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| 09:26 Uhr

Ländlicher Raum
Immer häufiger: Stadtpflanze trifft Landei

Jan Hufenbach begrüßt die Gäste um Grünen-Landtagsabgeordnete Franziska Schubert und -Bundestagsabgeordneten Stephan Kühn  während der Sommertour 2018 auf seinem Hof in Klein Priebus.
Jan Hufenbach begrüßt die Gäste um Grünen-Landtagsabgeordnete Franziska Schubert und -Bundestagsabgeordneten Stephan Kühn während der Sommertour 2018 auf seinem Hof in Klein Priebus. FOTO: Gabi Nitsche
Klein Priebus. Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach aus Klein Priebus sind Neuland-Gewinner. Sie haben die Bundes-Jury mit ihrem Projekt „Raumpionierstation Oberlausitz“ überzeugt. Grünen-Landtagsabgeordnete Franziska Schubert gratulierte Montag und kam nicht allein. Von Gabi Nitsche

Was für ein Wetter für eine Radpartie entlang der Neiße. Es ist an diesem Montag sommerlich warm, ab und zu ziehen Wolken vorüber und verhindern, dass einem die Sonne Löcher in den Pelz brennt. „Dazu weht heute ein Lüftchen – sehr angenehm“, sagt Lothar Pilz. Der Grünen-Chef im Landkreis ist der erste, der per E-Bike in Klein Priebus ankommt. In der Raumpionierstation Oberlausitz.

­Arielle­ Kohlschmidt und Jan Hufenbach freuen sich, dass die Grünen-Sommertour 2018 bei ihnen eine Rast einlegt, bevor es in Richtung Weißwasser weitergeht. Mit fröhlichem Hallo treffen auch Bundestagsabgeordneter Stephan Kühn, Landtagsabgeordnete Franziska Schubert mit weiteren Begleitern ein. Weil es an der Neiße so schön ist, sei ihr Zeitplan etwas durcheinandergeraten. Genau genommen schlappe 45 Minuten.

Übel nimmt das in Klein Priebus niemand. Von Hast und Eile  haben sich Jan Hufenbach und Arielle Kohlschmidt schon vor knapp neun Jahren verabschiedet, sind von Berlin aufs Land gezogen und vermissen den Großstadt-Mief an keinem Tag, sagen sie. Doch bevor die Gäste beherzt in den leckeren Kuchen beißen und sich den Kaffee aus Bohnen, die die Gastgeber per Hand gemahlen haben, schmecken lassen, sprudelt es aus Franziska Schubert nur so heraus: „Was sagt ihr denn, dass ihr Neuland-Gewinner geworden seid? Ich weiß es schon seit Tagen, aber durfte nichts sagen.“

Die Grünen-Politikerin ist Mitglied der Jury dieses bundesweiten Projektes der Bosch-Stiftung „Neulandgewinner. Zukunft erfinden vor Ort“. 179 Bewerbungen hatte es gegeben, 29 davon schafften es in die Bewertungsrunde, „und 16 wurden Neulandgewinner“, so Franziska Schubert. Jetzt müsse noch ein bisschen nachgearbeitet werden, und dann folgt im Januar die offizielle Ernennung in Berlin, kündigt die engagierte Politikerin an, die nicht nur aufgrund ihrer roten Haarpracht nicht zu übersehen ist. Bei ihr gibt es kein Drumherum-Gerede, sondern klare An- und Aussagen.

Auf die Blendwerck-Macher, so heißt die Medienagentur des Paares, trifft der Slogan „Zukunft erfinden vor Ort“ wie die Faust aufs Auge zu. Sie fühlen sich nicht nur als Raumpioniere, sondern sie sind es, sagen beide. „Die Idee ist über unsere eigene Geschichte mit unserer Metropolen-Erfahrung entstanden. Als wir aufs Land zogen, war das Unwissen über das Dorfleben schon groß. Das erste Jahr ohne Auto war schon lustig, manchmal auch doof.“ Damals seien sie viel mit dem Bus gefahren. Aber zwei Stunden, um von Klein Priebus über Weißwasser nach Rietschen zu gelangen, war dann doch zu viel. Das erste Auto wurde angeschafft. „Mit unseren beiden Jobs und unserem Kind haben wir inzwischen zwei Autos“, erzählt Arielle Kohlschmidt mit ihrem typischen Lächeln im Gesicht und dem Nachsatz: „und bald drei ...“ Das Raumpionier-Mobil.

