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| 13:26 Uhr

Tourismus
In manchem Abschied steckt ein Neubeginn

Abschiedsveranstaltung am 29.März 1978 im Betriebshof Krauschwitz.  Der Betrieb der Waldeisenbahn musste eingestellt werden.
Abschiedsveranstaltung am 29.März 1978 im Betriebshof Krauschwitz. Der Betrieb der Waldeisenbahn musste eingestellt werden. FOTO: Olaf Urabn / Olaf Urban
Weißwasser. Vor vier Jahrzehnten musste die Waldeisenbahn Muskau ihren Betrieb einstellen. Der Verein erinnert daran. Von Gabi Nitsche

Vier Jahrzehnte ist es her, als der Minister für Verkehrswesen der DDR am 21. März 1978 die Stilllegung der Waldeisenbahn Muskau anordnete. „Die Folge war: Am 29. März verfügte die Reichbahndirektion Cottbus den Fahrbetrieb einzustellen“, erinnert Olaf Urban, der dem Waldeisenbahn-Verein vorsteht. „Das wäre eigentlich das Ende der Waldeisenbahn gewesen.“ Das war es aber nicht. Vierzig Jahre später steht die „kleine“ Bahn ganz groß da und prägt wesentlich die touristische Landschaft in der Region. Allein im vergangenen Jahr waren um die 53 000 Fahrgäste an Bord und ließen sich nach Bad Muskau, Kromlau oder auf der neuen Strecke zum Turm am schweren Berg fahren.

„So wie damals wollen wir uns jetzt bei einer Festveranstaltung treffen und an das Ereignis von vor vierzig Jahren erinnern“, sagt Olaf Urban und fügt hinzu: „Es war damals der Endpunkt der Bahn, in dem der Anfang für alles Neue steckte.“ Doch dessen war man sich damals ja gar nicht bewusst. Politisch sei es 1978 gar nicht gewollt gewesen, einen großen Rummel zu machen. Aber die damalige Chefin Katarina Budich hatte dem zugestimmt, so Urban. „Und so trafen sich dann am Vormittag Bürgermeister, Reichsbahngeneräle und Waldeisenbahner am Betriebshof in Krauschwitz. Vier Tage vorher gab es schon eine Sonderfahrt“, erzählt der Vereinsvorsitzender weiter. Die damalige Chefin, den Rangierer auf der letzten Fahrt Manfred Richter und weitere Mitstreiter sind zu einer internen Festveranstaltung jetzt eingeladen.

Wobei es schon 1977 die ersten vier Sonderfahrten gegeben hat in Regie des damaligen Deutschen Modelleisenbahner Verbandes (DMV), weiß nicht nur Olaf Urban, sondern auch Mitstreiter Wilfried Hänelt. Urban gehört sozusagen zu der ersten Generation Waldeisenbahner gemeinsam mit Friedemann Tischer, seinem Bruder Andreas Urban und Gernot Nowak. „Unser Opa hat bei der Waldeisenbahn gearbeitet, und mein Bruder Andreas war bei der Reichsbahn, hat aber aushilfsweise die Waldeisenbahn unterstützt“, erklärt Olaf Urban das große Interesse an der kleinen Bahn, das den Jungs förmlich in die Wiege gelegt wurde.

Mit der Idee, eine Pioniereisenbahn aus der Waldeisenbahn zu machen, kamen die Jungs damals nicht durch. „Aber einen Erfolg erreichten wir, auf den wir noch heute stolz sind: Die Lok 99 33 17 wurde mitten in Weißwasser an der Muskauer Straße auf einen Sockel gehoben und konnte nun von vielen Leuten bewundert werden“, ist Olaf Urban noch immer stolz, dass das gelang. Der Verein habe sie auch immer gepflegt, bis er sie 1990 wieder vom Sockel holen musste. „Das war der erste Beschluss der neuen Stadtverordnetenversammlung nach der Wende. Die wollten die Lok dort nicht mehr“, weiß Wilfried Hänelt.

So, wie Olaf Urban und Wilfried Hänelt berichten, war der DMV ein Dach für die Freunde der Eisenbahn. Die interessierten sich weniger für den Modellsport, sondern für die Bahnanlagen und alles, was eben damit zu tun hatte. Mit der Zugehörigkeit eröffneten sich ihnen Wege, die ansonsten versperrt gewesen wären. Hier fanden sich weitere Bahnfans. Olaf Urban spricht von der zweiten Generation. „Dazu gehörte unser Bernd Krasel, der ja lieder im vorigen Jahr verstorben ist, und auch Wilfried.“ Mit noch anderen, insgesamt waren es um die zwanzig Leute, haben sie eine eigene Arbeitsgemeinschaft gegründet – die AG Waldeisenbahn Muskau. Die Enthusiasten der kleinen Bahn hatten sich von Anbeginn auf ihre Fahne geschrieben, die Deutsche-Reichsbahn-Zeit der 1970er-Jahre darzustellen. 26 Jahre fuhr die Waldeisenbahn unter Regie der Deutschen Reichsbahn.

Bernd Krasel schrieb vor zehn Jahren dazu in der RUNDSCHAU: „Ab 1985 haben wir dann schon mit den ersten eigenen Wagen aus den umliegenden Betrieben Sonderfahrten durchgeführt. Doch bevor gefahren werden konnte, mussten stundenlang die Wagen gereinigt und mit Bänken versehen werden.“ Als wäre es erst gestern passiert, erinnerte sich Krasel gern an die erste eigene Diesellok. „Die war aus der Glasfabrik Friedrichshain, sollte dort verschrottet werden. Um sie zu bekommen, haben wir überall genauso viel Schrott gesammelt wie die Lok schwer war. Da ging so manche Freizeit drauf.“ Als sich nach der Wende die Möglichkeit auftat, Arbeitskräfte zu bekommen, um die gemeinsame Sache weiter voranzutreiben, wurde diese genutzt. „Zum Beispiel für unsere Idee, die Kromlauer Strecke wieder aufzubauen. Aus unserer Sicht eine ganz interessante Geschichte“, erzählte Bernd Krasel damals.

1990 stießen weitere Eisenbahnfreunde dazu wie Heiko Lichnok. Seit 2001 hat er die Gesellschaft zur Betreibung der Waldeisenbahn Muskau als Geschäftsführer übenommen. Mit dem Vokabular der Eisenbahn hatte es Bernd Krasel einst so ausgedrückt: Heiko Lichnok hat den Befehlsstab bei der Schmalspurbahn mit 600-mm-Spurweite übernommen. Daran hat sich bis dato nichts geändert.

Der Verein zählt aktuell 73 Mitglieder, von denen etwa die Hälfte sehr aktiv sei, so Olaf Urban. Längst sind nicht alle in der hiesigen Region beheimatet, sondern leben hunderte Kilometer entfernt. Die Liebe zur Waldeisenbahn macht an Ländergrenzen nicht Halt.

Letzte Fotosonderfahrt am 25.März 1978 an der Baierweiche Krauschwitz  Foto: Olaf Urban
Letzte Fotosonderfahrt am 25.März 1978 an der Baierweiche Krauschwitz Foto: Olaf Urban FOTO: Olaf Urban