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Im Zwiebelbeet liegt noch der Franzose

Trotz strömenden Regens folgten rund 20 Gäste der Nachtwächterin Babett Donnelly und riskierten einen Blick in die Gruft an der evangelischen Kirche. Bis zum Jahr 1888 diente dieses Areal als Friedhof.
Trotz strömenden Regens folgten rund 20 Gäste der Nachtwächterin Babett Donnelly und riskierten einen Blick in die Gruft an der evangelischen Kirche. Bis zum Jahr 1888 diente dieses Areal als Friedhof. FOTO: amz1
Bad Muskau. Was passiert, wenn in Bad Muskau die Nacht anbricht? Viele würden wohl sagen, dass dann die Bürgersteige hochgeklappt werden. Mag sein, doch rund um die evangelische Kirche am Maaßmannplatz geschehen im Schutze der Dunkelheit seltsame Dinge. amz1

In der alten Gruft brennt Licht. Wer durchs Fenster schaut, erblickt einen geöffneten leeren Sarg. Von irgendwo her schreit eine Katze, geheimnisvolle Lichter beginnen in der Dunkelheit zu tanzen.

Es ist "Ghost-Walk"-Zeit. Die Ur-Bad Muskauerin Babett Donnelly führt als Nachtwächterin verkleidet rund 20 Unerschrockene durchs Nachtleben ihrer Heimatstadt. Zunächst vermisst sie ihren toten Gatten, der dem geöffneten Sarg in der Kirchengruft entstiegen zu sein scheint, dann nimmt sie ihre Gäste mit in ihr Geisterhaus in der Uferstraße nur einen Steinwurf entfernt.

Unterstützung leistet "Totengräber" Frank Dutsch, der im realen Leben Mitglied des örtlichen Gemeindekirchenrates ist. Dutsch präsentiert die beleuchtete Gruft, die seit diesem Jahr saniert wird. Bis Ende Oktober rechne er mit einem Förderbescheid. Mit diesem Geld sollen die Arbeiten anno 2018 vollendet werden. Die Gruft könnte eine weitere Bad Muskauer Attraktion werden, wurden in ihr einst bekannte Größen der Stadt beerdigt. Manchen Toten, so berichtet Nachtwächterin Babett Donnelly, habe man eine Münze in den Mund gesteckt. "Früher glaubten die Leute, die Verstorbenen würden noch schmatzen." Darüber hinaus seien auf den Körper Steine oder Eisenstücke gelegt worden, damit die Leichen ihren Särgen nicht entweichen konnten. Ob's tatsächlich stimmt? Wer weiß.

Verbrieft ist laut Donnelly jedenfalls, dass auf dem Friedhof an der evangelischen Kirche, die übrigens erst seit dem 31.Oktober 1947 als Gotteshaus fungiert, auch Hinrichtungsopfer begraben worden sind. "Sie wurden auf dem Markt mit dem Schwert hingerichtet", berichtet die sympathische Nachtwächterin. Wo heute der "Lindenhof" steht, befand sich früher der Galgenberg. Daher, so Donnelly, liege über dem Veranstaltungshaus ein "schlechtes Omen".

Direkt neben der evangelischen Kirche, die einst als Friedhofskapelle diente, befindet sich das Grab von Pücklers junger Geliebten Machbuba. Als sie am 27.Oktober 1840 nach schwerer Krankheit im Alter von lediglich 15 Jahren verstarb, war Fürst von Pückler gerade auf Reisen. Die Muskauer erzählen sich, dass damals aus ihrem Grab ein grüner Nebel stieg, der anschließend zum Schloss zog. Das Phänomen hörte erst dann auf, als der Fürst wieder in seiner Heimat eintraf. Pückler soll umgehend zum Grab geeilt sein. Ein Windzug, so berichtet Babett Donnelly, habe eine dort befindliche Blüte an seine Wange befördert. Der Standesherr wertete diese Erscheinung als letzten Kuss seiner Geliebten.

Spannend ist es auch auf dem heimatlichen Gehöft von Nachtwächterin Donnelly. Seit sechs Generationen befinde sich das Anwesen in der Uferstraße im Familienbesitz. "Es handelt sich um ein Geisterhaus", ist sich Donnelly absolut sicher. Mystische Dinge würden dort geschehen. Hin und wieder seien sich öffnende Türen und Schritte zu vernehmen, doch niemand erscheine. Ihren beiden Kindern sei unabhängig voneinander ein fahler ausgemergelter Junge in altertümlicher Kleidung begegnet. Diese Figur wiederum könnte mit einem dort gefundenen Kindersarg in Verbindung stehen. Zudem soll während eines Krieges ein Schützengraben genau übers Grundstück geführt haben. "Meine Urgroßoma hat mich bei Gartenarbeiten immer ermahnt, nicht zu tief im Zwiebelbeet zu graben, da dort noch der Franzose liege", berichtet Babett Donnelly.

Die Nachtwächterin, die im wahren Leben als Grundschullehrerin tätig ist, könnte noch zig weitere Begebenheiten aus Bad Muskau zum Besten geben. Allerdings müsse sie mit ihrer Familie die Parkstadt verlassen, da es sie beruflich nach Berlin ziehe. Dennoch, so kündigt Babett Donnelly an, wolle sie die beliebten Führungen durchs Muskauer Geisterreich auch zukünftig anbieten. Und ihr Geisterhaus bleibe selbstverständlich in Familienbesitz.

Übrigens: Die beiden "Ghost-Walk"-Veranstaltungen im Jahr 2017, angeboten in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Dreiländereck in Weißwasser, waren beizeiten ausgebucht. "Die Führungen sind äußerst gefragt. Wir hoffen, dass es sie auch in den kommenden Jahren geben wird", erklärt VHS-Mitarbeiterin Karola Petrick.