ nach Deutschland, doch in Bad Muskau wollte man Ihnen keine Lesung gewähren. Erklären Sie das bitte etwas genauer.

Barsky Als ich 2015 in Muskau zum Klassentreffen war, da hatten wir eine Führung durch das Schloss. Die Dame, die uns geführt hat, sagte mir, dass es großartig wäre, eine Buchlesung zu veranstalten, sobald das Buch in Deutschland erhältlich ist. Im Februar dieses Jahres habe ich Frau Barufke, die bei der Stiftung angestellt ist, mitgeteilt, dass ich gerne während meiner Buchtour im März in Muskau auftreten würde. Nach ein bisschen Hin und Her bekam ich den folgenden „Abschiedsbrief“: „Sehr geehrter Herr Barsky, ich konnte Ihnen leider nicht eher antworten, da ich erst heute die Gelegenheit hatte, die Frage hier im Haus abzuklären. Ich muss Ihnen mitteilen, dass wir keine Möglichkeit sehen.“

Das war alles. Irgendwie komisch?!

 Seit 2009 ist Jack Barsky mit seiner dritten Frau Shawna verheiratet. Für die RUNDSCHAU machte Barsky dieses Foto von ihr und seiner achtjährigen Tochter Trinity.
Seit 2009 ist Jack Barsky mit seiner dritten Frau Shawna verheiratet. Für die RUNDSCHAU machte Barsky dieses Foto von ihr und seiner achtjährigen Tochter Trinity. FOTO: Jack Barsky

Haben Sie Pläne für einen weiteren Besuch in der Lausitz?

Barsky Unbedingt, ich muss doch meiner achtjährigen Tochter zeigen, wo ich aufgewachsen bin.

Ihr Buch ist im Februar dieses Jahres nach der Veröffentlichung in den USA auch in deutscher Sprache erschienen. Gibt es oder wird es auch eine Version in Russisch geben?

Barsky Glaube ich kaum – meine Agentur hat noch keine Anfragen aus Russland bekommen.

 Dieser Grabstein auf dem Friedhof in Adelphie im Bundesstaat Maryland erinnert an den elfjährigen Jungen, dessen Namen Jack Barsky angenommen hat.
Dieser Grabstein auf dem Friedhof in Adelphie im Bundesstaat Maryland erinnert an den elfjährigen Jungen, dessen Namen Jack Barsky angenommen hat. FOTO: Jack Barsky

Waren Sie nach Ihrer Enttarnung durch das FBI jemals wieder im heutigen Russland?

Barsky Kurz und knapp: Nein – was es da zu sehen gibt, vor allem zur Geschichte, habe ich so ziemlich alles schon gesehen.

Denken Sie manchmal an Ihren echten Geburtstag, der laut Ihrem Buch der 17. Mai 1949 sein müsste? Oder spielt der keine Rolle mehr in Ihrem Leben?

Barsky In meinem Alter will man gar nicht an den Geburtstag erinnert werden. Allerdings ist meine Familie oft noch verwirrt, was nun mein richtiger Geburtstag ist. Um es ihnen leichter zu machen, habe ich sie alle gebeten, keinen der Geburtstage zu feiern.

Sie tragen den Namen eines 1955 mit elf Jahren gestorbenen Jungen, der auf dem Friedhof in Adelphie im Bundesstaat Maryland begraben wurde. Waren Sie jemals an seinem Grab?

Barsky Nein.

 Jack Barsky  „Der falsche Amerikaner – ein Doppelleben als deutscher KGB-Spion in den USA“ (Mitarbeit Cindy Coloma) ist im Verlag SCM Haenssler erschienen, 408 Seiten, 19,95 Euro.
Jack Barsky  „Der falsche Amerikaner – ein Doppelleben als deutscher KGB-Spion in den USA“ (Mitarbeit Cindy Coloma) ist im Verlag SCM Haenssler erschienen, 408 Seiten, 19,95 Euro. FOTO: Repro LR

Sie sagen von sich, dass Ihr Leben als Agent zu 99 Prozent aus Warten und zu einem Prozent aus Aktion bestand. Was hat dieses eine Prozent alles ausgemacht? In Ihrem Buch beschreiben Sie ausführlich, wie Sie in Berlin und zwei Jahre in Moskau ausgebildet wurden. Später dann, wie Sie mit Geheimschrift Botschaften aus den USA an den KGB verfassten, lassen aber den Inhalt im Dunkeln. In Moskau sollen neun Aktenordner über Ihre Agententätigkeit stehen. Was war Ihre Aufgabe?

Barsky Der Inhalt scheint so im „Dunkeln“ zu sein, weil die Liste der Aufgaben überraschenderweise ziemlich kurz war:

Erstens – Ich sollte mich in den USA einleben als einer der zehn Schläferagenten (per Vasily Mitrokhin im Buch „The Sword and the Shield“), die der KGB so um 1980 in die USA gesendet hat.

Zweitens –So viel wie möglich Leute kennenlernen und sie zu beschreiben, unter anderem, ob und wie man sie anwerben könnte.

Drittens – Periodisch Berichte senden, wie die politische Stimmung im Land ist und wie Amerikaner auf weltpolitische Ereignisse reagieren.

Viertens – Mich mit Menschen befreunden, die mit der USA-Außenpolitik etwas zu tun haben. Das ist mir nicht gelungen – dazu war ich in der US-Gesellschaft noch ein zu kleines Licht.

Fünftens – Spezielle Aufträge ausführen: Dreimal hat man mich gebeten, Leute ausfindig zu machen, die außerhalb der Reichweite der sowjetischen KGB-Diplomaten waren – Atlanta, San Bernardino und Chicoutimi in Canada.

Sechstens – Am Ende meiner Tätigkeit hat man mich auch gebeten, Technologie zu stehlen, wenn es mir möglich wäre, das ohne Risiko zu machen.