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| 16:56 Uhr

Interview
In Weißwasser ehrlich über Probleme reden

Sachsens Ministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping (SPD).
Sachsens Ministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping (SPD). FOTO: Arno Burgi / dpa
Weißwasser. Sachsens Gleichstellungsministerin erklärt, warum sie die Nachwendezeit aufarbeiten will.

Unter dem Titel „Schlaglicht Nachwende – Erfolgsgeschichte ohne Verlierer?“ rücken die Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping, und der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Baum die Nachwendezeit in den Mittelpunkt einer Abendveranstaltung. Diese findet am 6. März in Weißwasser statt.

Kommt die Aufarbeitung der DDR-Geschichte nicht viele Jahre zu spät?

Petra Köpping: Es geht mir ja gerade nicht um die DDR, sondern um die Aufarbeitung der Nachwende-Zeit ab 1989/90. Und selbstverständlich wäre es wünschenswert gewesen, dass man sich bereits früher dieses Themas angenommen hätte. Und es gab ja auch Versuche, beispielsweise durch Regine Hildebrandt in Brandenburg. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wir Ossis waren lange vor allem damit beschäftigt, uns zurechtzufinden in diesem völlig neuen Leben nach der Wende. Auch ostdeutsche Politiker übrigens. Ich war zu der Zeit Bürgermeisterin und später Landrätin. Wir haben gebaut und gebaut und modernisiert und das unter einer uns völlig unbekannten Gesetzes- und Richtlinienflut. Wie es den Menschen bei der „Revolution in ihrem Leben“ ging, hat leider viel zu wenig Raum eingenommen. Zugleich wurden Kritiker der Nachwendezeit immer wieder als „Jammer-Ossis“, „Wendeverlierer“ oder DDR-Nostal­giker diffamiert. Das fing an mit dem Wahlkampf von Helmut Kohl 1994, als die „Jammer-Ossis“ zum Sündenbock wurden. Das hat die Leute stumm gemacht. Viele haben sich geschämt, dass sie arbeitslos waren. Und es ist häufig so, dass erst nach einer Generation über traumatische Ereignisse gesprochen werden kann. Und genau da sind wir jetzt, eine Generation später – 27 Jahre danach.

Was sagen Sie diesbezüglich Kritikern, wenn diese meinen, haben wir derzeit keine anderen Probleme?

Köpping: Natürlich haben wir in der Bundesrepublik auch andere aktuelle Probleme, leider. Aber die hängen im Osten eben auch häufig mit der Nachwendezeit zusammen. Nehmen Sie die Altersarmut. Wer zur Wende entlassen wurde, lange in der Arbeitslosigkeit war, sich von ABM zu ABM hangelte oder mit einem Niedriglohn über Wasser hielt, beispielsweise als Ingenieur oder Facharbeiter putzen ging, der hat heute, trotz guter Qualifikation eine extrem niedrige Rente. Und die Leute in der DDR waren im Schnitt alle gut ausgebildet. Heute haben sie kaum Ersparnisse oder Immobilien, die sie im Alter absichern. Auch das ist eine Folge der De-Industriealisierung und des millionenfachen Arbeitsplatzabbaus im Osten nach der Wende. Häufig wird dann aus dem Westen argumentiert: Die ostdeutschen Betriebe seien doch alle marode und nicht konkurrenzfähig gewesen und mussten deshalb geschlossen werden. Aber die Leute kennen auch andere Geschichten, wie die des Elektroporzellanwerks in Großdubrau mit mehr als 800 Mitarbeitern. 80 Prozent der dortigen Produktion gingen bis zur Wende in die Bundesrepublik und darüber hinaus ins westeuropäische Ausland – auch noch kurz nach der Wende. Die Treuhand hat dann entschieden, das Werk zu schließen und hat die modernen Schweizer Maschinen und die Patente der westdeutschen Konkurrenz übergeben. Hier entsteht automatisch der Verdacht, dass bewusst ostdeutsche Konkurrenz vom Markt genommen wurde. Eine fatale Entscheidung. Die strukturschwache Gegend hat sich bis heute davon nicht erholt. Die Folge: fehlende Arbeitsplätze, Überalterung der Gesellschaft, Politikverdrossenheit und hohe AfD-Wahlergebnisse. Das alles sind diese „anderen Probleme“, von denen Sie sprachen – und alles sind Folgeprobleme der Nachwende-Zeit.    

Wie haben Sie selbst die Wendezeit erlebt?

Köpping: Es war eine aufregende und verrückte Zeit, die ich auf gar keinen Fall missen möchte. Das geht wohl vielen so. Zur Wende war ich Bürgermeisterin in einem kleinen Ort in der Nähe von Leipzig. Ich habe diese Arbeit sehr gern gemacht. Aber eigentlich hatte ich nach 1990 gesagt: Nie wieder Politik. Als nämlich Soldaten an den Ausfallstraßen wegen der Leipziger Montagsdemonstrationen 1989 standen, habe ich mich gewehrt. Ich wurde deshalb vor den Rat des Kreises zitiert und sollte abgesetzt werden. Dazu kam es aber nicht mehr, weil meine Vorgesetzten vorher ihrer Ämter enthoben wurden. Ich bin dennoch als Bürgermeisterin zurückgetreten. Ich habe mich dann wie viele meiner Landsleute durchgekämpft und habe Versicherungen verkauft. Meine Chefs waren Wessis mit Berufsausbildung, wir Versicherungsvertreter waren alles Ossis mit Studium. Später wurde ich doch wieder Bürgermeisterin und auch Landrätin. Ich konnte viel mitgestalten. Das war toll. Aber immer wieder habe ich auch zweifelnd gefragt: Wer kümmert sich eigentlich um die Menschen? In der Region Borna, eine einst so stolze Bergbauregion, hatten wir 2005 immer noch eine Arbeitslosigkeit von 30 Prozent. Und das so lange nach der Wende! Ein Zeichen dafür, wie die Probleme aus dieser Zeit durchgeschleppt wurden. Deshalb setze ich mich heute dafür ein, dass wir über diese Zeit reden, ehrlich aufarbeiten, Treuhandakten öffnen und politisch heilen durch Zuhören, Anerkennen und durch Gesetze und damit auch finanziell.

Die Fragen stellte
Regina Weiß