Dank der Neulandgewinner-Förderung soll der knallrote Opel-Blitz, Baujahr 1962, der gerade von Raimund Kohli in Görlitz überholt wird, als „sympathischer Werbeträger“ für die Raumpionierstation und deren Arbeit aufmerksam machen. Stichworte ländlicher Raum, Demografie, Strukturwandel. „Wir sind Protagonisten. Warum sollen nicht auch andere diesen Schritt wagen, denen die Großstadt zu laut, zu eng und viel zu teuer geworden ist?“ Jan Hufenbach weiß, dass es viele Menschen gerne wollten, diesen der erste Schritt sehr, sehr schwer falle. Er, seine Frau und das Projekt helfen, die Schwelle zu nehmen. Sie beraten nicht nur, sondern stellen Kontakte zu Raumpionieren her, wie sie Rückkehrer und Zuzügler nennen. Auf der Internetseite berichten Junge und Junggebliebene, was ihr Motiv war, diesen ersten Schritt zu wagen und wie sie sich heute fühlen, ob sie angekommen sind. Hufenbach sagt von sich: „Ich sehne mich nicht zurück in die Metropole“, und erntet zustimmendes Kopfnicken von „Ari“, wie er seine Frau nur nennt. Der Fundus an Schicksalen von Landleben-Willigen scheint unerschöpflich, wenn die Blendwercker erzählen. Ob Professor an einer Film-Hochschule oder Inhaber einer Tanzschule oder, oder. „Wir laden die Menschen ein, fahren mit ihnen und dem Raumpioniermobil zu den Orten, wo sie ihren Traum verwirklichen könnten, zu Bürgermeistern und so weiter.“

Hufenbach wird mit dem „Blitz“ auch in Berlin, Dresden und auf der Grünen Woche für Aufmerksamkeit sorgen. „Das richtig große Projekt steigt am 6. Oktober im SKZ Telux in Weißwasser. Es ist ein Samstag, und die Stadt auch gut mit dem Zug zu erreichen. Der Tag steht unter dem Arbeitstitel ‚Stadtpflanze trifft Landei’.“ Experten in dieser Sache geben dann Interessierten Auskunft. Zum Beispiel der „Dorfpapst“ Gerhard Henkel, der sehr aktiv beim Thema Dorfentwicklung ist, sagt Hufenbach, oder Dr. Wolfgang Schmidt von der Annenstiftung oder Thomas Zschornak. „Der ist Bürgermeister von Nebelschütz, wo Dorfentwicklung tatsächlich stattfindet, viel Altes neu genutzt wird, auch durch Leute, die es in den Ort zieht.“

Wen es aufs Land zieht, der will keine Kopie von der Großstadt, sondern Raum zum Durchatmen, sich selbst verwirklichen, weiß Franziska Schubert. Sie ist überzeugt, dass die Art, wie im Land Geld verteilt wird an die Kommunen, nicht stimmt. „Die Finanzausstattung jeder Kommune sollte unabhängig sein vom Steueraufkommen. Dann ist Dorf­entwicklung wirklich möglich, und niemand muss um den Erhalt von irgendwas kämpfen.“ Thomas Pilz fragt in die Runde: „Nehme nur ich einen Stimmungsumschwung wahr, was Wegzüge angeht? Der ländliche Raum verjüngt sich, man traut sich wieder was, hab ich das Gefühl.“ Hufenbach stimmt dem zu. Es sei nicht nur ein Gefühl, es gibt sie, die Zuzügler und Rückkehrer.

Grünen-Landtagsabgeordnete Franziska Schubert erreicht das Ziel in Klein Priebus.
Grünen-Landtagsabgeordnete Franziska Schubert erreicht das Ziel in Klein Priebus. FOTO: Gabi Nitsche
Arielle Kohlschmidt von 
Blendwerck.
Arielle Kohlschmidt von Blendwerck. FOTO: Gabi Nitsche
Kreisrat und Grünen-Chef im Landkreis Görlitz Thomas Pilz.
Kreisrat und Grünen-Chef im Landkreis Görlitz Thomas Pilz. FOTO: Gabi Nitsche
Da kommt Landlust auf. Bei Jan Hufenbach und Arielle Kohlschmidt in Klein Priebus.
Da kommt Landlust auf. Bei Jan Hufenbach und Arielle Kohlschmidt in Klein Priebus. FOTO: Gabi Nitsche