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Jugendzentrum Görlitz
Industrieruine

Kunst- und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange übergab den Fördermittelbescheid an Oberbürgermeister Siegfried Deinege (rechts daneben Christian Thomas, Vorsitzender des Second Attempt e.V.).
Kunst- und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange übergab den Fördermittelbescheid an Oberbürgermeister Siegfried Deinege (rechts daneben Christian Thomas, Vorsitzender des Second Attempt e.V.). FOTO: Uwe Menschner
Görlitz. Der Bau des soziokulturellen Zentrums in Görlitz kann beginnen. Es soll junge Leute zum Bleiben animieren. Von Uwe Menschner

Wenn ein Minister oder eine Ministerin einen Fördermittelbescheid überbringt, dann tut er oder sie dies zumeist in einem festlich geschmückten Saal. Insofern fiel der Besuch der sächsischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange (SPD), in Görlitz etwas aus dem Rahmen. Hier nämlich bildeten teils ruinöse, teils auch etwas besser erhaltene Industriebauten aus dem frühen 20. Jahrhundert die Kulisse.

Und das aus gutem Grund: Soll doch das neue soziokulturelle Zentrum der Stadt Görlitz ebenfalls in einem Industriebau – der Furnierhalle des früheren Waggonbau-Werkes I – entstehen. „Wir haben lange um diesen Standort gerungen“, so der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege (parteilos). Nicht an der Peripherie, sondern im Stadtzentrum sollte er sich befinden. Von den ursprünglichen Plänen, neben der Furnierhalle noch ein benachbartes Gebäude einzubeziehen, habe man aus finanziellen Gründen Abstand genommen. Doch auch unter den jetzigen Umständen schaffe die Stadt Görlitz ohne konzeptionelle Abstriche einen „Ort der Kreativität, des Dialogs und der Begegnung aller Altersgruppen“.

Ministerin Eva-Maria Stange bezeichnete den Beschluss des Görlitzer Stadtrates zum Bau des soziokulturellen Zentrums als „sehr gute Entscheidung. Das Zentrum bietet der Görlitzer Jugend den von ihr geforderten und benötigten Freiraum für die eigene Kreativität. Durch die Begegnung verschiedener Generationen trägt es zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer von Umbrüchen geprägten Region bei.“

Noch einen weiteren Aspekt hob die Ministerin hervor: „Die Wiederbelebung einer Industriebrache bildet ein starkes Zeichen dafür, dass es Vertrauen in die Zukunft dieser Stadt gibt.“ Der Freistaat Sachsen trägt über sein Förderprogramm „Brücken in die Zukunft“ etwas mehr als eine Million zum Gesamtbudget von 3,2 Millionen Euro bei. 400 000 Euro beträgt der städtische Eigenanteil, der „Rest“ kommt aus dem Bundesprogramm „Stadtumbau Ost.“

Laut Bauamtsleiter Torsten Tschage kann die Stadt jetzt dank der gesicherten Finanzierung die Ausschreibung der Bauleistungen vornehmen. Danach soll zügig mit den Arbeiten – zunächst mit Abbruchleistungen – begonnen werden. Dach und Fußboden verschwinden komplett und werden neu aufgebaut. Erhalten bleiben die industrietypische Stahlträgerkonstruktion und die aus Klinkern errichtete Gebäudehülle. Einen besonderen Akzent wird im Inneren des Gebäudes die ebenfalls zum Erhalt vorgesehene Kranbahn setzen.

Der kompletten Erneuerung bedarf die gesamte Haustechnik. Im nördlichen Teil der Furnierhalle entstehen laut Tschage vor allem Funktionsräume, während der südliche Teil einem Saal für circa 300 Personen sowie einem Tonstudio und Probenräumen vorbehalten bleibt.

Christian Thomas vom künftigen Betreiber, dem Verein Second Attempt, blickte noch einmal auf die wechselvolle Projektgeschichte zurück. Sie begann vor sechs Jahren mit einem Flashmob Görlitzer Jugendlicher im Stadtrat, mit dem diese auf die aus ihrer Sicht ungenügende soziokulturelle Infrastruktur aufmerksam machten. „Unsere Strukturen haben sich seitdem professionalisiert, um den Betrieb eines festen Hauses gewährleisten zu können“, so der Vereinsvorsitzende. Für den Verein gelte es nunmehr, „das vonseiten der Stadtpolitik entgegengebrachte Vertrauen zu rechtfertigen“. Dies umso mehr, als dass die Zustimmung der Stadträte zu dem Projekt bislang keineswegs ungeteilt war. Christian Thomas versicherte noch einmal die Unabhängigkeit des künftigen Zentrums von politischen Strömungen und Richtungen. Das Zentrum solle „dazu beitragen, dass junge Leute in Görlitz bleiben“.